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20. Oktober, Monatsbilanz

Heute vor einem Monat sind wir in Bombinhas angekommen. Eigentlich hatten wir gehofft, bis heute mit dem Umzug fertig zu sein, doch es ist noch lange nicht so weit. Morgen ist der Container bereits 5 Wochen unterwegs und noch immer nicht da. Erst am kommenden Donnerstag soll er in Paranaguá ankommen. Und von da bis hierher ist auch noch einmal eine Strecke, die sich zeitlich dehnen kann. Wir haben bereits für 2 Wochen weiterer Containernutzung gezahlt. So waren wir von der Spedition angehalten worden. Ob wir bis Mitte November fertig sein werden?

Dennoch ist die Zeit nicht unnütz verstrichen, denn wenn ich bedenke, wie unsere Wohnung noch immer nicht ganz fertig ist, so war es für uns nicht unbedingt ein Nachteilt, dass der Container so verspätet ist. So haben wir uns vieler Dinge widmen können, die sonst viel später dran wären: Mein Führerschein, den offiziellen Besitzurkunden für unsere beiden Wohnungen und anderen zumeist bürokratischen Notwendigkeiten. Auch mussten noch weitere Arbeiten an der Wohnung erledigt werden, die so mit mehr Ruhe und bei leeren Räumen gemacht werden können. Es wäre z.B. sehr schwierig geworden, den Durchlauferhitzer von der Waschküche innen nach außen zu verlegen, was sich als eine sehr sinnvolle Maßnahme erwies. Jetzt kann noch mal ein Mauerdurchbruch gemacht werden. Wären die Möbel schon am Platz, wäre der dabei entstehende Dreck fast nicht zu meistern. Also haben wir nun noch 2 - 3 Wochen Zeit, um so etwas zu erledigen.
Gestern kamen immerhin schon die ersten 14 Lampen an ihren Platz. Senhor Paulo, ein Elektriker und freundlicher Mann, hat das für uns gemacht. Er kam gestern gegen 7 Uhr und arbeitete den ganzen Tag, bis alle 10 Außenlampen, die die Terrasse erhellen, angebracht waren und funktionierten, und bis auch die 4 Ventilatorenlampen, die wir schon im Februar gekauft hatten, in den 4 Räumen an der Decke hingen. Wir empfinden das als einen riesigen Fortschritt. Morgen kommt er, um die letzte noch vorhandene Lampe anzubringen. Und dann müssen wir auf den Container warten, in dem sich die restlichen Lampen befinden. Immerhin brauchen wir in der Wohnung 25 Lampen.

Weitere Fortschritte, die für uns Bedeutung haben, sind ebenfalls gemacht worden. Am wichtigsten war, dass wir seit letztem Sonntag ein schnelleres Internet haben und dadurch in der Lage sind, uns deutsches Fernsehen anzuschauen. Zu sehen sind hier vor allem in den öffentlich-rechtlichen Sendern all die Programme, die von den Anstalten selber produziert wurden, für die sie also keine Rechte einkaufen mussten. Das gilt für manche Filme, aber vor allem auch für Nachrichten- und Informationssendungen. Jetzt begleiten uns neben den brasilianischen Nachrichten auch weiterhin die Tagesschau und heute.
Auch in der hiesigen Gemeinde sind wir das zweite Mal gewesen. Heute um 10.30 Uhr war ein ganz besonderer Gottesdienst, denn die Gemeinde feierte ihr 12-jähriges Jubiläum. Gestartet war sie mit 40 Gemeindegliedern, die sich noch ohne eigene Räume trafen. Vor 2 Jahren begann dann die inzwischen etwas gewachsene Gemeinde mit dem Bau der Kirche. Damals hatte man nur 40.000 Reais gesammelt. Bis heute wurden daraus 170.000 Reais. Davon konnte jetzt das Erdgeschoss mit dem Gemeindesaal fertig gestellt werden. Heute war die feierliche Schlüsselübergabe im Gottesdienst, wozu der Superintendent - Dekan kam. Wieder lernten wir neue Leute kennen. Da ist z.B. Anton, ein Tischler aus der Nähe von Paderborn, also ein Landsmann von mir. Er wohnt in Bombinhas seit 14 Jahren mit seiner Frau und zwei Söhnen und er ist ein fröhlicher Mensch, mit dem man sicher auch viel Spaß haben kann. Ich denke, wir werden Kontakt halten. Außerdem trafen wir Maria, die bis auf die Saison in dem Haus wohnt, in dem wir derzeit noch wohnen. Sie und ihre Freundin Gisela saßen mit uns beim Festessen an einem Tisch.
Was mir am meisten Gedanken macht, sind meine mangelnden Sprachkenntnisse. Einerseits genieße ich, dass ich, der ich doch so viel mit der Sprache gearbeitet habe, nicht so viel sprechen und verstehen muss. Das Schweigen ist mir ganz lieb. Meine Sprachlosigkeit enthebt mich mancher Verantwortlichkeiten und zwingt mich - im wahrsten Sinne des Wortes - mehr in den Ruhestand, als es bei einem Verbleib in Deutschland der Fall gewesen wäre. Hier bin ich niemand, die Menschen sprechen eher mit Aurora als mit mir, und ich bin passiv - und genieße das alles. Der Genuss der Stille hat einen Hauch des Todes über sich. In ihm begegnet mir eine Art Todessehnsucht, die keine Depression ist, sondern einfach ein Fortschreiten raus aus dem Seienden ins Jenseitige. Die erreichte Freiheit des Ruhestandes wird so zu einer Freiheit, die sich nicht nur von Zwängen, sondern sogar vom diesseitigen Leben befreit. In den letzten Monaten meines Berufslebens hatte ich öfters von der paulinischen Lebenshaltung gepredigt, die darauf abzielt, sich von allen Verstrickungen zu befreien, um sich ganz auf das Ziel des kommenden Christus hin auszurichten. Es ist eine Art Engführung des Seins, das sich von allem Ballast befreit. Und so komme ich mir derzeit vor: frei, selbst in Bezug auf menschliche Verstrickungen. Das ist schön, aber auch gefährlich, denn so katapultiert man sich selber aus dem Leben. Die Zufriedenheit ist der Feind des Fortschritts, in dem Fall des sprachlichen Fortschritts. Zum Lernen der Sprache muss ich mich derzeit zwingen, und das ist keine gute Motivation. Also bin ich auf der Suche nach einer solchen. Mal sehen, wie sie gelingt. Abgesehen davon wäre derzeit sowieso kaum Zeit, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Dafür ist jeder Tag zu voll gepackt, um das Leben hier geregelt zu bekommen.

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