Zur Hauptseite Döring

20. Februar, Heimweh?

Gestern war ein großer Kommunikationstag, denn ich hatte 2 Anrufe aus der Andreasgemeinde in Frankfurt, 1 Anruf aus der Blindenarbeit, 1 Anruf von meinem ehemaligen Nachbarn und jetzigem Freund aus Frankfurt, 1 Anruf einer langjährigen Freundin aus Frankfurt-Höchst und 1 langes Gespräch mit meiner Schwester Ruthild. Da war ich den ganzen Nachmittag beschäftigt, und das war richtig schön. Mein ehemaliger Nachbar und meine Schwester verfügen über Skype, so dass ich ihnen unsere Wohnung zeigen konnte. Wir machten bei – wieder eingesetzter – großer Hitze einen Rundgang durch Räume und Terrasse, aber beide meinten, als ich ihnen das stolz präsentierte, dass sie das ja schon auf Fotos gesehen hätten und ob ich nicht Heimweh hätte. Ich fühlte mich mit meinem Stolz missverstanden, denn ich präsentierte das, was ich so schön hier finde und sie fragen mich nach meinem Heimweh. Ist das, was sie da über Skype gesehen hatten, nicht Grund genug, KEIN Heimweh zu haben?

Nun es könnte natürlich auch sein, dass ich Heimweh habe, aber nun etwas suche, was mir das Heimweh leichter macht: die schöne Wohnung, die hübsche Umgebung, die Hitze … Dem ist nicht so!

Liebe Leserinnen und Leser, hiermit tue ich kund und zu Wissen, dass ich kein Typ für Heimweh bin. Im Gegenteil. Es zog mich immer eher in die Ferne, als dass ich es gut in einem heimatlichen Stallmief aushielt. Schon als Kind beneidete ich die anderen Kinder, die nicht im ostwestfälischen Oldendorf – der Name sagt schon alles! – leben mussten, sondern z.B. in Köln, wo die begnadeten Kinder des Kinderfunks lebten und unbeschränkten Zugang zu allen Büchern hatten, die in unserer, in einer Abstellkammer der Volksschule beherbergten Bücherei noch völlig unbekannt waren und es auch blieben. Das kulturelle Leben zog sozusagen an Preußisch Oldendorf vorbei, ohne dass beide einander wahrnahmen. Man stell sich das mal vor: In meiner Lesenot habe ich, nachdem ich alle für mich geeigneten Bücher der Bücherei schon gelesen hatte, sogar „Heidi“ gelesen! Es war dick, es hatte Buchstaben, eine Handlung und befriedigte notdürftig meinen Lesehunger, dem die Bücherei ansonsten nicht gewachsen war. Und da war ich gerade mal 10 Jahre alt.

Ich erinnere mich auch, dass ich in der Grundschule schon den mir mystisch vorkommenden Namen der Stadt Florianópolis gehört hatte und davon träumte. Dass ich dereinst mal in der Nähe dieser Stadt leben würde, wäre mir in diesem Traum nie eingefallen. Das Ziel meiner Sehnsucht schon damals war: weg von der Provinz, aber nicht weg von den Menschen, die mir etwas bedeuten.

Als meine Familie dann in meinem 12. Lebensjahr aus jenem schönen, jedoch verlorenen Landstrich weg zogen, wurde es fast noch schlimmer, denn was Provinzialität angeht, ist das Münsterland wohl eine Vorzeigelandschaft. In Sassenberg, einem Dorf bei dem Provinzstädtchen Warendorf, gab es nicht einmal eine Bücherei! Da gab es nur Kühe mitten im Dorf. Und es hat geregnet ohne Ende. Die kulturellen Interessen beschränkten sich auf katholisches Volkbrauchtum … Traurig!

Selbst Dingolfing, die Kleinmetropole niederbayerischer Lebensart, wirkte dagegen groß. Hierher zogen wir nach nur 4 Jahren – eine Lebensspanne, die für das Bewohnen des Münsterlandes durchaus ausreicht. Aber das war schon was: vom Münsterland nach Niederbayern, von Sassenberg nach Dingolfing. Der Kulturschock war für mich enorm, was wohl bei mir auch den Eindruck hinterließ, es jetzt nicht mehr mit Provinzialität zu tun zu haben, obwohl Dingolfing damals noch nicht BMW-Produktionsstätte war, sondern nur Heimat eines heimatverbundenen Autobauers und Wohltäters der Stadt namens Glas war. In Dingolfing war es nicht nur provinziell, sondern geradezu dank der CSU und ihren Stadtmagnaten samt jenem Autobauer feudal-provinziell.

