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1. Januar, Die Alternative

unsere Rua Gavião am Nachmittag des 31. DezembersEs war in der Tat eine Alternative zu deutscher Besinnlichkeit an Weihnachten bis hin zur Feierei an Neujahr, was ich hier in Bombinhas geboten bekam. Der erste Unterschied lag in der wundersamen Vermehrung der Einwohner dieses Ortes. Fest gemelde - so wie wir - sind hier 14.300 Menschen. Es handelt sich um Bombinhas also um eine Kleinstadt. Dass es das denn doch nicht ist, zeigt die Bebauung, denn hier gibt es sehr, sehr viel Wohnraum. Es ist aber nicht so viel, wie derzeit nötig wäre, denn an Weihnachten - und erst recht jetzt zum Jahreswechsel - ist die Bevölkerung um schlappe 130.000 Menschen gewachsen. So lautet die offizielle Schätzung der Gemeindeleitung. Aus einem Ort mit 14.300 Einwohnern wird also schlagartig ein Ort mit knapp 150.000 Einwohnern. Das Dumme dabei ist, dass es deswegen kein einziges Geschäft mehr gibt. Auch wird die Kapazität von Elektroleitungen, Internet, Wasserleitungen deswegen nicht größer. Und das Straßennetz bleibt ebenso genauso wie immer. Die Folgen sind absehbar:
1. Man kommt in keinen einzigen Supermarkt mehr rein, ohne vorher davor Schlange zu stehen.
2. Es gab gestern im Laufe des Tages 5 Mal Stromausfall.
3. Das Internet, bei uns inzwischen auf 10 MBit getaktet, läuft mit vielleicht mal 100 Bit, mit also dem Hundertstel der Kapazität.
4. Das Leitungswasser wird immer grüner und ist stellenweis bereits ausgefallen. Die Wasserautos fahren schon herum.
5. Unsere Straße, eine ruhige Nebenstraße, ist so zugeparkt, dass man fast nicht mehr durchkommt.
6. Die Leopoldo Zarling, die den Hauptdurchfahrtsweg von draußen nach Bombinhas herein ist, ist von Autos so verstopft, dass ein Verlassen oder Hereinfahren nach Bombinhas Stunden dauert. Bombinhas ist von der Außenwelt isoliert.
7. Die 2 vorhandenen Geldautomaten geben kein Geld mehr heraus.
8. Wir leben hier in einer Kultur, in der es üblich ist, sich möglichst geräuschvoll bemerkbar zu machen. Wer still ist, den gibt es nicht! Man kann sich kaum noch unterhalten, so ein Lärm herrscht zumeist draußen.
9. Wir leben in einer Kultur, in der Probleme nicht grundsätzlich, sondern eher durch Improvisationen für den Augenblick gelöst werden. Denn auch wenn sie jedes Jahr wieder kommen, ändert sich an der überforderten Infratruktur nichts. Es ist eben so. Kopf einziehen und durch. Was anderes ist nicht zu machen. Entsprechend sind die Auswertungen der Jahre: Dieses Jahr haben wir ganz gut überstanden - oder: Dieses Jahr war schlimm, denn wir hatten 3 Wochen lang kein Wasser.

