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6. Januar, Zwei Kulturen

Ohne Zweifel: Ich habe mich auf das Abenteuer der Begegnung zweier Kulturen eingelassen. Das ist schwieriger, als ich gedacht hätte, denn ich ging davon aus, dass die Grundwerte meiner Kultur wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Klarheit auch mit den Grundwerten brasilianischer Kultur identisch sind. Jedenfalls hatte ich das stillschweigend als selbstverständlich angesehen. Das stimmt so einfach nicht.
Gestern hatten Rudi und ich eine kleine Auseinandersetzung. Rudi ist zwar Deutscher, aber wahrscheinlich der brasilianischste Deutsche, den ich kenne. Er hat die brasilianische Kultur so stark adaptiert, dass sogar Aurora in ihren Werten deutscher ist als er. Und Rudi hat die gleiche Eigenschaft wie viele Brasilianer: Man verabredet sich zu einem Zeitpunkt und hält die Verabredung ohne Vorwarnung nicht ein. Mir kommt das so vor, als wäre das, was man verabredet, nicht einmal die Luft wert, die man dafür braucht. Da so etwas sehr häufig passiert, ja sogar die Regel ist, macht das mich, einen typischen Deutschen, der dafür steht, dass ein Mann - ein Wort ist, sehr nervös. Ich kann damit nur schwer umgehen. Es kommen mir Argumente in den Sinn, dass man - sich gegenseitig ernst nehmen, - nicht mit der knappen Ressource Zeit des anderen achtlos umgehen, - Verlässlichkeit eine hohe Tugend sein sollte und ein Team ohne diese Verlässlichkeit nicht funktionieren kann.
Rudi dagegen hat andere Werte, die sein Verhalten bestimmen. Er kam später mit der Begründung, dass die vorherige Arbeit noch nicht beendet sei und Leute auf die Fertigstellung warteten. Und wie ich Rudi kenne, hat er unterwegs auch noch jemanden getroffen, mit dem er sich unbedingt noch ausführlich unterhalten musste, sodann hat Marlete ihn noch um etwas gebeten, was auch zuvor noch erledigt werden sollte und schließlich hat er über all den Anforderungen von allen Seiten noch ein Teil des nötigen Werkzeugs, das er mitbringen wollte, vergessen und musste es holen. Alles ist wichtig, alles muss gemacht werden und hat in dem Augenblick Priorität gegenüber einer vor anderthalb Stunden gemachten Absprache mit mir.

Rudi ist bei Gott nicht der einzige, der sich in dieser Weise sehr undeutsch verhält. Denn seine Verhaltensweise ist die hier gängige. Man kann sich als Deutscher darüber aufregen, ärgern, schimpfen und sich ein Monogramm in den Bauch beißen, Schreie loslassen, fluchen oder was auch immer: Es hilft nichts. So zu sein ist eben eine kulturelle Angelegenheit. Und eher werde ICH in den Wahnsinn getrieben, als dass sich die Menschen hier ändern um meinetwillen. Also gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: 1. zurück nach Deutschland zu gehen und sich dann zu freuen, wenn die meisten Verabredungen klappen, 2. zu lernen, damit so umzugehen, dass man selber damit leben kann. Dann kann man auch im Lande bleiben. Ich denke, letzteres ist sicher das Beste, wobei es dabei wichtig ist, zunächst einmal die kulturellen Unterschiede zu erfassen. Die mangelnde Zuverlässigkeit bei Verabredungen ist ja nur einer der vielen Unterschiede, die es zwischen Deutschland und Brasilien gibt. Rudi und ich haben uns, nachdem mein Zorn verraucht war und ich mich bei ihm entschuldigt hatte, über die Unterschiede der Kulturen unterhalten. Dabei stellten wir spontan folgendes fest:

1. Von uns bereits schmerzhaft zur Kenntnis genommen: Lebensfreude drückt sich vor allem in Lautstärke aus. Echte, brasilianische Lebensfreude hat darum z.B. an Weihnachten und Neujahr Detonationen zur Folge, die für einen Deutschen eher auf kriegerische Handlungen als auf Lebensfreude schließen lassen. Lärmschutz ist hier kein Thema. Vielleicht wird es leichter, den infernalischen Lärm besser zu ertragen, wenn man das weiß. Ich habe daran noch zu lernen.

