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10. Februar, Führerschein

Will man auf die Dauer in Brasilien mit einem Auto herum kurven, braucht man einen brasilianischen Führerschein. Eingetütet wurde das begehrenswerte Papier bereits vor Monaten, indem wir in der hiesigen Fahrschule den festen Willen dazu angemeldet hatten, beim Übersetzer waren und alle Papiere, die nötig waren, in die Fahrschule brachten. Danach war trotz mehrfacher Nachfrage Ruhe im Karton, bis am Freitag die überraschende Mitteilung kam, dass die Papiere jetzt fertig seien und ich die entsprechenden Prüfungen ablegen könne. Dazu müsse ich mich heute um 7 Uhr einfinden, um mich zusammen mit anderen Anwärtern des begehrten Papiers auf eine Tour zu begeben, bei der alles Nötige erledigt würde.

Aurora bleibt allein zurückDie Fahrschule von Bombinhas

Um 7 Uhr waren Aurora und ich pünktlich vor Ort. Mit uns warteten rund 20 Leute auf das, was kommen sollte und was auch wirklich kam.
Aurora blieb mit sorgenvoller Miene zurück. Erstmals hier in Brasilien war ich nun ganz auf mich und meine enormen Sprachkenntnisse angewiesen. Also frisch rein in das etwas klapprige Gefährt und los. Camboriú, die nächstgelegene große Stadt, war das Ziel. Unterwegs hielt der Fahrer eine längere Ansprache, die ich nur sehr auszugsweise verstand. „Na,“ dachte ich, „da dackelst du einfach den anderen hinterher. Das wird wohl nicht falsch sein.“ Und so dackelte ich, als wir beim Ziel ankamen und alle ausstiegen, hinterher. Es war eine Polizeistation mit besonderem Service, wie sich heraus stellte. Wartenummer ziehen und warten. Alle Papiere, die sich im Besitz der Fahrschule befanden, wurden verteilt. Da war wirklich alles dabei: mein deutscher Führerschein, Kopien meiner eingereichten Papiere bis hin zu dem Formular, in dem so eine Art brasilianischer Ariernachweis geführt wird. Nur in Brasilien muss man die gesamten Namen inklusive aller Vornamen der Eltern parat haben. Übrigens wurden beim Austeilen alle beim Vornamen aufgerufen, nur ich nicht. Ich bekam die Papiere zur Erheiterung aller direkt in die Hand. Der Austeiler wusste den Buchstaben, die er da sah, keinen Lautwert zuzuordnen, konnte sie darum nicht aussprechen.

Unser Bus in CamoriúDer Tatort: Polizeistation

Einzug in die PolizeistationDie Papiere werden verteilt

So sehen meine Papiere ausFotos und Fingerabdrücke

Durch die offene Tür sah ich, dass die Leute fotografiert und ihre sämtlichen Fingerabdrücke dokumentiert wurden. In Brasilien hat man sich wohl auf das Sammeln der Fingerabdrücke spezialisiert, denn ich hatte das ja schon einmal bei der Ausländerpolizei erlebt, als ich meinen Antrag auf einen Ausweis stellte – jenen Ausweis, der nach über einem Jahr noch immer unterwegs ist.
„Troca os oculos!“ sagte die junge Dame. „Hä?“ – „Troca os oculos!” Ach so, die will, dass ich die Brille abnehme. Ich tat es, sie war zufrieden und begann zu arbeiten. Es kam ein nicht besonders hübsches Foto dabei heraus, aber nun sieht man eben aus, wie man aussieht.

Ungefähr so wurde mein BildIm Vorzimmer der Augenärztin

Nach diesem Besuch wurde ich in ein weiteres Zimmer geschickt. Jetzt war niemand da, dem ich hinterher laufen konnte. Also schritt ich los, wurde vom Busfahrer abgefangen und in jenes zweite Zimmer gelotst, wo ich alle Papiere ablieferte. Gleich ging es weiter in ein weiteres Zimmer, in dem an einer Apparatur eine junge Dame – wahrscheinlich vereidigte Augenärztin (die Augenärztinnen werden auch immer jünger!) – saß und mich in dieses Teil blicken ließ. Die Buchstaben sollte ich vorlesen. Es gelang ohne Brille zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Jetzt darf ich also in Brasilien ohne Brille Auto fahren.

Hier habe ich mich verlorenHier saß ich umsonst!

Von hier aus wurde ich weiter geschickt. Wohin? Keine Ahnung. Also blieb ich beim nächst gelegenen Schalter sitzen, wurde gleich aufgerufen und es wurde festgestellt, dass ich was mit Führerschein im Sinn hatte. Da war ich falsch. Ich solle zu Schalter 1 – 3 gehen. Auch dort war keine Schlange und ich setzte mich. Ob ich einen internationalen oder brasilianischen Führerschein haben wolle, war die Frage. „Einen brasilianischen!“ – „Da müssen Sie folgende Papiere herbei schaffen …“ – „Aber die sind doch schon da und bei der Fahrschule!“ – „Bei der Fahrschule? – Dann sind sie hier falsch.“ Zurück zum Busfahrer: „Wohin soll ich denn jetzt gehen?“ war meine kleinlaute Frage. Er begleitete mich schlicht aus dem Gebäude raus und zeigte auf den dort wartenden Bus. Aha, also ich war hier fertig, hatte aber noch Zeit, in einen nahe gelegenen Imbiss (lanchonete) zu gehen, um dort ein kühles Wasser zu trinken. Der freundliche, coole Busfahrer kam und setzte sich zu mir. Wir unterhielten uns, so gut es ging.

