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9. November, Tag der Erinnerungen

Aurora und ich nahmen uns heute Nachmittag die Zeit, noch einmal an den Strand zu gehen, um die späte Nachmittagssonne zu genießen. Es war heute wieder ein wunderschöner Tag.
Wie anders habe ich diesen 9. November in all den Jahren zuvor erlebt. Davon habe ich Aurora nun erzählt: Die geschichtlichen Anlässe mit zunächst der Ausrufung der Republik im Jahr 1918, dann der Reichspogromnacht und dem Mauerfall und meine Erinnerungen an diese Ereignisse und was ich in den Jahren gemacht habe. Ich erzählte ihr von der Kälte, die immer bei den Gedenkveranstaltungen in Höchst herrschte, wenn wir uns vor dem Platz der ehemaligen Synagoge oder dem daneben liegenden Marktplatz trafen - eine kleine Schar zumeist, um den Worten des Redners zu folgen. Dr. Müller, mein Kollege und Freund aus Alt-Höchst, Ernstdieter Bräuer, mein Freund und langjähriger Präses der Dekanatssynode aus der Christophorusgemeinde, und später dann Waltraud Beck und Josef - genannt Chako - Fenzel, die zusammen die Geschichte der Juden in Höchst recherchierten und veröffentlichten. Chako starb leider viel zu früh. Gut, dass nach ihm heute eine Straße im neuen Lindenviertel, gleich hinter der ehemaligen Kaserne, benannt ist. Wir trafen uns, hörten zu, erinnerten uns, gedachten an die schlimmen Taten und machten Schweigemärsche zu den ehemaligen Wohnhäusern von Juden in Höchst. Und dann 1989, als ich wieder einmal von einer solchen Veranstaltung heim kam und den Fernseher anschaltete, war dort dieses erstaunliche und bewegende Ereignis zu betrachten: der Mauerfall. Zuerst hielt ich die Bilder für einen Fake, doch als sich dann deren Realität herausstellte, war ich - wie alle anderen auch - sehr bewegt und folgte den Ereignissen den ganzen restlichen Abend und die halbe Nacht.

Wie kontrastreich gestaltet sich nun die neue Umgebung für mich. Kälte? - Keine Spur. Eher das Gegenteil. In ärmellosen Shirts und kurzer Hose sind wir am Strand. Die Leute schwimmen, surfen, haben Spaß. Trotz der späten Nachmittagsstunde herrschen noch um die 25°. Es weht ein starker, erfrischender Wind. Die Schönheit der Bilder, die ich heute Nachmittag gemacht habe, geben einen Eindruck davon. Aber das ist ja noch nicht alles. Neulich hatten wir zwei alte, deutschstämmige Damen aus der Gemeinde bei uns zu Besuch. Dabei stellte sich heraus, dass sie, wenn überhaupt, völlig falsche Informationen über die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts in Europa haben. Die Deutschen hätten den 1. Weltkrieg gewonnen, meinte eine. Die andere meinte, der 2. Weltkrieg habe über 10 Jahre lang gedauert usw. Was man daran sieht, ist, wie unbedeutend deutsche Geschichte hier in Brasilien ist. Sie spielt ganz einfach überhaupt keine Rolle. Aus brasilianischer Perspektive relativiert sich die Bedeutung der Ereignisse, nicht die Schrecklichkeit der Pogromnacht, was nicht weiter erstaunlich ist. Deutschland ist ein viel bewundertes Land irgendwo in Europa, wo die Leute angeblich tüchtig sind und pünktlich. Mehr muss man darüber eigentlich auch nicht wissen.

Für Aurora und mich aber sieht es ganz anders aus, denn irgendwie können wir beide Länder doch ganz gut zusammen bringen. Das liegt einmal daran, dass wir hier in der Lage sind, deutsches Fernsehen über das Internet zu empfangen. Dazu gehören die Nachrichtensendungen, viele Filme, Reportagen und sogar die Heuteshow. Wir sind über Deutschland ebenso informiert wie wenn wir in Deutschland lebten. Nur ist es unmöglich, ausländisch produzierte Sendungen, darunter viele Spielfilme, etliches von den Privaten, zu empfangen. Aber der Tatort am Sonntag ist und bleibt ein guter Abschluss für das Wochenende.
Sodann haben wir ja auch noch Kontakte in die alte Heimat. Abgesehen von den Mails der Geschwister, vor allem mit meiner jüngsten Schwester Monika Ratzel, bei der wir auch gemeldet sind, habe ich schon Anrufe von Freunden aus Frankfurt erhalten: aus der Blindenarbeit Walter Lichau, meinem ehemaligen Mitarbeiter Peter Zabel und Frau Haube. Ständigen Kontakt haben wir vor allem mit den Eyrichs, unseren ehemaligen Nachbarn und Freunden, die uns so liebevoll in Deutschland unterstützt haben und noch unterstützen. Emails kommen von Ingrid Schmidt und Christine Naegele, mit denen mich ein lebhafter Austausch verbindet. Wir nehmen weiter gegenseitig an unserem Leben teil. Heute schon habe ich Geburtstagspost von Frau Ehrenhardt und Hubert Schacht aus der Blindenarbeit erhalten. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Auch hat mich Günter Reuter, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes der Andreasgemeinde, zur Wiedereröffnung der Kirche Ende November eingeladen, eine Einladung, der ich leider, aber aus verständlichen Gründen nicht nachkommen kann. Es tut gut, mit diesen und anderen Menschen verbunden zu sein und sich mit ihnen verbunden zu wissen. Nicht umsonst hatte ich noch in Frankfurt sehr viele Visitenkarten unter den Menschen verteilt.

Schaut Euch gerne die Fotos von heute im Fotoalbum an. - Ach ja: Der Container ist inzwischen durch den Zoll durch und sollte eigentlich spätestens Montag gebracht werden. Aber wir haben keine weitere Nachrichten über ihn erfahren.

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