15. April, Sonntag, Port da Ilha

Kann man wirklich 12 Stunden lang schlafen, so richtig tief und fest? Mann kann das nicht, aber Frau. Man stell sich vor, dass Aurora gestern Abend um 19 Uhr ihr Äuglein schloss, in das Land der Träume entglitt, um sie erst wieder um 7 Uhr heute früh aufzuklappen. Sie schlummerte so friedlich, dass ich das Gefühl hatte, sie braucht das, nachdem kein Chico mehr nachts kommt, um sie zu wecken. Also ließ ich sie, schrieb in aller Ruhe Tagebuch und ordnete Bilder. Auch schaute ich mir eben alleine einen kleinen Film an, den ich für gestern Abend mitgebracht hatte. Danach schlief ich auch gut und selig, nur eben nicht so lange.

Der heutige Tag ähnelte den anderen beiden Erlebnistagen hier in Bonito. Vormittags Abenteuer und nachmittags ausruhen am Wasser. Bevor ich aber darauf eingehe, möchte ich noch einmal kurz auf die Leute und die Gruppe hier zu sprechen kommen. Ana (Bild 1 + 46) kommt aus Palmas. Sie ist die, die auch nach Curitiba fahren will, um dort mal kühlere Temperaturen zu erleben. Wir erzählten ihr, dass wir demnächst nach Palmas kommen, um von dort nach Jalapão zu fahren. Daraufhin holte sie erst mal ihr großes Seidentuch von dort hervor und ich konnte ein hübsches Bild machen. Na ja, vielleicht treffen wir sie ja auch in Palmas. Wer weiß.

Bild 2 zeigt unser Hotel und den Bus. Busfahren ist hier schon ein besonderes Erlebnis. Dass es eng ist, hatte ich schon gemeldet. Wenn aber nun unsere Gruppe drin sitzt, entfaltet das Gefährt ein besonderes Leben. Im ersten Drittel sitzen die lebendigsten und fröhlichsten Menschen. Sie singen, schreien, grölen und lachen über alles, was nur einigermaßen lustig sein könnte. Jetzt weiß ich auch, dass jenes Aaaaaaa, das wie eine Welle im Crescendo ansteigt und abebbt, nichts anderes ist als eine Reaktion auf irgendeinen Satz, den jemand gesagt hat. Wir hören es in Bombinhas fast jede Nacht von irgendwo her bis in die frühen Morgenstunden. Auch habe ich gelernt, dass man über alles lachen kann. Da schütten sie sich aus vor Lachen, weil der Busfahrer beim Aussteigen vor der Bootstour meint, die Sucuris, also die Riesenwürgeschlagen, würden um diese Zeit besonders hungrig sein. Mein Gott, ist das lustig! Ach, dachte ich, solche Scherze bekomme ich auch gebacken. Als wir ans Schwimmen kamen, meinte ich daraufhin zum ersten, der sich ins Wasser gleiten ließ, dass wir vergessen hätten, ihn zu informieren, dass hier eine Menge Piranhas sind, die einen mächtigen Hunger haben und ob ich jetzt sein Mittagessen auch haben könnte, da mit seiner glücklichen Heimkehr ja nicht zu rechnen sei. Niemand lachte, nicht mal der Gemeinte. Alle schauten mich an, als hätte ich einen Schlag weg. „Entschuldigung!“ sagte ich, „das sollte nur ein Scherz sein.“ Man wandte sich wieder ab, um über die eigenen Scherzen zu lachen. Gott, war mir das peinlich. Offenbar hatte ich nicht im richtigen Ton gesprochen, oder man erwartete von mir nur Ernstes, weil ich ja ein Alemão bin. Wie dem auch sei, traute ich mich nicht, einen weiteren unangebrachten Scherz in die Gruppe einzubringen.

Ach ja, die Gruppe. Aurora und ich sind als alte Krüstchen durchaus richtig hier, denn ich glaube, gar niemand außer einer jüngeren Frau ist etwas anderes als ein Pensionär. Und alle Pensionäre sind solche aus dem Staatsdienst. Es gibt nur 4 Männer unter uns. Einer bin ich selber. Dann kommen zwei Brüder, die aus Petropolis sind. Der eine hat heute beim Ausruhen (Bild 51) Aurora erzählt, dass er zwar Ingenieur sei, jedoch bei Leonardo Boff vormals 2 Jahre Theologie studiert hatte und auch bei einem Franziskaner in Freiburg gewesen sei, der ein Freund von ihm ist. Der Rest der Gruppe, die aus rund 30 Teilnehmenden besteht, sind Frauen. Fast alle sind ziemlich kompakt, rundlich und klein. Die Phonzahl ist dabei in umgekehrter Relation zur Person. Im Bus hatte ich den Eindruck, dass jeder Brasilianer und jede Brasilianerin in einer Gruppe die Phonzahl des Lärms um jeweils 10 Dezibel erhöhen. Das muss so sein, weil man ja sonst nicht gehört wird. Eine Person dieses Landes als Gegenüber ist gut zu hören und zu verstehen. Je mehr es werden, desto stärker der Lärm. Bei einer Gruppe von 10 Menschen ist man schon bei 100 Dezibel, also fast auf Düsenflugzeugebene. Bei 13 Leuten wird die Schmerzgrenze erreicht und bei 30 Leuten – nach ja. Das muss man eben erleben. Ich habe gerade Kopfhörer bestellt mit einem Aktivschutz. Da nimmt ein Mikro den Umgebungslärm auf und filtert diese Frequenzen dann raus, was im Ergebnis eine herrliche Ruhe ergibt, wenn man die Teile auf den Ohren trägt. Ich werde sie in Zukunft mit mir führen.

