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1. März, Feste feiern

Die Saison neigt sich dem Ende zu. Am Mittwoch ist Aschermittwoch und damit ist die große Party in Bombinhas vorbei. Aber bis dahin erscheint es mir noch ein langer Weg zu sein, gepflastert von heimischen Gebräuchen und Verhaltensweisen. Das wird hart, wie schon der Freitag ahnen lässt.

In der Wohnung unter uns ist eine Gruppe junger Menschen eingetroffen. Herr Ivan, dem das Apartment gehört, hatte vor einigen Tagen angerufen und gesagt, dass er erst nach dem Karneval käme, weil es ihm vorher hier zu laut sei. Ich dachte, es sei seine Erfahrung, die aus ihm sprach, jedoch war es wohl mehr als das, denn offenbar hatte seine Tochter – seine Prinzessin – vor, hier eine Sause mit ihren Freunden zu machen. Seine Tochter kenne ich bereits. Sie ist eine junge, hübsche Maid, deren größtes Interesse wohl in ihrem ansprechenden Äußeren zu finden ist und die alles tut, um eben dieses zu erhalten. Der Vater ist eher unscheinbar, weswegen sie auch nicht gerne zusammen mit ihm auftritt, sich lieber alleine am Strand präsentiert und dem Vater zu verstehen gibt, was seine Rolle ist und wie er sich zu verhalten hat. Und der Vater ist entsprechend gut erzogen.

Also die Tochter hat eingeladen nach Bombinhas. Das bringt hierzulande auch Status. Nicht jeder hat eine Wohnung in Bombinhas. Wow! Und so fiel sie mit ihren Gästen gestern ein – und wir aus … der Fassung, dem Bett, der guten Laune usw.

Dabei – wenn ich es recht bedenke – ist es gar nicht viel anders als bei mir selber vor 35 – 40 Jahren, und man sollte die Perspektive eines 65-Jährigen auch nicht überhöhen, sondern die Sache eher mit Humor angehen.

Also höre ich jener Kakophonie von Stimmen und Musik zu. In sich hat das wirklich einen Sound. Es sind vielleicht 4 Männer und 3 Frauen, die alle gleichzeitig sprechen und dabei Musik hören. Wie in einer Sinfonie setzen die Stimmen ein, erklingen gleichzeitig mehr oder weniger harmonisch, schwellen an, machen kurze Pausen (um neue Gedanken zu fassen, was in der Regel schnell gelingt), überbieten sich danach, kulminieren in einem Solo, das dann wieder in einem allgemeinen Brüllen endet. Der Solist ist ein junger Mann mit besonders tragender Stimme. Man hört dieser Stimme an, dass es – aus der Perspektive eines 65-Jährigen – noch gar nicht so lange her ist, dass er zu Mutter gerannt kam: „Mamma, der hat mich gehauen!“ und dabei laut heulte. Und die Mutter nahm ihren Prinz in den Arm, streichelte ihn, redete gut zu ihm, tröstete bis er aufhörte zu weinen und dann sagte: „Mamma, du stinkst!“ –  Und die antwortet, statt ihm eine zu knallen: „Ach, Junge, du weißt doch, wie schwer es für mich ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Entschuldige bitte.“ Und da hatte der Junge das gelernt, was er heute praktiziert: 1. Wer laut brüllt, kommt bei den Frauen gut an. – Er ist der lauteste. 2. Meine Respektlosigkeit schafft mir Respekt. – Ich überschreie alle! 3. Undankbarkeit ebenfalls. – Ich brülle, wo ich will, auch in Häusern und Wohnungen, in denen ich nur Gast bin.

Und so entsteht eben jene Sinfonie für 7 Stimmen mit Radio und Solist, dem Oberbrüller. Der Höhepunkt war dann, als alle gegen 23 Uhr auf den Balkon gingen und einen Silvesterknaller aus purem TNT zur Zündung brachten, gezündet vom Oberbrüller, der so seiner Persönlichkeit sozusagen das Sahnehäubchen verlieh. Die Katzen flohen wild, wir fielen aus dem Bett und alle waren richtig gut drauf. Wie gelungen das alles ist!

Gegenüber von uns in Malvinas Haus sind ebenfalls neue Gäste, die ebenfalls sehr gerne sehr laut Musik hören: Karnevalsmusik aus Brasilien, die nichts mit deutschen Karnevalsliedgut zu tun hat, sondern Samba-Rhythmen mit ziemlich eintönigem Gesang beinhaltet. Samba von hübschen Frauen hübsch getanzt ist gut anzuschauen, aber nicht so gut anzuhören und ziemlich gewöhnungsbedürftig. Aber diese Musik erscholl nur tagsüber. Abends wurde sie zunächst aus unserem Haus durch das anhaltende Brüllen übertönt. So stellten die Erzeuger dieser Samba-Musik schließlich ihre Geräte ab. Ich sah sie dann gegen 22.30 Uhr um einen Tisch im Vorgarten sitzen. Sie spielten Karten und schauten immer wieder hoch in den 3. Stock, dem Zentrum der ausschweifenden Festlichkeiten. – Die Leute in unserem Haus hatten gesiegt!

Nun muss man dennoch etwas sehr Positives von den jungen Leuten hier sagen. Drogen und Alkohol scheinen hier nicht die zentrale Rolle wie in Deutschland zu spielen. Es wird bei weitem nicht so viel gekifft und gesoffen wie in Deutschland. Die Lautstärke ist also kein Produkt von nicht mehr vorhandener Selbstkontrolle, sondern wirklich reine Lebensfreude und –ausdruck.

Und dass niemand dem anderen zuhört und jeglichen noch so unwichtigen Gedanken sofort aussprechen muss, ist eine hier gesellschaftlich durchaus akzeptierte Verhaltensweise. Das haben wir schon bei den lutherischen Damen in unserem Alter gemerkt, die auch alle gleichzeitig sprachen und dennoch irgendwie mitbekamen, was der andere sagt. Davon schrieb ich aber schon.

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