Wie dieses Jahr zu bewerten ist, lässt sich noch nicht sagen. Was ich aber sagen kann, ist, wie ICH dieses Jahr erlebe. Über die alternative Weihnacht zur deutschen Besinnlichkeit habe ich ja nun genügend geschrieben. Ich möchte diese Art von Weihnachtsfeier nicht kritisieren, denn das steht mir nicht zu. Ich kann aber doch sagen, dass es für mich eine echte Herausforderung an meine humanistisch-christliche Gesinnung war, denn ich wäre am liebsten mit einer Kalaschnikow losgegangen, um all die rücksichtslosen Krachmacher zu beseitigen. Rudi meinte gestern, dass er 5 Jahre gebraucht habe, bis ihm diese lautstarke Alternative nichts mehr ausmachte - lieben hat er sie auch nie gelernt. Ich fürchtete also vor dem Jahreswechsel angesichts meiner Weihnachtserfahrungen um meine innere Balance und wurde in diesen Befürchtungen auch nicht enttäuscht.
Das erste, was auffiel, war, dass zu den bereits vorhandenen Menschen weitere hinzu kamen. Im Laufe des 31. Dezembers erreichte die Zahl der Leute, die hier übernachten wollten, seinen vorläufigen Höhepunkt. Zu unserer Gästewohnung, in der bereits 4 - 5 Leute Weihnachten verbracht haben, kam noch ein weiteres Auto, dem zwei eher ältere Menschen entstiegen. Das Auto steht jetzt vor dem bereits vorhandenen Fahrzeug. Also leben jetzt 6 - 7 Menschen auf einer Fläche von 60 m² und 4 Schlafmöglichkeiten. Das ist nur mit großer Leidens- und Liebesfähigkeit zu schaffen. Aber daran scheint es keinem Brasilianer zu mangeln. Schließlich leben im gegenüber liegenden Haus ebenfalls auf einer geringen Fläche 12 Menschen - und das seit über einer Woche.
Das zweite, was auffiel, war, dass es noch viel, viel lauter als zu Weihnachten wurde. In Deutschland gibt es ja bekanntlich auch eine Knallerei an Silvester, aber so ein infernalischer Lärm wie hier ist in Deutschland nicht vorstellbar. Den ganzen gestrigen Tag über gingen die Raketen in die Luft, deren einzige Aufgabe ist, möglichst laut zu rumsen. Rudi meinte, man solle in Bombinhas jeder Person nicht mehr als 5 kg TNT zugestehen, denn das, was wir gestern erlebt haben, lässt diese Regelung sinnvoll erscheinen. Es tat Schläge, dass das gesamte Haus erzitterte. Von einem Balkon des Penthouses eines nicht allzu weit und in Sichtweite stehenden Hauses wurden Raketen abgeschossen, die die Scheiben klirren ließen. Zudem liegt Bombinhas zwischen zwei Bergketten, so dass sich der Schall verfängt und man überall gut hören kann, wenn irgendwo im Tal geballert wird. Zeitweise war es unmöglich, sein eigenes Wort zu verstehen. Und meine Befürchtung war, dass jemand auf die Idee kommt, nur ein wenig mehr von diesem Stoff zu sammeln, um irgendwo ein Haus in die Luft zu sprengen, wie es vor zwei Tagen mit dem Bahnhof in Wolgograd passierte. Das Material dafür war ohne Zweifel vorhanden.

