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26. Februar, Flugkarte

Ja, ich habe mich festgelegt, im September nach Deutschland zu fliegen. Eigentlich hatte ich das ja nicht vor gehabt, wollte 2014 komplett in Brasilien verleben, doch zwingen mich die Umstände dazu, denn ich sollte einmal jährlich meine Präsenz in Deutschland beweisen können. Das ist besser so für die Krankenkasse, die Beihilfekasse und die Rentenkasse. Besser, man sieht sich vor, als dass man das Nachsehen hat.

Meine Flugkarte nach DeutschlandAlso beschloss ich, nach Deutschland zu fliegen. Aurora fand, dass ich das alleine machen soll, weil das billiger sei und auch weniger Probleme mit den Katzen macht. Ja, ja, die Katzen … die behindern uns bei unseren Plänen …

Am 2. September soll es los gehen und am 23. September wieder zurück. Also fahren wir früh morgens zusammen zum Flughafen nach Navegantes, wo die Fluggesellschaft TAM einen Schalter mit Flugkartenverkauf hat. Ich habe schlechte Laune, was darin seinen Ausdruck fand, dass es mir zweimal gelang, an einer „quebra mola“ (dazu mehr in den nächsten Tagen) mit der Nase des Autos auf der Straße aufzusetzen. „Du kriegst das Auto noch kaputt!“ war Auroras auch nicht besser gelaunter Kommentar.

Immerhin gelang es uns auf dem Hinweg, besonders leckere Marmelade zu kaufen, die es nur in einem Geschäft gibt.

Ankunft in Navegantes. Auto geparkt, in das Flughafengebäude rein. „Internationaler Flughafen Navegantes“ steht dran. Ein großer Name für einen kleinen Flughafen. International deswegen, weil einmal täglich ein Flugzeug nach Buenos Aires fliegt. „Angeber!“ denke ich, mache die Tür auf und eine Mauer von Duft nach ausgelassenem Käse, verströmt aus dem einzigen dort befindlichen Restaurant schlägt mir entgegen. Wer mich kennt und meine „Vorliebe“ für Käse, kann erahnen, was das mit mir macht. Man male es sich lieber nicht aus, denn sonst würde man mich jeglichen Verbrechens für fähig halten. Man stell sich vor: widerlicher Gestank nach zerfließendem, ekligen Käse füllt eine ganze Flughalle inkl. Schalter der TAM.

Aurora zerrt mich zur Treppe, die an den Schalter führt. Ich halte mir die Nase zu und schimpfe, was das deutsche, schwedische und portugiesische Vokabular her gibt, wobei noch einige englische Brocken einfließen. „Dieses förbannade, djävla queijo restaurante! Eles nao têm eine gescheite Aircondition? Fy fan!” Na ja, so ungefähr.

Am Schalter tut Aurora so, als wäre ich ein kleines Kind. „Der spricht kaum Portugiesisch!“ – Pass auf, Mädchen, was Du sagst, denke ich. Und: hau hier ab, das ist nichts für dich!

Ich sage Aurora, dass sie jetzt die Karte kaufen soll, ich würde derweilen Geld aus dem Automaten holen. Sprach es und verschwand. Ich hatte gerade mal 800 Reais dem Automaten entnommen, da kommt Aurora atemlos und holt mich, denn man braucht meine Kreditkarte zur Bezahlung. Klar, dafür bin ich dann doch gut genug! Es kostet ein Schweinegeld! 4.009 Reais. Das sind heute 1.245 Euro für einen Flug von Navegantes nach Frankfurt und zurück. Der Käsegeruch geht langsam zurück. Analog dazu und angesichts der Unabänderlichkeiten steigt meine Laune gering an, bzw nimmt meine Beherrschung zu. Ich kann doch jetzt nicht Aurora rund machen, mit der ich noch den Rest meines Lebens zusammen sein möchte. Unter diesem Gesichtspunkt wäre das ziemlich blöd, wobei mir auch meine gute Kinderstube andere Vorgaben als Rundmachen gibt.

Jetzt habe ich also einen Flugschein. Sieht aus wie ein Kassenzettel vom Aldi. Und?

Eigentlich ist das doch gar nicht so schlecht, denn ich bekomme viele positive Reaktionen. Meine kleine Schwester Moni freut sich echt auf mich und lädt alle Geschwister zu einem Geschwistertreffen mit den Worten ein: „Hurra!!!!! Hans-Georg kommt.“ Das ist ein harter Schlag für jegliches Minderwertigkeitsgefühl, wobei ein solches niemand wirklich braucht. Und in der Blindenarbeit freuen sie sich: „Pfarrer Döring kommt zum Blindentreffen im September!“ So lautet die Einladung der jetzigen Leiterin der Blindenarbeit. Also alles freut ich, dass ich doch in diesem Jahr komme … und ich ja auch! Ich gebe es zu: ich freue mich auf meine Freundinnen und Freunde in Frankfurt und auf meine geliebten Verwandten in Kraichtal. Man stell sich vor, wie viele Leute ich da wieder umarmen und abküssen kann, darf und soll und von wie vielen Menschen mir desgleichen geschieht.

Und noch was: Niemand kann sich auf eine glückliche Heimkehr freuen, der nicht vorher weg fährt. Ich freue mich sehr auf all die Pussies und abracos, aber auch auf die Heimkehr zu Aurora und den Katzen.

In einem halben Jahr ist es so weit und es geht los.

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