Der Bus in Camboriú mit dem Imbiss im HintergrundIst unser Busfahrer nicht cool?!?!

Dann fuhren wir weiter. Die psychotechnische Untersuchung sollte nun stattfinden, und zwar in Itapema. Dort angekommen stellte sich heraus, dass vor uns dort schon viele andere angekommen waren. Wir warteten erst auf dem Flur, dann im Warteraum, um dann gemeinsam in eine Art Klassenzimmer geführt zu werden. Da werde ich 64 Jahre alt und sitze wieder auf einer Schulbank, wo ich nie mehr zu sitzen mir ernsthaft geschworen hatte. Vor Schreck oder um Mitleid heischend schrieb ich dann in alle Papiere, dass ich schon 65 Jahre alt sei und eigentlich über dieses Stadium heraus gewachsen sei. Aber es half nichts. Ich bekam einen Platz in der 1. Reihe, der Streberreihe. Eine Lehrerin versuchte – wie alle Lehrerinnen in meinem Leben – einen lockeren Eindruck zu machen. Sie hielt 10 Minuten einen Vortrag. Ich sah sie interessiert an – das kann ich auch noch aus der Schule. Ein wenig ließ ich durchblicken, dass ich dieser Sprache in Wort und Schrift eher weniger sattelfest sei. Sie fand das spannend, erkundigte sich nach meinem Leben und flocht diese Infos in ihre weiteren Ausführungen ein. Schließlich, so war zu erfahren, kannte sie Frankfurt, hat eine Tochter in Bonn, war schon in Berlin usw. usw.
Ein Fragebogen in reinstem Portugiesisch wurde verteilt und sollte in reinstem Portugiesisch beantwortet werden. Ich gab mein Bestes. Alkohol und Autofahren? Ich schrieb: „impossivel!“ – unmöglich! Ob ich Drogen nähme: „Não! Eu não! – Nein, ich nicht. Immerhin verstand ich die Fragen und antwortete mit knappen Worten. Das Papier wurde eingesammelt und es folgte ein Vortrag über Verantwortung und Rücksichtnahme im Verkehr und wie man sich wohl erzogen benimmt. Ich dachte an meine Kinderstube und Schulzeit, machte weiter ein interessiertes Gesicht und wurde mit letzterem wohlwollend bemerkt.
Ein weiterer Test schloss sich an. Da war eine Figur. Die sollte man unter vielen anderen Figuren, die eng aneinander lagen, herausfinden, und das in nur 2,5 Minuten. Los ging’s! Ganz bis nach unten auf die Seite habe ich es nicht geschafft, aber die clevere junge Dame neben mir auch nicht.
Wieder ein länger Vortrag über Drogen und Alkohol usw. Ich gedachte meines exorbitanten Drogengenusses damals in meiner Jugend, als ich einmal in Untergrombach Hasch rauchte. Das Ende des Vortrags war ein weiterer Test. Wir sollten ganz schnell viele senkrechte Striche nebeneinander machen und nur, wenn sie sagt: „Strich“ sollten wir einen waagerechten Strich machen, um dann gleich mit den senkrechten weiter zu machen. Im ersten Durchgang waren es 3 Minuten, im 2. Durchgang 5 Minuten. Da flirren einem die Augen. Meine Nachbarin hatte das ganze Papier mit sauberen Strichen gefüllt, meine waren nicht so gerade und die Seite war auch nicht ganz voll. Sollte ich damals in Untergrombach … ? – Keine Zeit zum Nachdenken, denn es folgte ein weiterer Vortrag, dem ich wieder mein interessiertes Schülergesicht widmete. Dieses Mal endete es in einem – ich vermute es – Intelligenztest. Da waren jeweils 3 Figuren, der eine 4. Figur zuzuordnen war, die als Vorgabe als eine von fünf erschien. Man solle notieren, welche Figur richtig sei. 5 1/2 Minuten Zeit für 25 Aufgaben. Ich legte los und war nach 5 Minuten durch, konnte noch mal schauen, ob sich nicht Fehler eingeschlichen hatten. Ich fand keine. Die junge Frau neben mir war auch so fix. Abgabe.

ItapemaWarten auf dem Flur auf das, was kommen sollte

Warten, denn jetzt sollte das Auswertungsgespräch stattfinden. Ich war einer der letzten, die aufgerufen wurden. „Muito bom, Hans!“ – Sehr gut. Ich hatte bestanden. Puhhh! Und es folgte ein Gespräch über Brasilien und Deutschland, Vergleiche wurden gezogen und ich – man höre und staune – sprach munter mit, erlöst von der Last der Schule. Nach 5 Monaten Sprachtraining wollte man nun meine Sprachkenntnisse loben und anderen vorbildhaft vor Augen führen. Da kenne man Leute, die wohnen schon seit vielen Jahren in Brasilien, aber was die Sprachkenntnisse angingen, so … Sowas hört doch jemand, der im Abizeugnis eine 5 in Englisch aufweist, gerne.

Warten auf die Auswertung. Die junge Dame vorne ist nicht nur hübsch, sondern auch klug!Der Bus steht an einer sehr schönen Stelle zur Abfahrt bereit.

Na ja, jedenfalls stieg ich ziemlich fertig aber zufrieden in den Bus und die Fahrt ging zurück nach Bombinhas, wo ich daheim von Aurora mit einem guten Mittagessen empfangen wurde. Sie hatte die Zeit genutzt, meinen Schreibtisch aufgeräumt und mein Zimmer geputzt. Übrigens bekomme ich den Führerschein erst in 30 Tagen, sagt man

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