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27. Januar, Vergleichende Studien

Ich habe eine kluge Schwester – eigentlich gleich vier davon, aber ich meine jetzt mal nur eine. Die hat Soziologie studiert und kennt sich aus im Zusammenleben von Menschen. Außerdem war sie einmal verheiratet mit einem türkischen Mann. Also kennt sie sich in der Türkei aus. Außerdem hat sie noch mein Erlebnisbuch studiert. Und darum schreibt sie:

    „Weißt Du, ich habe mich seinerzeit in der Türkei auch immer gefragt, wie die Leute so leben können, so improvisiert, so unsauber, so gleichgültig gegenüber der Umwelt. Aber wenn ich dann gesehen habe, wie Frauen einen Nachmittag damit verbrachten, gesellig um einen Teekessel zu sitzen und sich offenbar sehr gut verstanden, während die Kinder um sie herum tobten und alle Freiheiten hatten, dann wurde mir klar, dass sie andere Prioritäten hatten.
    Ich hatte übrigens auch nicht den Eindruck, dass sie offen und ehrlich miteinander umgingen und fremdgehen war eher Normalität als Ausnahme, aber sie standen familienweise sehr eng zusammen und fühlten sich da sehr verpflichtet. Die Einordnung des Einzelnen in die gesellschaftliche Struktur der Sippe oder Familie war jederzeit klar.
    Vom soziologischen Standpunkt aus gesehen war das exakt das Gegenteil von unserer individualisierten Gesellschaft und m.E. durchaus ein Gesellschaftsmodell, von dem man etwas lernen kann. Deswegen würde es mich sehr interessieren, wie Du die Individualisierung in der brasilianischen Gesellschaft beurteilst. Ist sie vorhanden? Ist der Kommunikationsstil besser geeignet zur Inklusion oder zur Abgrenzung? Findet man da eventuell den Kompromiss zwischen den verschiedenen Gesellschaftsformen? Deine Berichte lassen mich das vermuten.“

Gell, ich habe eine kluge Schwester! Die stellt Fragen …

Auroras erste Reaktion war: „Unsauber? Hier auf keinen Fall. Das geht nicht, denn dann kämen sehr schnell lauter kleine Tierchen, die man nicht haben will, oder noch viel kleinere Lebewesen, die man noch weniger haben möchte. Sauber ist man hier immer, besonders in den Häusern. Das geht nicht anders.“ Sprach’s und dachte an all die Putzmaschinen, mit denen sie täglich durch die Wohnung fährt, um jeglichem Schmutz sofort entgegen zu wirken. Ob ich ihr dabei helfe? – Geht gar nicht, weil ich nicht sauber genug bin. Das war schon in Deutschland so. Sie fand deutsche Küchen in der Regel eher eklig und unsauber, ohne jetzt deutschen Hausfrauen und –männern zu nahe zu treten. Eine Hygiene wie in Brasilien ist in Deutschland nicht nötig. Wir leben hier in den Tropen oder Subtropen.

Es gibt außer der Sauberkeit weitere Unterschiede zum türkischen Leben, aber auch Gemeinsamkeiten. Auch hier halten die Familien zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn die Touristen anreisen, so tun sie das in großen Autos, in denen sich häufig mindestens 3 Generationen befinden. Das Sagen hat die mittlere Generation. Die Alten werden mitgenommen und sind dabei, die Kinder, die oft die Mehrzahl bilden, flattern umeinander wie in der Türkei. 10 – 12 Personen sind in den Häusern und Wohnungen, in die sie zu Urlaubszwecken einfallen, keine Seltenheit. Rudi hat eine wunderschöne Wohnung mit 12 Betten. Rudis Wohnung ist in der Regel besser ausgebucht als unsere kleine Gästewohnung mit nur 4 Betten.

Aber dass sich Frauen zusammensetzen, um gemeinsam Tee zu trinken, habe ich hier noch nie gesehen. Dazu haben sie in der Regel keine Zeit, weil sie ihre Häuser scheuern müssen. Wenn man Menschen zusammen sitzen sieht, so lediglich in den Familienverbänden und vor allem spät abends.

