10. März, Freitag, Canyon Malacara

Also so richtig gut war die Nacht nicht, denn uns beiden taten die Beine weh. War gestern wohl ein wenig viel gewesen, was wir da herum gelaufen sind. Also haben wir anfangs nicht so gut schlafen können, jedoch im Laufe der Nacht wurde es besser, zumal wir hörten, wie der Regen auf das Dach trommelte und man sich im Bett wohlig und trocken fühlen konnte. Es hat auch fast die ganze Nacht geregnet und auch morgens nieselte es noch ein wenig, als wir um 8 Uhr frühstückten.

Gegen 9 Uhr wurden wir dann wieder abgeholt. Heute sollte uns Marcos auf unserem Weg begleiten, der unten durch den Fluss Malacara in den gleichnamigen Canyon hinein führte. Und das bei Regen? Als wir los fuhren besorgte und Marcos zunächst Regenüberzüge, die wir im Gepäck mitnahmen, denn als wir am Halteplatz ankamen, hatte der Regen aufgehört und wir dachten schon, die Sonne käme jetzt heraus. Tat sie aber nicht. Sie schaute nur kurz nach und verschwand dann wieder hinter Wolken. Die Wolken aber waren so hoch, dass sie unsere Sicht nicht behinderten und auch keinen weiteren Regen auf uns ergossen. Das Wetter war also ideal für diesen Ausflug.

Wir hatten schon Angst, dass es ähnlich weit würde wie gestern. Aber Marcos beruhigte uns. Nein, wir hätten nur 2 km pro Strecke zu laufen. Diese Kilometer aber seien doch etwas anders als auf einem Wanderweg. Sie waren in der Tat etwas anders.

Am Ausgangspunkt angekommen wurde uns zunächst für jedes Bein ein Wadenschutz angebracht. Wozu denn das? fragen wird. Na ja, das sei gegen die spitzen Steine im Fluss und gegen Schlangenbisse unterwegs. Klingt das nicht etwa positiv, dass wir gegen sowas geschützt werden? Dann kann uns ja nun wirklich nichts mehr passieren! Die erste Gefahr aber kam recht bald. Munter schritten wir aus und kamen zügig an den breiten Bach, den wir zu durchschreiten hatten. Da lernte ich zuerst, dass es gut ist, Tennisschuhe anzuhaben mit Socken, denn damit kann man auch bequem im Wasser laufen. Bis zu den Knien standen wir wacklig im strömenden Wasser. 30 Meter vor uns lag ein Kabel im Wasser. Als ich Auroras Hand ergriff, ergriff mich ein zartes, kribbelndes Gefühl. Da schrie auch schon der ganz vorne laufende Marcos, dass wir sofort schnellstens zurück gehen sollen, denn das Kabel führt Strom. Und ich dachte schon, dass Aurora so prickelnd wäre. Also schnell  zurück. Marcos rief beim Elektrizitätswerk an, dass da ein stromführendes Kabel im Fluss hängt und die kamen auch gleich, um das zu reparieren. In der Zwischenzeit saßen wir in einem kleinen Imbissstand und sprachen mit einer jungen Frau, deren Vorfahren aus dem Hunsrück eingewandert sind, aus Moselbach oder so ähnlich. Da die Frau kein Wort Deutsch konnte, hat sie den Namen auch nicht sagen können. Sie erzählte aber, dass die Serie „Heimat“ von Edgar Reitz dort gedreht worden sei und sie sagte, dass ihre Mutter den Dialekt, den Aurora so gar nicht verstand, noch sehr gut verstand, besser als alles Hochdeutsch. Das fand ich spannend und selbst Aurora meinte, dass sie es noch mal mit der Serie probieren sollte.

