Zur Hauptseite Döring

30. Oktober, Zwischen den Welten

Es ist derzeit nicht mehr viel zu tun, denn entweder sind die Arbeiten soweit wie möglich abgeschlossen, oder wir warten auf die Fertigstellung der Arbeiten, ohne einen Einfluss darauf zu haben. Vor allem gilt das für den Container, der zwar bereits im Hafen sein soll, von dem wir jedoch noch immer nicht wissen, wann er endlich vor der Tür stehen wird. So leben wir noch immer im Provisorium. Immerhin gibt es inzwischen Muße zu lesen, und ich lese mich gerade durch das Glasperlenspiel von Hermann Hesse und durch Geschichten der neuen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro: Tanz der seligen Geister.

Das Glasperlenspiel habe ich schon mehrmals gelesen, jeweils natürlich an einem anderen, autobiographischen Zusammenhang. Was das Glasperlenspiel genau ist? - Niemand kann das sagen, wohl auch Hesse nicht. Wie Glasperlen ist es ein schillerndes Ding, vielleicht das Formulieren der Weltformel, auf die alle Kultur, alles Sein gebracht werden kann, vielleicht das Finden von spirituellen Zusammenhängen von Wissenschaften und Kultur, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Das Finden von spirituellen Zusammenhängen ist für mich auch aktuell, denn es ist hier in Brasilien so unglaublich viel anders als in Deutschland. Das gilt besonders für den Umgang und das Sein von Menschen. Wie anders sich hier Kinder verhalten, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Ebenso auch über das Verhalten von alten Menschen, wie ich es bisher erlebt habe. Jetzt habe ich auch Erfahrungen mit Jugendlichen gemacht, die mich ausgesprochen staunen lassen. Im Supermarkt Schmid sind sehr viele Verkäuferinnen und Kassiererinnen beschäftigt. Fast alle sind Mädchen, Teenager, zumeist minderjährig. In Deutschland lebt diese Gruppe von Menschen eher nur im eigenen Dunstkreis. Ich hatte mit ihr wenig zu tun. Nach der Konfirmation waren die Kinder meistens nicht mehr da. Kontakt habe ich in Deutschland also lediglich mit meinen Nichten und Neffen und inzwischen auch schon mit deren Kindern, die so langsam in dieses Alter kommen. Und hier? Als ich vor einigen Tage bezahlte, strahlte mich eins der Mädchen mit großen Augen an und freute sich, als sie verstand, dass ich „alemão" bin, also Deutscher. Seitdem ist sie geradezu auf der Lauer, um mich ja zu erwischen, wenn ich in den Laden komme. Flirtet sie, wie Aurora meint? - Ich kann mir das nicht vorstellen, denn sie strahlt mich ja auch vor Aurora an, bei der sie erlebt, wie ich liebevoll mit ihr umgehe. Was also geht in ihr vor? - Ich weiß es nicht. Vielleicht erfahre ich es noch. Jedenfalls weiß ich, dass sowas in Deutschland nicht vorstellbar ist - wenigstens mir nicht. Wieder eine Glasperle, die anders schimmert als in Deutschland.
Noch eine Begebenheit der anderen Art habe ich erlebt: Wir möchten gerne eine Haushaltshilfe für Aurora haben und suchen nach einer zuverlässigen Frau. Da begegnet uns bei unseren morgendlichen Spaziergängen am Strand mehrfach eine alte Bekannte. Sie war mal Bürogehilfin, mal Putzfrau gewesen, je nachdem, was sie so gerade machen wollte. Gerade, so stellte Aurora im Gespräch mit ihr fest, hatte sie keine feste Stelle. Aurora und ich beratschlagten dann, dass wir sie eigentlich gerne als Haushaltshilfe zu ganz guten Bedingungen anstellen wollten. Aurora machte ihr diesen Vorschlag und sie bat ganz freundlich um Bedenkzeit. Seitdem haben wir sie nicht mehr am Strand gesehen. Wahrscheinlich - Aurora ist überzeugt davon - möchte sie uns nicht absagen, will aber auch nicht Nein sagen. Also bleibt sie weg. Wir haben ihr den Strand sozusagen vermiest.

Ich bin erst mal sprachlos - kann ja auch noch nicht viel dazu sagen, mich nicht formulieren, wie ich es gerne manchmal täte. Aber das ist vielleicht auch besser so, denn als deutscher Glasperlenspieler kann ich die brasilianischen Glasperlen nicht richtig einschätzen und zusammensetzen. Ich würde zu viele Fehler machen. Meine Glasperlen und Spielideen sind erst mal nicht kompatibel mit den brasilianischen Glasperlen und Spielideen. Um das in Beziehung zueinander zu bekommen, braucht es Zeit, Geduld, Toleranz und letztlich gute Sprachkenntnisse.

Die Geschichten von Alice Munro hingegen helfen mir bei der Verarbeitung des Zurückgelassenen. „Die leuchtenden Häuser" sind für mich der Inbegriff einer christlichen Gemeinde, einer Ortsgemeinde, die sich um einen Kirchturm schart, sich in dessen Schatten der Caritas, der Kindererziehung, dem Anstand und den Werten widmet, dabei definiert, was gut oder böse, richtig oder schlecht oder falsch ist und danach seine Ziele ausrichtet. Und wer da nicht passt, wird ausgerissen, vernichtet, ausgegrenzt, gemobbt - im Namen des selbst definierten Anstands. Durch Synodenbeschlüsse von zumeist ländlich geprägten Synodalen in der EKHN ist das Kirchturmdenken nochmals verstärkt und in den Vordergrund gestellt worden. Leuchtende Häuser um einen strahlenden Kirchturm herum. Da bleibt eine Mrs. Fullerton mit ihrem unangepassten Haus auf der Strecke. Ich genieße meinen Abstand zu den leuchtenden Häusern!

Zum Seitenanfang