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22. Januar, Alltag leben

Immer wieder kommen Kommentare über mein Erlebnisbuch, in denen Schrecken und Bedauern zum Ausdruck kommen. Wie furchtbar muss es doch sein, hier in Bombinhas zu leben mit all dem Lärm und den Problemen. Ich kann verstehen, dass das für die daheim Gebliebenen ein tröstlicher Gedanke ist. In der Tat ist es jedoch so, dass es schön sein kann, wo man sich auch befindet. Alle Dinge haben ihre Vor- und Nachteile. So auch das Leben hier in Bombinhas. Außerdem möge man bedenken, dass es viel leichter ist zu schreiben, wenn es Widerstände und Eigentümlichkeiten gibt, während das Schöne einfach so selbstverständlich hingenommen wird. Auch erinnert sich der Mensch sehr viel länger daran, was einen in Schrecken versetzt als in Freude und Lust. Von einer positiven Traumatisierung habe ich noch nie gehört.

Der Alltag ist nämlich hier wunderschön, besonders wenn man sich an die Bedingungen hier angepasst hat. Heute - und das möge ein Beispiel sein - standen wir um 6.30 Uhr auf. Draußen war es hell und wunderschön. Die Sonne schien schon und die Luft war klar und sauber. Die Konturen der Häuser, Berge und Bäume war klar und nah zu sehen. Es kündigt sich ein heißer Tag an. Das macht erst einmal froh, wenn die Welt ruhig, klar und sonnenbeschienen warm ist. Da stehen Aurora und ich gerne früh auf, denn die Morgenstunden sind die schönsten. Da wird noch nicht der Presslufthammer auf der Baustelle gegenüber in Gang gesetzt - der wird gegen 7.30 Uhr angeworfen - und auch die Krakeelerei der Menschen hat noch nicht angefangen. In diesen Morgenstunden hat auch noch niemand Lust, seine Lebensfreude durch Detonationen kund zu tun. Draußen laufen nur dienstbare Einheimische herum. Die Touristen liegen noch in den Betten.
Das Frühstück wird bereitet: Selbstgebackenes Brot (ist hier nötig und gehört zum Anpassungsprozess!) wird geschnitten. Dazu Marmelade und Kaffee. Aber am wichtigsten sind die Papayas und die süßen Wassermelonenstücke. Ab und zu ist auch eine aufgeschnittene Mango oder reife Ananas auf dem Tisch. Jedenfalls fehlt niemals Obst. Ich liebe es, dieses Obst direkt aufs Brot zu tun. Es ersetzt jede Marmelade. Die Katzen streichen um uns herum. Sie werden immer dicker, weil sie sich wegen der Hitze zu wenig bewegen. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht platzen. Heute habe ich Bemerkungen darüber fallen lassen, was Aurora dazu bewegte, mich zu maßregeln, dass ich die armen Katzen nicht beleidigen soll.
Rundgang um die Terrasse, um die Welt zu begrüßen. Dieser Rundgang hat wohl eine Strecke von knapp 60 Metern. Das Wachstum unseres Terrassenwäldchens wird begutachtet. Die Palmenwedel wachsen derzeit am meisten. Große, neue Wedel strecken sich in den Himmel. Ich bewundere die Palmen, die die enorme Hitze des Tages so gut vertragen können. Wenn es Dreck auf der Terrasse gibt, wird das Wasser aus unserem eigenen Brunnen angestellt und es ergießt sich durch den Schlauch über den Steinboden. Das erfrischt Mensch und Pflanze, während die Katzen das Weite suchen. Derartige Überschwemmungen werden bei uns oft erzeugt, jedoch sind sie hoch willkommen.
Heute ging es weiter, indem wir uns schnell anzogen, um noch in den Morgenstunden einkaufen zu fahren. Dieser Einkauf sollte nicht in Bombinhas sein, wo das Angebot derzeit sehr begrenzt ist, sondern im übernächsten Ort Itapema, in dem es einen Supermarkt namens Koch gibt. Hier ist die Auswahl größer und besser. Der Markt hat nur den Nachteil, dass man aus Bombinhas raus muss, was immer einem Abenteuer gleich kommt. Wir fuhren aber so früh los, dass wir es schafften, kurz nach 8 Uhr dort zu sein - immerhin rund 15 km weit. Um 8 Uhr machen die Läden in der Regel auf, sind aber außerhalb von Bombinhas noch nicht so voll. So kauften wir