2. Was ein Mensch sagt und denkt und schließlich tut, hat nur sehr bedingt etwas miteinander zu tun. Die wichtigste Regel des Umgangs miteinander ist die: Du sollst den anderen auf keinen Fall seelisch verletzen. Wenn er die Wahrheit oder deine Meinung nicht verträgt, dann sag ihm die Unwahrheit und halte deine Meinung zurück. Niemand würde einem anderen Menschen ein Nein entgegen schleudern. Lieber sagt man Ja, tut es aber nicht. Das Nein könnte verletzen, aber das nicht eingehaltene Ja ist sowohl normale Praxis, als auch jenseits des Erlebens durch den, der nicht Nein sagen kann. Nach brasilianischem Empfinden ist die deutsche Eigenschaft, dem anderen zu sagen, woran er ist, lieblos, hart, unmenschlich, arrogant, rüpelhaft und extrem verletzend. Ein Brasilianer laviert mit der Sprache, um auf keinen Fall den anderen zu verletzen, nimmt auch gerne Unwahrheiten in Kauf, wenn es dabei hilft und ist immer sehr zuvorkommend, zugewandt und höflich. Man lacht gerne miteinander, nimmt sich in den Arm, bestätigt sich gegenseitig, klopft sich auf die Schultern und macht alles dafür, dass sich der andere wohl und bestätigt fühlt, und wenn es noch so verlogen ist - in deutschen Augen. Rudi meint dazu, dass man hierzulande eher mit dem Bauch als mit dem Kopf denkt, dass man also den emotionalen Inhalt einer Botschaft weit stärker gewichtet als die „kalte" Botschaft der Worte. Das macht natürlich die Kommunikation extrem schwierig und anspruchsvoll. Ich bin froh, dass ich noch kein Portugiesisch kann, denn mit größter Sicherheit wäre ich verbal von einem Fettnäpfchen ins nächste gestiegen. Kurz: Bei den Deutschen weiß man immer, was Sache ist. Bei den Brasilianern aber fühlt man sich immer wohl miteinander.

3. Diese für uns komplizierte Art der Kommunikation hat Folgen, die man erst noch lernen muss. Wenn ich z.B. einen Handwerker anrufe und er lässt mir durch seine Sekretärin ausrichten, er rufe zurück, weiß ich auf Deutsch: Er lässt mir sagen, dass ich ihm kreuzweise den Buckel runter rutschen kann. Ich habe nur selten erlebt, dass dann wirklich zurückgerufen wird. Außerdem heißt das: „Ruf ja nicht wieder hier an, denn ich habe ja gesagt, dass ich dich zurückrufen werde. Du verletzt mich, wenn du noch mal nachhakst." Die beste Art, damit umzugehen, ist die, einen Tag zu warten. Wenn sich der Handwerker dann nicht gemeldet hat, suche man sich einen anderen.
Dasselbe gilt für Arbeiten, die ein Handwerker übernommen hat, sie aber nicht durchführt. Rudi macht das auch gerne. Er übernimmt Arbeiten, die er dann wegen seiner Überbelastung nicht machen kann. Entweder macht das dann jemand anderes, oder man wartet nötigenfalls auch mehrere Jahre. Eine Arbeit zu übernehmen, ist dann üblich, wenn man sozusagen „erwischt" wird vom Kunden. Dann sagt man die Erledigung selbstverständlich zu, macht es aber nicht. Und wieder der gleiche Effekt: Ich habe Ja gesagt, Nein getan und gleichzeitig vermittelt, dass der Bittende sich sonstwo hin scheren soll und auf keinen Fall nachhakt.
Und noch eine Beobachtung habe ich gemacht. Wir haben uns manchmal darüber, dass ein Handwerker eine dringend nötige Arbeit gemacht hat, so gefreut, dass wir ihm aus Dankbarkeit ein größeres Trinkgeld gegeben haben. Wir wollten Gutes tun, haben aber wahrscheinlich das Gegenteil erreicht, denn in den meisten Fällen kamen diese Handwerker nie mehr wieder oder waren nur noch sehr schwer zu bewegen, zu uns zu kommen. Waren sie beleidigt, dass man ihnen das Trinkgeld gab? Oder war das Trinkgeld - wenn es nun mal gegeben wurde - zu gering? War unsere Freude über das Erscheinen dieses Handwerkers zu groß, so dass er dahinter die Verletzung sah, dass man Handwerker allgemein und ihn speziell für unzuverlässig hält? Rudi meinte, dass dadurch ein Minderwertigkeitsgefühl bei den Handwerkern aufkäme, durch das sie verletzt würden. Ich weiß den Grund des Fernbleibens nicht, muss noch dahinter kommen.
Zur Illustration dieses Punktes: Wir mögen William, einen jungen, sehr patenten, freundlichen Mann sehr. William ist hier im Haus zuständig für allerlei Arbeiten vom Internet bis zur Haustechnik. Er kam zu uns, hat uns das Internet eingerichtet und wir waren begeistert, gaben ihm unter vielen ehrlichen Lobsprüchen ein größeres Trinkgeld. Er nahm es verlegen und versprach, eine Kleinigkeit am Garagengitter am nächsten Tag zu reparieren. Das war Anfang Dezember. Er kam am nächsten Tag nicht. Zwei Wochen später kam er wegen einer anderen Angelegenheit ins Haus und wir baten ihn, jetzt das Gitter zur Garageneinfahrt zu reparieren. Er sagte, dass er das gerne am nächsten Tag machen würde, was wieder nicht geschah. Dasselbe spielte sich dann noch einmal vor Weihnachten ab, doch ist dieser kleine Fehler - wirklich schnell zu machen, wie uns William versichert - noch immer nicht repariert. Wir aber sind weiter sehr nett zu William und er zu uns. Meine Freundlichkeit ist inzwischen etwas gequält.