Es folgte nach nur zwei Jahren Untergrombach – muss ich mehr dazu sagen, als eben jenen Namen: „Untergrombach“. Der Ort war so wie er heißt. Er liegt bei Bruchsal, gehört heute zu Bruchsal. Wenn mich jemand nachts wecken würde mit der Frage: „Was fällt dir ein bei dem Begriff: Kleinstadt?“ So wäre meine Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Bruchsal“. Ich glaube, aus meiner Abiklasse haben nur 4 den Dunstkreis dieser Kleinstadt überwunden. Von denen bin ich einer.

Noch einen Hinweis auf das Sein eines Bruchsalers ist die Sprache: Es gibt hier ein Wort, das überhaupt keine Bedeutung hat, was aber oft und gern gebraucht wird: „allah!“ Damit ist nicht Gott gemeint wie im Islam, sondern wirklich gar nichts. Man sagt es, damit die Zeit verstreicht im Warten auf einen Liegeplatz auf dem Bruchsaler Friedhof.

Als Unterprimaner lernte ich dann endlich mal „die weite Welt“ kennen, als ich im Austausch nach Schweden kam und in Vietnam eine Brieffreundin fand. Endlich, so war mein Eindruck, hatte mich die Welt in meinem Sehnen nach ihr wahrgenommen. Ich wanderte erstmals aus, und zwar nach Schweden. In Uppsala war das Leben zwar finanziell auf ein Minimum reduziert, jedoch gab es dort Menschen, deren Lebensmittelpunkt nicht im Umkreis von 20 km liegt, lag und immer liegen wird.

Es folgten viele Jahre in Frankfurt. Das war beruflich bedingt und innerhalb meiner Landeskirche die am wenigsten provinzielle Stadt. In Frankfurt liegt einem dank des Flughafens die Welt vor den Füßen. Das fand ich schön, habe es auch gut zu nutzen verstanden, auch wenn ich in Frankfurt beruflich bedingt viel Provinz erlebte. Offenbar brauchen viele Menschen eine örtlich stark begrenzte Zugehörigkeit, um sich daheim zu fühlen. Mir ist es schleierhaft, dass es zum Wohlfühlen beiträgt, schon beim Verlassen der Geburtsstation des Höchster Krankenhauses zu wissen, auf welchem Friedhof man nach soundso vielen Jahren Lebenszeit liegen würde: dem Höchster Hauptfriedhof. Der liegt 500 m vom Höchster Krankenhaus entfernt.

Mir ist es schleierhaft, wie mir mit Stolz ein Eschersheimer erzählt, dass er sich getraut hat, eine aus Heddernheim zu heiraten, wobei er sich von den Eschersheimern einiges hat anhören müssen. Zwischen Eschersheim und Heddernheim fließt die Nidda. Sie ist 10 m breit und mit etlichen Brücken versehen, so dass die, die nicht aus dieser Gegend kommen, gar nicht merken, wie sie die Grenze zwischen den Stadtteilen überqueren. Aber klar: für Eschersheimer sind Heddernheimer Ausländer. Die sprechen anders (ich habe den Unterschied nie gehört), denken anders, leben anders, sind eben Heddernheimer und keine Eschersheimer.

Bei meiner Vorgeschichte: Kann ich unter diesen Umständen so etwas wie Heimweh nach Frankfurt oder Deutschland entwickeln? Geht das, wenn man hier in Bombinhas in einer wunderschönen Penthouse-Wohnung lebt, rechts das Meer hat, vorne und hinten Bergzüge mit dichtem Urwald drauf und dazwischen eine Menge Häuser mit Menschen drin, die aus dem ganzen Süden von Südamerika kommen, um hier Urlaub zu machen?

Nein, ich habe kein Heimweh nach Frankfurt und finde, dass ich in jener Stadt genügend lang gelebt habe. Ich habe aber immer Sehnsucht nach Menschen, auch vielen Menschen aus Frankfurt. Aber mit denen habe ich ja einen reichlichen Kontakt, wie der gestrige Tag zeigte. Sie denken an mich und ich denke an sie. Wir telefonieren und skypen und freuen uns, dass wir es so gut haben, miteinander in Kontakt bleiben zu können.

Zum Seitenanfang