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18. September 2013, Nachdenkliches

Ein Gedicht von Hermann Hesse geht mir derzeit viel durch den Kopf. Es macht Mut angesichts gravierender Veränderungen in meinem Leben.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ich habe dieses Gedicht schön öfters bei Beerdigungen zitieren sollen und auch zitiert. Aber ich finde, dass es ein Gedicht des Lebens ist, ein Gedicht der Entwicklungen eines menschlichen Lebens, und nicht ein Gedicht des Todes. Mir hilft es jetzt im Umbruch, wenn die lange Zeit in Frankfurt, die ja immerhin von 1979 bis heute andauerte und fast meine gesamten berufstätigen Jahre umfasst, zu Ende geht und ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnt.
Viele kamen zu mir und fragten, wie ich denn nur meine Heimat verlassen könne, um in ein solch fremdes Land zu gehen. Und man bekundet, dass man das selber nicht könne. Und ich sage darauf: Wie kann man nur sein ganzes Leben lang in nur einer Stadt verbringen? Ist es nicht furchtbar, schon in seiner Jugend zu wissen, wo man einst begraben sein wird? Wie ist das mit dem Zauber des Neubeginns?
So prallen verschiedene Lebensentwürfe aufeinander in der Hoffnung, dass sie einander doch tolerieren, wenn sie sich auch nicht verstehen können.
Als Aurora vor rund 10 Jahren nach Deutschland kam, war klar, dass wir nach einer Pensionierung gemeinsam nach Brasilien gehen. So war die Absprache. Und so wird sie eingehalten. Gott hat uns zusammengeführt und hat in dem damaligen Neubeginn mit Aurora bereits den Abschied von Frankfurt eingebaut. Jetzt gilt es also, mit tapferem Herzen Frankfurt hinter sich zu lassen, um in Bombinhas neu zu beginnen, neue Menschen zu treffen, eine neue Kultur zu leben, heimisch dort zu werden. Aber ohne zu trauern, wie Hermann Hesse meint? - Ich denke, dieses Ende ist auch traurig, wenn auch nicht so gravierend traurig. Denn im Gegensatz zu der Zeit, in der Hesses Gedicht entstand, gibt es heute viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben, die Zurückgelassenen an seinem Leben teilhaben zu lassen und umgekehrt. Der Abschied ist kein unbedingter Abschied mehr von Menschen, die einem etwas wert sind. So habe ich rund 350 Visitenkarten verteilt. Wer möchte, kann also Kontakt mit mir halten. Ich würde mich darüber freuen. Aber hinzu kommen im Anfangen in Bombinhas auch neue Bindungen, auf die ich neugierig bin. Wie wird es dort in Brasilien, in Bombinhas werden? Welche Aufgaben warten dort auf mich? Wie wird mein Leben dort sein? - Werde ich wieder als Pfarrer dort tätig werden, wie viele vermuten? Ich weiß das noch nicht, halte es keineswegs für gegeben, denn immer nur dasselbe Alte zu machen, ist nicht mein Ding. Ich genieße es, den Gottesdienst besuchen zu dürfen, ohne den Druck zu fühlen, demnächst selber wieder einen halte zu müssen. Ich wehre mich gegen ein Erschlaffen, möchte darum gut Portugiesisch lernen und habe die Vision, im Fernstudium noch Informatik zu belegen und zu lernen.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Was ist Heimat? - Viele machen das an einem Ort, einer Landschaft fest. Ich kann das nicht, denn dafür bin ich schon als Kind zu oft umgezogen. Geboren in Ostwestfalen, dort war ich auch als Kind. Meine frühe Adoleszenz war im Münsterland, von wo aus es nach Niederbayern ging. Allein dieser Umzug war ein solcher Wandel, dass ich seitdem keine Bindung mehr an eine Landschaft, eine Leitkultur habe. Damals in den 60er Jahren war der kulturelle Unterschied zwischen dem Münsterland und Niederbayern größer als der heutige von Frankfurt nach Bombinhas, meine ich. Aber auch in Niederbayern blieb ich nicht lange, zog weiter ins Badische. Dann folgten Bielefeld und Schweden, genauer gesagt: Uppsala zum Studium und dann Stockholm mit seinen Vorstädten Solna und Norsborg. Von dort aus kam ich dann nach Frankfurt, wo ich so lange gelebt habe, wie an keinem anderen Ort: 1979 - 1995 in Höchst und seitdem in der Nordweststadt. Natürlich ist mir manches lieb geworden, aber diese Orte sind nicht meine Heimat, von der zu trennen mir besonders schwer fällt.
Was ist nun Heimat? - Vor 20 Jahren hätte ich gesagt: Heimat ist da, wo meine Bücher sind. Das war vor der Zeit des Tablet und des Kindle-Readers, in denen sich jetzt meine Bücher befinden. Diese kleinen Geräte kann ich aber überall hin mitnehmen. An ihnen würde ich heute meine Heimat nicht mehr festmachen. Ist Heimat da, wo man so sein Zeug hat? - Ich beobachte gerade, wo ich mich in einer leeren Wohnung befinde, dass es mir in der Leere auch gut geht. Man muss nicht um Dinge herum laufen, kann sich ganz frei bewegen, eckt nirgends an. Eine leere Wohnung ist Freiheit und eigentlich ein Ort, der neu gefüllt werden kann, wenn man will, oder der leer bleiben darf, wenn es einem beliebt.
Heimat ist für mich inzwischen dort, wo ich mein Leben lebe, wo es mir gut geht. Lange Jahre war das in Frankfurt, aber jetzt ist Bombinhas dran. Neugierig und auch etwas ängstlich nähere ich mich diesem neuen Heimatangebot und hoffe, dass es für mich nicht beim Angebot bleibt. Dafür ist aber nun auch mein Zutun gefragt, indem ich gespannt auf das Neue bin, neugierig lerne, versuche, nicht zu urteilen, sondern lieber erwäge, abwäge, übernehme, gestalte. Der Weltgeist will mich Stuf' um Stufe heben. Das ist das Ziel. Geb Gott seinen Segen drauf!

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