4. Freundschaften untereinander sind durch diese Art der Kommunikation wirklich schwierig zu installieren oder zu halten. Wir hatten uns vorgenommen, unsere Nachbarn nach unserem Einzug zum Kaffee einzuladen, damit wir uns gegenseitig kennen- und vertrauen lernen. Niemand hat abgesagt, aber es ist auch niemand gekommen. Man sagt zu, denkt sich aber seinen Teil. Dona Malvina war hier eine Ausnahme. Dona Neiva, die bei uns in Frankfurt schon bei einem Blitzbesuch im Frühjahr vorigen Jahres im Wohnzimmer saß, hat uns noch nicht einmal begrüßt und wir wissen nicht, wo sie wohnt. An ein gemeinsames Kaffeetrinken ist nicht zu denken. Wir haben keinerlei privaten Kontakt mit Pedro, ihrem Mann, und ihr. Wir haben schon gelernt, dass die beiden eher auf Brasilianisch mit uns kommunizieren. Das sind für Deutsche große Enttäuschungen, denn man hatte sich mehr versprochen, für Brasilianer aber die gängige Norm. Niemand denkt sich was dabei. Von zwei Männern wurde ich schon zu einer Bootsfahrt eingeladen. Ich denke, sie wollten einfach nur nett zu mir sein und wären entsetzt, wenn ich die Einladung wirklich annähme. Sie würden zwar das Boot flott machen, mich nach der Fahrt aber auch nicht mehr anschauen - vermute ich.
Seltsamerweise leidet Aurora mehr unter dieser brasilianisch kulturellen Andersartigkeit gegenüber deutscher Umgangskultur. Sie und ihre Schwester sind in ihrer Denkweise eher deutsch als brasilianisch, während Rudi umgekehrt eher brasilianisch als deutsch ist, auch wenn die Muttersprachen anderes vermuten lassen. Ich selber staune bislang mehr und mehr, wie man so sein kann, und bin froh, dass ich noch kein Portugiesisch kann, was mir einen kommunikativen Sonderstatus einräumt. Werten möchte ich das alles nicht. Denn beide Arten haben Vor- und Nachteile. Keine ist besser oder schlechter, sondern nur anders. Da ich mich entschlossen habe, hier zu leben, werde ich lernen müssen, mit der brasilianischen Kultur zu leben, ohne dabei aus der Haut zu fahren. Denn letzteres würde nur einem Menschen wirklich schaden: mir.

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