Der Vormittag war also dem Abenteuer gewidmet. Das sollte heute eine Gummibootfahrt mit Überquerung diverser Wasserfälle sein. Es fand statt in einer Anlage, die der gestrigen ähnelte, nur nicht ganz so gut gepflegt war. „Eco Park Ponto da Ilha“ (Bild 3) hieß sie und hier verbrachten wir den Tag (Bild 4 – 11). Zunächst also die Bootsfahrt. Schon im Bus wurde uns gesagt, wir sollten alle Fotoapparate und alles, was leicht verloren gehen kann, bitte vorher einschließen in extra dafür vorgesehene Schließfächer. Also wieder ohne Fotoapparat und Handy, jedoch mit der Zusicherung, dass für uns reichlich Bilder da sein würden, was schließlich auch stimmte. Badekleidung anziehen, Sachen einschließen und Schwimmweste abholen. Es folgte die Einweisung an einem trocken gelegten Gummiboot. Wie verhalte ich mich, wenn ich einen Wasserfall hinunter fahre? Wie kann ich mich setzen, wenn ich gut auf dem Foto aussehen will? Was habe ich zu tun, damit alles gelingt? Wie wird gerudert und wer sollte rudern? Usw. Alles wurde probiert und geübt, sozusagen als Trockentraining. Dann aber ging es los zunächst in einen Bus, der uns an die Abfahrtsstelle der Boote brauchte. Wieder wurden wir in die altbewähren Gruppen eingeteilt. Wir waren wieder die dritte Gruppe, die Korkenzieher-Gruppe. Unser Boot war gelb. Einsteigen und losfahren. (Bild 12 – 44, aber auch das Video) Gleich kam auch der erste, kleinste Wasserfall. Hinwerfen in das Boot wie geübt, festhalten, den Wasserfall runter fahren, aufrichten, neu hinsetzen usw. Kaum waren wir dann unten, wurden wir auch schon von den anderen Booten zu einer Wasserschlacht eingeladen. Eimerweise ergoss sich das Wasser über uns und über die anderen, die natürlich von und Contra bekamen – und nicht zu wenig. Kindisch? Nein, sehr lustig und man kann herrlich regredieren, was auch alle taten. Weitere Wasserfälle, weitere Wasserschlachten, schwimmen. Aurora traute sich auch wieder ins Wasser, wobei sie beim Reinziehen einen kleinen Unfall hatte und wieder zurück ins Wasser glitt, wobei ihr Kopf unter Wasser geriet. Aber sie war auch jetzt wieder sehr tapfer und ich glaube, es hatte keine schlimmen Folgen für ihren Mut, der so richtig groß hier geworden ist.

Zum Mittagessen waren wir dann wieder in der Anlage. Das Mittagessen war gleich dem von gestern, wobei das Beef ebenso lecker war, jedoch sehr viel weicher. Nicht schlecht! Lecker! Danach war nun also Ruhezeit, den wir am Wasser verbrachten mit Schlafen und Sprechen, Fischen gucken und Fotos machen (Bild 45 – 51). Es war eine sehr erholsame Zeit ohne Probleme, denn auch das Wetter war heute etwas gnädiger als in den letzten Tagen. Morgens war es bedeckt. Die Wolken rissen erst im Laufe des Vormittags auf und die Sonne kam hervor, um sich dann aber schon gegen 13 Uhr wieder hinter Wolken zu verstecken. Es begann sogar zu gewittern. Donner war zu hören und ein Blitz zuckte am Himmel, jedoch fiel kein Regen. Der verdunstete wahrscheinlich schon im Fallen. So waren die Temperaturen sehr angenehm und genau richtig für einen schönen Mittagsschlaf. Um 17 Uhr waren wir dann zurück im Hotel. Aurora und Inha zogen noch einmal los, um T-Shirts zu kaufen. Ich blieb im Hotel, um mit dem vielen Material, das ich heute erhalten habe, umzugehen und das Tagebuch zu schreiben. Wir werden den Abend mit einem Filmchen beenden. Morgen müssen wir wieder sehr früh raus, denn um 6.30 Uhr müssen wir schon auschecken, denn es geht zurück nach Campo Grande.

Zum Seitenanfang