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6. Dezember, Das Erlebnisbuch wird weiter geführt

Ich habe mir überlegt, dass es vielleicht sinnvoll ist, dieses Erlebnisbuch weiter zu führen, auch nachdem der Umzug von Frankfurt nach Bombinhas im Prinzip abgeschlossen ist. Der Grund ist der, dass es sowohl für mich selber, als auch vielleicht für einen interessierten Freundeskreis interessant sein könnte, wie es mit Aurora und mir in diesem Land weiter gehen wird. Manche schreiben Jahresberichte, die sie dann an Freunde verschicken, um ihnen mitzuteilen, was sie bewegt und wie es ihnen geht. Dann häufen sich diese Berichte am Jahresende und werden vielleicht manchem auch ein wenig zu viel. Um nicht missverstanden zu werden: Es ist gut, dass es solche Berichte einmal jährlich oder auch öfters gibt, doch möchte ich dagegen eben dieses Erlebnisbuch setzen, das ein wenige zeitnäher berichtet, was hier los ist und wie es mit uns steht. Alle können dann damit umgehen, wie es ihnen gefällt. Lest es, wenn ihr Zeit dazu habt, erspart es Euch, wenn ihr gestresst seid oder mit Euch selber genug zu tun habt. DAs ist mein Angebot. Das ist das Angebot des halb öffentlich fortgeführten Erlebnisbuches.