Melonen, schwere, sehr süße und aromatische Früchte, die man so auch nur dort bekommt, wo sie wachsen. Dazu Mangos, Papayas und einige Dinge für den täglichen Bedarf. Auf dem Rückweg hielten wir an einem Fischgeschäft. Das war noch geschlossen und draußen stand schon ein ungeduldiges, älteres Ehepaar. Der Besitzer kam und hatte schon ein Gesicht wie hundert Tage Regenwetter. Der arme Kerl war deutlich gestresst von einer Kundschaft, die gerne zu ihm kommt. Aurora sprach mit ihm. Er erzählte, dass ihm seine Frau mit seinen beiden Kindern weggelaufen ist, weil er so viel im Geschäft ist. Der arme Kerl wird Opfer seines eigenen Erfolges, denn Fischgeschäfte gibt es hier sehr viele, nur eben nur ganz wenig wirklich gute solche. Also machten wir ein wenig Seelsorge und kauften 3 große Filestücke von Congro, auf Deutsch: Meeresaal, meinem absoluten Lieblingsfisch. Er hat keine Gräten und ein festes, sehr schmackhaftes Fleisch. Den gibt es heute Mittag zusammen mit Kürbis. Dazu noch eine andere Sorte Fisch zum Probieren und schließlich auch Krabben für einen Fischeintopf, den Aurora für morgen plant. 55 Reais kostete alles. Das sind rund 18 Euro. Für rund 3 kg Fisch und Krabben ist das ein sehr guter Preis. Jetzt war es schon fast 9 Uhr geworden und es war Zeit, zurück nach Bombinhas zu gelangen, bevor der tägliche große Stau beginnt. Klar gab es den trotzdem auf dem Weg über den Bergpass und wir fuhren eine Weile Stop and Go, aber wir waren gegen 9.30 Uhr daheim. Es fing schon an, richtig heiß zu werden.
Nun beginnt die Ungerechtigkeit, denn Aurora fühlt sich der Wohnung und der Sauberkeit mehr verpflichtet als ich. Nun mögen die feministisch angehauchten Deutschen das nicht so tragisch sehen, denn Aurora hat die Hausarbeit zu ihrem Hobby erklärt und macht alles, was nötig ist, mit großer Hingabe und Freude. Ich mache da nichts gut genug. Also lasse ich es lieber bis auf wenige Aufgaben wie Katzenklo sauber machen und Whirlpool warten. Letzteres habe ich dann auch gemacht und weil das Teil so einladend aussah, habe ich mich gleich mal rein gesetzt. Nach einem solchen Aufenthalt hält man die Tageshitze sehr viel besser aus.
Oft gehört in die Vormittagsstunden für mich das Sprachelernen mit Hilfe von Babbel. Das stockt derzeit allerdings, weil ich finde, dass ich dort nicht unbedingt die wirklich wichtigen Sachen lerne. Nachdem ich jetzt über die Morgenübelkeit Schwangerer Wörter lernen soll, habe ich das erst mal abgehakt. Immerhin weiß ich jetzt, was Rosmarin und Koriander auf Portugiesisch heißt und wie man sprachlich korrekt kotzen kann. Was ich jetzt wohl bräuchte, wäre jemand, der mit mir das Sprechen und Verstehen übt. Dazu müsste dieser Jemand möglichst Deutsch können und viel Geduld mitbringen, mir beim Formulieren zu helfen, mich zu korrigieren usw. Es gäbe ja eine Idealbesetzung für diesen Job: Aurora! Doch die ist mit dem Haushalt beschäftigt und außerdem findet sie es viel einfacher und zweckdienlicher, mit mir Deutsch zu reden. Ich muss mich mal genauer in der Gemeinde umhören, ob es da nicht eine alte Dame gibt, die diese Lehrstunden auf sich nimmt. Lieber wäre mir ja eine junge Dame, doch die sind in Gemeinden auch eher selten und wenn, dann überbeschäftigt.

Gemeinde. Gestern waren wir erstmals in diesem Jahr wieder im Gottesdienst. Im Fotoalbum sind auch einige Fotos davon zu sehen. Es ist schon etwas Besonderes, den Gottesdienst begleitet zu erleben vom Zirpen der Grillen, Quaken der Fröschen und Vogelgesang. Aber es stehen immer alle Türen offen und man hat, wenn man die Augen schließt, den Eindruck, man befände sich in freier Natur.
Das alles sind sehr positive Erlebnisse und Bedingungen, die den Schritt der Auswanderung richtig erscheinen lassen. Das musste jetzt mal deutlich gemacht werden.

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