Ob die Frauen fremd gehen? – Davon habe ich keine Ahnung. Die Männer machen das wohl oft – wie überall. Aurora meinte, dass das Fremdgehen von Frauen sehr viel damit zu tun hat, welche gesellschaftliche Stellung sie hat und wie sie versorgt ist. Es gibt viele hübsche, junge Frauen, die sich gerne einen Mann angeln, von dem sie sich eine bessere Versorgung erhoffen. Das ist eine Hoffnung, der sie dann auch gerne ziemlichen Nachdruck verleihen können. In Deutschland, so meint Aurora, sei das für die Frauen nicht so nötig, weil sie auf jeden Fall vom sozialen Netz aufgefangen würden. Dieses soziale Netz aber gibt es in Brasilien nicht. Die Frage, wie man sich also einen Millionär angelt, ist hier existentieller als in Deutschland. Darum gilt hier noch mehr als in Deutschland: Sex ist wie ein Besäufnis: schön beim Machen, aber man wacht oft mit sehr dickem Kopf und einem Haufen von Problemen auf.
In den Familien haben wohl auch alle Mitglieder ihren Platz und ihre Rolle. Die werden aber auch von niemandem in Frage gestellt. Auroras Mutter z.B. lebt mit Auroras Schwester zusammen. Es ist das Selbstverständlichste von der Welt, dass Auroras sämtliche Einkünfte zu ihrer Versorgung gehen, wie auch ein Teil der Einkünfte ihrer Schwester, die außerdem noch die Pflege leistet. Die Mutter ist dabei fröhlich mit ihren 95 Jahren und ich denke, dass sie es noch locker auf weitere 5 – 10 Jahre bringt. Sie hat gar keine Einkünfte, lebt also ganz auf Kosten der Töchter. Und für beide Schwestern ist es total selbstverständlich, dass es so ist und sie hoffen beide, dass es auch lange so bleibt. Wenn ich an alten Menschen in Deutschland denke und an die Generationendebatten mit den dort vorkommenden Abwertungen alter Menschen, ist das ein großer Unterschied. Familie im Sinne des Generationenvertrages funktioniert hier noch sehr gut und ist nicht in Frage gestellt.
Dem entsprechend haben Eltern die Aufgabe, ihre Kinder soweit zu fördern (manche sagen: treten!), dass sie auch in der Lage sind, sich selber – und später auch die Eltern – zu ernähren. Wenn es kein soziales Netz gibt, ist das natürlich existentiell wichtig. Je besser die Kinder ausgebildet sind, desto eher sind sie in der Lage, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Das lernen die Kleinen schon von früh an. Sehr oft passiert es, dass die Kinder nach der Schulzeit arbeiten und abends die Uni besuchen, um sich weiter zu bilden. Ich habe selten so viele unglaublich fleißige, junge Menschen gesehen wie in Brasilien, getrieben vom Bedürfnis, sich und die Ihren später gut versorgen zu können. Ich finde das ziemlich anstrengend, aber auch richtig gut. Statt – wie viele Studenten in meiner schwedischen Universitätszeit – ständig nach Zerstreuung auf Studentenpartys zu suchen, rennen die jungen Leute in São Paulo früh morgens zur Arbeit, dann zur Uni, um dann erst nach einem 12 – 16 Stundentag heim zu kommen. Und die machen das fröhlich und ohne zu meckern. Man mag es kaum glauben, aber Aurora hat mehr Vermögen als ich im Laufe ihres Lebens angesammelt, auch wenn mein Einkommen dank seiner Regelmäßigkeit eher für den Lebensunterhalt geeignet ist. Ihr Vermögen ist ihre Lebenssicherheit, gespart zu einer Zeit, als ich noch nicht dabei war. Übrigens – um noch einmal auf das Fremdgehen zurück zu kommen – ist das auch der Hintergrund vieler weiblicher Fremdgeherei und damit durchaus zielgerichtet.
Natürlich gibt es auch Eltern, deren Kinder ihre Prinzessinnen und Prinzen sind – wie für Aurora die Katzen. Dann leben die Kinder im Hotel Mamma, werden gerne bequem und schlitzohrig. Das ist nicht anders als in Deutschland.

Das Umweltbewusstsein ist … ich weiß nicht. Einerseits wird in Bombinhas geworben mit der Natur, andererseits wird auch zugelassen, dass sie hemmungslos zerstört wird. Es gibt ein Umweltbewusstsein, oder eher ein Umweltbewusstseinchen.

Nun noch zum Kommunikationsstil, der sich so sehr vom deutschen Stil unterscheidet. In Deutschland ist die Klarheit und Verlässlichkeit der Aussagen am wichtigsten, in Brasilien der Wunsch, den anderen nicht zu verletzen, auch wenn man dafür mal eine Lüge in Kauf nehmen muss. Ich denke, alle, die nach einer Kommunikationsart vorgehen, schielen etwas neidisch auf die andere Art. Wir Deutschen fänden es gut, wenn man etwas sorgfältiger seine Worte wählen würde und die Brasilianer würden sich über eine größere Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit bei den Absprachen freuen. Inklusiver auf den ersten Blick ist natürlich die brasilianische Methode. Man fühlt sich einfach wohl mit den Menschen. Wenn man sich dann ein wenig auskennt und alles, was einem gesagt wird, richtig zu werten versteht, geht das in Ordnung. Die deutsche Art, sich schon als junge Schüler ständig gegenseitig zu beschimpfen, dass man doof sei, ein Spasti usw. – für deutsche Kinder eine selbstverständliche Art des Umgangs mit anderen Kindern – wirkt das auf mich eher exkludierend. Das Faszinierende, als ich Ende der 60er Jahre als Schüler nach Schweden kam, war für mich, dass hier niemand einen anderen Menschen abwertend ansprach, wie ich das in Deutschland gewohnt war. Und das ist in Brasilien ebenfalls nicht vorstellbar, auch wenn man nicht immer jeden toll findet. Hier macht keiner den anderen fertig. Das ist nicht vorstellbar. Dennoch sind alle immer bemüht, möglichst nahe an der Wahrheit zu bleiben und um Formulierungen zu ringen, die nicht verletzen, auch wenn die Wahrheit manchmal bitter schmeckt. Ein Beispiel: Dona Neiva ärgert sich sehr über die Unzuverlässigkeit der Hausverwaltung unseres Hauses. Am Heiligen Abend z.B. war auf deren Nottelefon niemand zu erreichen, als das Gas zum Kochen ausging. Sie fand dazu bei Aurora klare Worte. Bei der Jahresversammlung aber kam der Protest eher ganz nebenbei, denn sie bat um einen Schlüssel für den Raum mit den Gasflaschen, denn sie habe ja erlebt, dass das Nottelefon außer Betrieb war, als man eine neue Flasche anschließen musste. Es wurde dann über den Schlüssel verhandelt. Weitere Worte zu diesem Missstand fielen nicht. Aber der anwesende Chef der Hausverwaltungsfirma hat es verstanden.

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