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14. August 2013, Die letzten Tage im Beruf

Jetzt sind es noch 10 Tage bis zu meinem Ausscheiden als Pfarrer der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Gestern hatte ich noch mein letztes Gespräch mit Frau Pröpstin Scherle, meiner Dienstvorgesetzten, über meine Erfahrungen als Pfarrer. Es ist ein eigentümliches Gefühl, bald den Beruf mit seinen Verpflichtungen und Terminen hinter sich zu lassen. „Komm, süße Freiheit!“ so lautet eine Arie im Oratorium Judas Maccabäus von Georg Friedrich Händel. Es ist eine wunderschöne Arie, derzeit mein Lieblingslied, das auch jenes Gefühl wiederspiegelt, das mich derzeit erfüllt. Kein Urlaub war je so entspannt und frei, wie die Pensionierung. Niemals konnte ich in meinem Leben einen neuen Lebensabschnitt unter ähnlich freien Bedingungen beginnen wie dieses Mal. Denn die Gestaltung der restlichen Lebenszeit ist absolut frei. Ich muss mich nicht mehr für einen Beruf ausbilden, muss keine Verantwortung mehr für die Zukunftssicherung übernehmen, kann auf Ressourcen zurückgreifen, die sich angesammelt haben, weiß um die Möglichkeiten, die ich auch weiter habe, kann in Brasilien wohnen und leben, muss es aber nicht und bin absoluter Herr meiner Zeit. Diesen Luxus gibt es nur nach der Pensionierung. Wer ihn sich vorher - z.B. nach dem Abitur - genehmigt, muss sich vergegenwärtigen, dass irgendwann einen doch die Verantwortlichkeit einholen und man zu arbeiten beginnen muss. Mich begrenzt zeitlich eigentlich nur noch die Krankheit und/oder der Tod.

Andererseits aber empfinde ich auch große Trauer, denn ich muss nun viel zurück lassen. Im Laufe meines Lebens hier in Frankfurt, besonders in den Gemeinden (Andreasgemeinde, Festeburggemeinde und Frankfurt-Höchst), aber auch in der Behindertenarbeit (darin besonders in der Blindenarbeit) habe ich viele Menschen schätzen und lieben gelernt. Besonders alte Menschen, die sich oft in ihrem Leben bewähren mussten und die daran gereift sind, waren mir in den letzten Jahren sehr lieb und wichtig. Sie muss ich jetzt hinter mir lassen, was ihnen und mir sehr weh tut. Aber die meisten von ihnen sind mit den neuen Kommunikationsmitteln wenig vertraut, so dass es schwierig wird, Kontakte halten zu können. Manche sind einfach auch zu alt und zu schwach dazu. Für sie ist der Abschied so etwas wie der Tod: wir werden uns wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Aber da sind auch die jungen Menschen, Krabbelkinder, deren Krabbelopa ich war, samt deren Eltern, zumeist Mütter. Auch von ihnen tut der Abschied weh. Die kleine Emma hat sich gerade an mich gewöhnt und fremdelt nun nicht mehr. Da muss ich sie verlassen. Monika hat gerade ihr zweites Kind bekommen, das ich noch taufen durfte. Sie ist so tüchtig, denn sie hat kaum Hilfen und kann sich nur schlecht von einer schweren Schwangerschaft erholen. Wie gerne würde ich ihr ein wenig zur Seite stehen.

Noch ist es nicht so weit, dass ich alles hinter mir habe. Ich habe schon viele Abschiedsbesuche gemacht und es stehen noch etliche aus, die ich noch gerne zusammen mit Aurora machen möchte. Da kommen auch schon die Anfragen von den bereits Verabschiedeten, ob wir nicht noch Zeit hätten, noch einmal Abschied von ihnen zu nehmen. Das rührt mich, ist aber doch ziemlich unmöglich. Auch muss ich leider noch eine Beerdigung von einer Frau übernehmen, mit der ich 10 Jahre lang in der Blindenarbeit ziemlich eng verbunden war, eine großartige Persönlichkeit, die viel Eindruck auf mich gemacht hat. Und schließlich steht noch eine Eiserne Hochzeit eines Paares aus, das sich so sehnlich wünschte, dass ich diese Feier noch gestalte. Der Beruf lässt mich also nicht los. Er ist eben mehr als ein Beruf, nämlich eine Berufung für mich, der ich gerne nachgegangen bin. Am Samstag feiert dann noch der Mann meines ältesten Ehepaares seinen 100. Geburtstag. Seine Frau ist schon 101 Jahre alt. Wir feierten vor einigen Jahren ihr 75. Ehejubiläum. Sie sind meine ältesten Freunde.

Zwei Gottesdienste liegen noch vor mir. Am kommenden Sonntag ist mein letzter Gottesdienst in der Gemeinde, denn der Abschiedsgottesdienst am 25. August wird wegen der Renovierung der Andreaskirche in der katholischen St. Josefskirche in Eschersheim um 15 Uhr gehalten. Die vielen Menschen, die dorthin kommen möchten, würden nicht ins Stübbchen der Andreasgemeinde passen, in dem derzeit die Gottesdienste stattfinden.

Die Betreuung der Homepage der Andreasgemeinde habe ich gestern an einen Kirchenvorsteher abgegeben, der sie weiter machen und auch ausbauen möchte. Auch das ist eine Entlastung und ein Schritt auf die neue Freiheit zu. In der Blindenarbeit hatten wir den Auftrag, die Hörbücherei abzuwickeln. Das war für Aurora und mich sehr schlimm, weil wir darein viel Herzblut gegeben hatten und die Schließung eigentlich auch unnötig fanden. Aber wir haben es dennoch auf Geheiß angepackt und sind damit schon fast fertig. Gestern kam der Leiter der Frankfurter Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen zu uns, um nachzuschauen, ob es ihm möglich ist, die Studioausrüstung in sein Institut zu holen. Es geht. So wird hoffentlich die Hörbücherei mit verändertem Konzept und anderem Träger weiter existieren können. Morgen ist nun das letzte Blindentreffen mit Aurora und mir. Das wird sicherlich noch einmal sehr traurig.

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