Grillen auf der TerrasseMarlete und Rudi kamen gegen 18.30 Uhr. Das war eine große Freude. Gemeinsam hatten wir den Abend geplant, wollten gar zu Marletes Bruder auf die Party am Strand gehen, doch kam es etwas anders, denn es fing im Laufe des Abends an, immer stärker zu regnen. Das ist normalerweise gar nicht so schlimm, denn der Regen ist hier lauwarm. Immerhin treibt er viele Menschen in enge Räume, die es dann weitläufig zu vermeiden gilt, denn was einen echten Brasilianer ausmacht, so hat er auch allein mit seinen Stimmbändern die Aufgabe, sich möglichst lautstark bemerkbar zu machen. Wenn dann in einem Raum von 20 m² vielleicht gerade mal 20 Menschen sind, die alle gleichzeitig möglichst vernehmbar untereinander ausmachen, wer denn jetzt am lautesten brüllen kann, so ist das für die, die an diesem Wettstreite nicht teilnehmen wollen, nicht sehr zuträglich. Darum also blieben wir eher bei uns in der geräumigen Wohnung, am Weihnachtsbaum und mit echten Kerzen und Klimaanlage, die angesichts der schwülen 33 ° draußen eine Kühlung auf 26° drinnen brachte, was sehr angenehm erlebt wurde. Meine Aufgabe war die des Grillmeisters. Das hatte ich ja nun schon in Deutschland 2 Jahre lang studiert, so dass die Steaks richtig gut wurden. Dazu grillte ich Zwiebeln und Ananas.
Wir aßen fürstlich und wurden danach mit einem 50%igen Absinth verwöhnt. Aus welchen Gläsern trinkt man sowas? Ich habe Cognacschwänker genommen. Getrunken hatte ich es vorher noch nie. Schmeckte gut, jedoch reichte eine kleine Portion für den Abend. „Dinner for one" wurde geschaut. Ebenso Alfred, das Ekel, mit seinem Silvesterpunsch und Loriots Weihnachten mit dem berühmten Weihnachtsgedicht. Und wir forderten uns alle gegenseitig auf, jetzt doch endlich mal gemütlich zu werden. Um Mitternacht war das der Höhepunkt der Knallerei. Gleich danach gab es eine wundersame Wandlung, denn jetzt stiegen plötzlich leuchtende Feuerwerke in die Luft. Die Gemeinde Bombinhas macht das immer für die Touristen am Strand. Von unserer Terrasse aus konnten wir das gut beobachten. Ich selber hatte noch eine alte Aldi-Rakete aus Deutschland mitgebracht, die wir ebenfalls zündeten. Fast geräuschlos kam erst ein rotes Kügelchen, dann ein grünes, dann ein gelbes und dann war sie abgebrannt. Die Höhe unseres Feuerwerkes betrug ungef. 2 Meter. Welch ein Unterschied zu den hiesigen Feuerwerken! Um 23.30 Uhr läutete dann das Telefon. Frau Haube, eine 96jährige Freundin aus Frankfurt, rief an. Sie konnte sowieso nicht schlafen ... Das war eine Überraschung und Freude. Als dann um Mitternacht der Kuckuck unserer Kuckucksuhr 12 mal anschlug, wurden die Sektgläser, in die zuvor der irre teure Sekt gegossen worden war, erhoben. Das alte Jahr war vergangen, das neue geboren.

ich, Aurora, Marlete und RudiProst Neujahr

Marlete und Rudi gingen noch vor 1 Uhr heim. Besonders Marlete war sehr müde. Aurora war ebenfalls sehr müde, so dass sie gegen 1.30 Uhr schlummerte, während ich noch die Fotos sichtete. Gegen 2.30 Uhr wurden die letzten Böller losgelassen. Aber seitdem herrscht eine himmlische Ruhe. Es ist enorm erholsam für die Katzen und uns.
Die Katzen: Zwischendurch schauten wir immer wieder mal nach ihnen. Susi hatte sich in ihrem Katzenhäuschen eingerichtet. Ihr machte nur um Mitternacht die Kulmination von Knallern etwas aus. Anders Chico. Ihn hatten wir schon den ganzen Tag nicht gesehen. Wir wussten nicht einmal, wo er sich aufhielt. Später am Abend sahen wir ihn aber, wie er sich an den Boden drückend aus Auroras Zimmer in mein Zimmer schlich, um dort ebenfalls irgendwo in der hintersten Ecke unter dem Bett zu verschwinden. Erst als gegen 3 Uhr die Knallerei aufhörte, traute er sich vor. Heute lief er dann schon wieder einigermaßen normal durch die Wohnung. Überhaupt die Katzen: Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich an sowas gewöhnen, aber je mehr Tage mit dem Lärm vergingen, desto ruhiger zeigte sich Susi. Sie blieb sogar mal auf der Terrasse liegen, obwohl es etliche Böller gab. Wenn die sich an alles gewöhnen, sollte ich mir mal überlegen, ob ich den beiden nicht das Schwimmen beibringen sollte. Bisher scheuen sie das Nass wie der Teufel das Weihwasser.

Feuerwerk am StrandWir werden wohl den harten Weg der Gewöhnung gehen müssen allein schon wegen der Katzen. Allen anderen Deutschen aber kann man nur raten: meidet Bombinhas in diesen Festtagen. Es ist dem deutschen Wesen nicht zuträglich, meine ich. Wir aber genießen jetzt die Stille ... und die Katzen ebenfalls. Sie scheinen es noch nicht glauben zu können ... wie wir auch noch nicht. Warten wir mal ab, wie es weiter geht. Gerade höre ich die ersten Kracher ... und die Nachbarn sind auch aufgewacht und finden zu alten Verhaltensweisen zurück ...

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