Bis auf Auroras Zimmer ist die Wohnung fertig. Aber auch hier sind inzwischen alle Gegenstände wegtransportiert worden, die dort nichts zu suchen hatten. Morgen geht sie dann daran, dem Zimmer die von ihr so ersehnte Ordnung zu geben. Die Möbel werden verteilt und die Bilder an die Wände gehängt. Dann ist auch das fertig und ich werde morgen oder übermorgen neue Fotos von unserer gesamten Wohnung in die Fotogalerie bringen, die dann auch die Fortschritte in den anderen Zimmern zeigen. Denn es hat Fortschritte gegeben. Der wichtigste für uns ist das Aufhängen der funktionierenden Kuckucksuhr. Die war nämlich leicht beschädigt aus den Kartons ausgepackt worden, wurde dann von mir selber mit Email-Anweisung des Geschäfts, in dem ich sie gekauft hatte, repariert und dann zum Laufen gebracht. Es macht optisch keinen großen Unterschied, doch erschallt nun der Kuckuck wieder zu jeder Tages- und Nachtzeit. Manchen mag sowas nerven, aber wer mit Chico zu tun hat, findet das ziemlich harmlos. Chicos nächtliche Arien sind da von einem ganz anderen Kaliber.
Aber auch die Ordnung auf meinem überladenen Schreibtisch ist erheblich besser geworden, so dass hier wirklich ein Arbeitsplatz entstanden ist, den man auch anwenden kann. Und damit sind wir auch schon bei dem, was mich wahrscheinlich die nächsten Monate beschäftigen wird: Arbeiten am Schreitisch, am Computer, um Portugiesisch zu lernen. Vor einigen Tagen habe ich mich bei Babbel angemeldet. Das ist ein Sprachenlernprogramm, mit dessen Hilfe ich in die Tiefen der portugiesischen Sprache eindringen möchte.
Grundsätzlich: Wer hätte das damals, als ich noch auf's Gymnasium ging, gedacht, dass mich einmal Sprachen so beschäftigen würden?! Ich war in der Schule in Sprachen immer ziemlich doof, hatte schlechte Noten in Englisch und auch in Latein. Also hielt ich mich selber für sprachunbegabt. Das bin ich vielleicht auch, jedenfalls für die Methoden, die in der Schule bevorzugt werden. Einen ersten Gedankensteller erhielt ich damals bei meinem ersten Besuch in Schweden, von dem man noch heute dort erzählt. Ich, so erzählte mir Eriks (mein damaliger Austauschfreund, der zuerst zu uns nach Untergrombach kam, und mit dem ich dann nach Malmberget in Nordschweden fuhr) Mutter, war damals ein junger Mann, der unglaublich viel gesungen habe und der die Sprache in Windeseile gelernt hat. Am Anfang konnte ich gar nichts, nach 4 Wochen konnte ich mich gut unterhalten. Das hat sie mehr beeindruckt als mich selber. Aber seit damals habe ich Schwedisch nicht verlernt, habe in dieser Sprache studiert, gepredigt, Unterricht gehalten und überhaupt gelebt. Schwedisch wurde mir eine zweite Muttersprache, dank auch der überaus freundlichen Aufnahme damals in Schweden. Also ganz doof kann ich bezüglich Sprachen nicht sein. Das scheint sich auch jetzt zu bewahrheiten. Denn noch vor einem Jahr hätte ich das hiesige Portugiesisch nicht von Vietnamesisch unterscheiden können. Beides waren einfach Laute, denen nur Eingeweihte Sinn und Aussagekraft entnehmen können. Ich würde, so meinte ich, sicher niemals zu diesem erlesenen Kreis der Eingeweihten gehören. Und auch wenn ich eigentlich in den letzten Jahren nach meinem Volkshochschulkurs nie wieder richtig gelernt hatte, so merke ich jetzt einen großen Unterschied schon zu dem, was ich noch vor einem Monat - nicht - verstand. Heute verstehe ich vielleicht schon die Hälfte. Für die andere Hälfte fehlen mir noch die Vokabeln. Ich merke aber, dass die Menschen hier eine Sprache und keine Laute anwenden. Ich merke auch, dass es Portugiesisch ist und keine Chinesisch oder Vietnamesisch. Und ab und zu gebe ich auch Antworten, kann auf die Menschen mehr zugehen. Und das alles ganz so nebenbei ohne ein bewusstes Lernen. Das eben soll jetzt mit Babbel beginnen. Anfängerkurs. Easy! Die ersten 13 Lektionen habe ich schon gemacht und dabei knapp 1.700 Punkte gesammelt. Aber das ist keine Kunst, weil ich denn doch wohl kein Anfänger mehr bin, mich nur so fühle. Erst mal ein halbes Jahr soll das mit Babbel laufen. Dann werden wir weiter sehen. Ziel der Bemühungen soll sein, dass ich mich vor allem in Wort so ausdrücken kann, dass ich das für uns so wichtige Amt eines Hausverwalters für unser Haus Frankfurt übernehmen kann. Es hängt für uns ziemlich viel daran, denn von den Hausumlagen müssen allein wir mehr als 1/4 bezahlen, weil unsere Wohnfläche die weitaus größte ist. Ein Hausverwalter hat zwar kein schönes oder gar dankbares Amt, weil er für alles und jedes herangezogen und oft auch verantwortlich gemacht wird, aber wir müssen verhindern, dass durch die Machenschaften eines besonders beflissenen Hausverwalters Kosten in unberechenbarer Höhe anfallen. Besonders wenn Rechtsstreitigkeiten anfallen, ist das sehr schnell passiert. Hausverwalter zu werden, ist also sicher eine gute Motivation zum Sprachelernen, aber sicher nicht die einzige. Das ist klar.

