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23. Januar, Puxadinho

Puxadinhos sind typisch brasilianisch und sehr, sehr, sehr, sehr undeutsch. Man kann sagen, dass es das in Deutschland nur vereinzelt gibt, dort auch eher Befremden oder gar Ärger auslöst, hier in Brasilien aber zum Charme des Landes gehört. Brasilien ohne Puxadinhos wäre wie Afrika ohne Löwen und Giraffen. Was also sind Puxadinhos?

Das Wort kommt vom Verb puxar und das heißt so viel wie „ziehen“. Es wird ‚puschar“ ausgesprochen, also wie Puschen (= norddeutscher Hausschuh) bei Austausch der letzten beiden Buchstaben gegen ein „ar“. Allein das sagt gar nichts. Wenn man mit einer Brasilianerin zusammen lebt, hört man hingegen oft die Befehlsform von puxar. Die hießt puxe oder puxa. Aurora sagt das oft und meint damit: „Ach du meine Güte“ oder „das gibt’s doch nicht!“ oder mehr im Dialekt „A komm geh!“. Es handelt sich also um einen Ausruf des höchsten Erstaunens und Wunderns. „Puxa! Der Strom ist heute ja gar nicht ausgefallen!“ – oder freudig: „Puxa! Die Touristen sind alle abgereist!“ (Sind sie nicht, würde aber bei tatsächlichem Eintreffen bei mir diesen Ruf auslösen.) Damit nähern wir uns schon der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Allerdings muss man noch was wissen: In Brasilien wird alles gerne klein geredet. Aus einem Problem wird ein Problemchen (auch gefühlt). Aus der Katze = „gato“ wird ein „gatinho“ = Kätzchen, egal, wie fett der Kerl ist (nein, ich werde nicht wieder beleidigend, obwohl ich dabei an einen gewissen Kater denken muss, was automatisch passiert und nicht beabsichtigt ist).

Auch bei dem Puxadinho haben wir es mit einer Verkleinerungsform zu tun. Man könnte auch von einer Verniedlichung sprechen, wenn man – wie die Brasilianer in der Regel – eher emotional veranlagt ist. Also ist ein Puxadinho ein kleines Puxa. Aber das sagt auch noch nicht alles, denn man muss wissen, dass dieses Puxa auch gerne ausgerufen wird, wenn man z.B. erlebt, wie etwas Provisorisches entsteht. Da reicht einer Familie das Haus nicht mehr aus, weil noch ein Kind geboren wird oder die Großeltern einziehen. Also baut man etwas an das Haus dran. Man nimmt ohne viel Geld ein paar Bretter, Nägel, etwas Wellblech und zimmert vor sein Haus einen Unterstand, indem man das Dach quasi auszieht (puxar) und Wände dazu zimmert. In diese Erweiterung wird ein Teil des häuslichen Lebens verlegt. Schwups, hat man ein größeres Haus. Puxa! Das erfüllt mit Stolz und mit Freude und ist gewiss nicht für die Ewigkeit gebaut, aber für die Ewigkeit gedacht. Sowas nennt man nun Puxadinho. Ich muss mich anstrengen, mir das in Deutschland vorzustellen. Da hat unser ehemalige Nachbar Michael seine Terrasse ausgebaut. Das Ergebnis sieht professionell aus, ist stabil, handwerklich solide, ein Schmuckstück und sowohl für das Auge, als auch für die Praxis äußerst ansprechend. Zwar haben wir, als wir das fertige Werk sahen, ebenfalls Puxa gesagt, aber es war dennoch keineswegs ein Puxadinho. Puxadinhos sind nämlich mit wenig Mitteln sehr provisorisch errichtete Bauwerke. Besonders in den Favelas von Rio gibt es sie haufenweise, obwohl auch dort schon der Wohlstand stabilere Bauten hervorgebracht hat.

In Deutschland wird man Puxadinhos – so die starke Vermutung der hiesigen Presse – vor allem bei der Fußball-WM und bei Olympia kennenlernen, wenn man z.B. in Rio auf dem Flughafen in einem Puxadinho abgefertigt wird, oder wenn ein Fußballspiel nicht in einem Prachtstadion, sondern teilweise in einem Puxadinho gespielt wird (für São Paulo ist das zu befürchten). Nun wettert die Presse gegen die geplanten Puxadinhos und wittert einen Imageverlust für dieses Land, doch irgendwie ist es doch charmant, oder nicht? Brasilien ohne seine ewigen Puxadinhos, seine Provisorien, ist nicht vorstellbar. Wer’s nicht mag, mag Brasilien nicht. Aber ich finde, sowas hat Stil. Und wenn ich dann vor so einem Provisorium stehe, sage ich auch inzwischen: „Puxa! Ein Puxadinho!“

Übrigens haben wir in Bombinhas auch ein Art Puxadinho – allerdings ohne Dach. Das ist ein Fußweg, der derzeit am Strand angelegt wird. Das Projekt ist ein echtes Jahrhundertprojekt, denn es gab dafür riesige Zuschüsse und es ist im Haushalt der Stadt als Millionenprojekt veranschlagt. Und nun ging nach Jahren der Planung die Bauarbeit los. Sie umfasste genau 3 Bauschritte:
1. Ein Bagger kam und machte die Natur am Strand platt. Dann begann er, das Erdreich einzuebnen.
2. Holzpfähle wie damals bei den Römern am Limes wurden angeliefert und dicht an dicht in die Erde gerammt.
3. Jetzt wurden die Pflastersteine auf das blanke Erdreich verlegt.
Ein Puxadinho, wenn auch Millionen schwer.

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