Dann war das Kabel stillgelegt und wir konnten wirklich starten. Wunderbar! Der Pfad war ziemlich genau 20 cm breit, so dass dort jeweils 1 Person gefahrlos laufen konnte, soweit das bei wild aufeinander liegenden Steinen geht. Erst einmal also durch den Fluss hindurch. Alle nehmen sich an der Hand, Marcos läuft vorneweg und dieses Mal war zwischen uns keine Spannung zu spüren. Heile kamen wir auf der anderen Seite an. Dort machte uns Marcos darauf aufmerksam, dass wir auch die Pflanzen möglichst nicht berühren sollten, denn da seien u.a. einige Viecher wie jene Prozessionsspinner – er wies auf einige dieser Raupen hin, deren Gift stark brennt und bis zu Erstickungsanfällen gehen können. Also schön aufmerksam sein auf Schlangen, giftige Insekten oder Raupen, spitze Steine, aber sonst ist der Weg richtig schön. Nur: Wie soll man vermeiden, auf einem 20 cm breiten Weg die Pflanzen rechts und links zu berühren, wenn man meine zufriedene, etwas ausladende Statur besitzt? Also ging ich ganz hinten, was die Vorteile hatte, dass mindestens eine Person vor mir schon die Pflanzen berührt hatte und dass ich auch hinfallen konnte, ohne dass Aurora gleich vor Sorge in Ohnmacht fiel. Denn sie schritt vor mir und hat keine Augen hinten, sondern war mit sich selber beschäftigt, ihren Weg über Stock und Stein – mehr Stein als Stock – zu finden. Übrigens haben wir auf dem Rückweg die Position geändert und hinterher hat mir Aurora erzählt, dass sie zweimal fast hingefallen wäre und einmal auch auf dem Po saß. Ich hatte nichts gesehen und schämte mich als unaufmerksamer Ehemann.

Insgesamt überquerten wir viermal diesen Fluss, wobei jede Überquerung tiefer und mit stärkerer Strömung war. Das letzte Stück wurde dann noch besonders steinig, nass und glitschig, bis wir an den Fuß eines Wasserfalles kamen, an dem sich ein relativ großes Becken gebildet hatte, in dem man sogar schwimmen konnte. Nur hatten wir kein Badezeug dabei, wie jene junge Familie, deren Mama ein richtig tolles Weib war. Aber der Papa war auch nicht schlecht, meinte Aurora. Dennoch tat die Abkühlung ganz gut. Das Wasser ist hier ja auch in diesem Fluss nicht gerade kalt. Ich schätze, dass es ungefähr 28° hatte. Aurora meinte, es seien nur 15°, aber Aurora verschätzt sich gerne bei Wassertemperaturen. Insofern war es auch nicht so schlimm, nasse Klamotten und nasse Füße in nassen Schuhen zu haben. Erkälten kann man sich dabei kaum. Sorgfältig passte ich auf meine Kamera auf, damit sie nicht nass wird. Ganz gelungen ist es mir nicht, aber fast. Immerhin.

Nach einer Weile brachen wir dann wieder auf, um denselben Weg zurück zu gehen. Und dieses Mal war es umgekehrt wie gestern. Der Rückweg ging immer leicht bergab,  so dass er wesentlich schneller geschafft war als der Hinweg, der doch recht anstrengend war. Und als wir die erste Durchquerung des Flusses machen wollten, verlor ich mitten drin mein Gleichgewicht und ging doch noch mit allen Klamotten inkl. Kamera baden. Mit mir zog ich dank meiner Masse auch noch Inha, die abzutreiben drohte, samt Marcos, der sich im letzten Moment noch fing. Gut gemacht. Typisch Hans-Georg! Aurora übernahm nun die triefende Kamera in ihren Beutel, mit dem sie sich dann aber bei der letzten Überquerung auch noch mal fast in den Fluss setzte.

Nicht genug des Elends, entdeckte unser Marcos auf dem Weg eine sehr giftige Schlange. Es war ein hübsches Tier, schwarz mit einem gelb-roten Muster auf dem Rücken. Wieder ein Panikschrei von Marcos: „Alle schnell zurück!“, während er versuchte, das störrische Vieh beiseite zu schieben, was nicht so leicht war. Dann aber sollten wir möglichst schnell die Stelle passieren, damit nichts passiert. Ich rannte als erster, denn mein Beinschutz des rechen Beines war mir zuvor abhanden gekommen, so dass die Schlange bei mir eine gute Chance auf einen gelungenen Biss gehabt hätte. So aber hat sie mich nicht erwischt – sonst könnte ich das hier jetzt ja auch nicht schreiben, wie man sich denken kann. So gelangten wir ohne weitere Unfälle, nur eben klitschnass zur Ausgangsstelle, wo wir abgeholt und zur Pousada zurückgebracht wurden.

Ab unter die Dusche und dann uns selber und unsere Sachen trocknen. Letzteres haben wir zwar versucht, jedoch war alles dank des nächtlichen Regens am Morgen noch genauso nass wie am Abend. Wir packten alles in Plastik-Einkaufsbeutel und nahmen es so mit nach Hause. Die Fotos haben Gott sei Dank keinen Schaden davon getragen. Die Kamera aber machte keinen Mucks mehr, so dass es dann auch keine Fotos mehr geben wird.

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