Noch einmal zurück zu unserer Wohnung. Zu ihr habe ich von mehreren Seiten die Rückmeldung erhalten, dass sie sehr deutsch aussähe. Eine Reaktion einer guten Freundin aus Frankfurt war: das ist ja wie in Frankfurt! Nun, das ist ja nicht weiter erstaunlich, weil wir ja unsere Möbel mitgenommen haben. Wie sollte es auch viel anders als in Frankfurt aussehen. Und typisch deutsch? Natürlich! Auch Aurora schätzt inzwischen deutsche Lebensart und hatte sich auch in Deutschland immer gewünscht, so komfortabel zu leben wie in Deutschland, nur eben in Brasilien mit den dortigen klimatischen Bedingungen, also das Beste von beidem miteinander zu kombinieren. Genau das scheint mir gelungen zu sein. Wir haben sehr viel Geld in Deutschland vor dem Umzug in die Hand genommen, um uns gut auszustatten. Allein die Waschmaschine, Geschirrspüler und der Wäschetrockner haben uns 3.800 Euro gekostet. Das ist eine Menge Geld, doch musste das sein, damit die Geräte die hiesigen Strombedingungen vertragen. Heute genießen wir diese wunderbaren Geräte, die sehr leise, sparsam und effektiver als alle brasilianischen Geräte, die oft Qualitätsmängel aufweisen, laufen. Für Aurora ist das Waschen ein Vergnügen. Dazu gehören auch die Rollläden vor allen Fenstern, die uns vor den starken Winden und Unwettern, aber auch vor zu starker Sonneneinstrahlung schützen. Sie kosteten hier, von einer brasilianischen Tochterfirma eines deutschen Unternehmens gebaut, ein kleines Vermögen, schenken uns aber jetzt ein Gefühl der Geborgenheit bei den oft auftretenden Gewittern und Unwettern.
Wir genießen in der Wohnung die vielen Wasserstellen. Es gibt hier 6 Waschbecken gegenüber den in unserem Häuschen in Frankfurt vorhandenen 2 Wasserstellen. Auch müssen wir nicht Wasser sparen, denn wir haben unsere eigene Quelle. Wasser gibt es außerdem in Bombinhas im Überfluss. Deswegen ist es auch so schön, dass wir überall gefliesten Steinboden haben. Der ist weiß, so dass man die vielen Haare, die die Katzen verlieren, überall sehen kann. Aber sie sind sehr leicht und schnell weggesaugt. Den Staubsauger, ein hier unübliches Haushaltsgerät, haben wir ebenfalls aus Frankfurt mitgebracht inkl. hunderter Staubbeutel. Schnell mal gesaugt, was bei einem Steinboden sehr leicht ist, dann auch mal gewischt oder mit einem Dampfreiniger (ebenfalls mitgebracht) drüber und es ist alles blitzsauber und hygienisch, was angesichts der unzähligen Tierchen, die es hier gibt, nicht unwichtig ist. Und draußen auf der Terrasse haben wir Schläuche. Aurora stellt das Wasser an, so dass es sich durch Schläuche gelenkt über die Terrasse ergießt. Dann nimmt sie einen Kunststoffbesen, der für Wasser geeignet ist, und fegt damit alles sauber. Denn auf der Terrasse sammelt sich vor allem salziger Sand, der durch die oft starken Winde hierher geweht wird. Das alles ist kein Problem und es macht außerdem noch bei der Hitze des Tages Spaß, mit den Füßen im Wasser stehend die Terrasse zu schrubben.

Noch eine weitere Frage wird immer wieder an mich heran getragen: Ist es eigentlich möglich, Advent, die Zeit der vielen Kerzen und Lichter, der Gemütlichkeit, der Weihnachtsmärke, der Grogs oder heißer Tees und der Plätzchen, in Sommerhitze und länger werdenden Tagen zu spüren? - In der Tat ist es etwas Besonderes, Advent in einer so komplett anderen Umwelt zu feiern. D.h. so ganz anders ist die Umwelt ja doch nicht, denn - wie gesagt - es sieht ziemlich deutsch bei uns aus. Auf dem Esstisch stehen Kerzenleuchter, der Herrnhuter Adventsstern ist aufgehängt, ein Lichterbogen steht im Fenster und wir nutzen alles auch eifrig. Nur der Adventskranz fehlt am Interieur, aber den werden wir uns nächstes Jahr auch zulegen können. Drinnen in der Wohnung ist es also sehr wohl Advent und es wird auch weihnachtlich sein. Nur die Temperaturen unterscheiden sich von denen in Deutschland erheblich. Aber ist das entscheidend für die Adventsgefühle? - Für mich nicht, denn ich konnte sehr wohl im Whirlpool „Macht hoch die Tür" schmettern, und das viele Nachfühlen, wie sich Advent dieses Jahr anfühlt, hat die adventlichen Gefühle eher verstärkt. Ich vermute, dass es mir an Weihnachten ähnlich gehen wird.

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