Zur Hauptseite Döring

2. März, Samba Queen

Gestern hat Aurora ausnahmsweise das brasilianische Fernsehen angeschaltet. Sie wollte etwas Karneval sehen. Also schaltete sie den größten Fernsehsender Brasiliens ein: Globo.

In der Tat, es wurde etwas Karnevalistisches gebracht. Nicht wie in Deutschland rechtspopulistische, schlichte Knittelverse, unterbrochen durch Täf-Täh, sondern die Wahl der Samba-Queen von Rio de Janeiro und von São Paulo mit sehr viel Konfetti und Luftschlangen, einem aufgegeilten Moderator und einer ehrwürdigen Jury bestehend aus recht korpulenten, ehemaligen Karnevalsgrößen.

Da traten jeweils junge Frauen aus den verschiedenen Sambaschulen der konkurrierenden Städte auf. Anmutig schwang jede nach Vermögen ihr Gesäß hin und her, schlackerte mit selbigem unter schnellen, kleinen Schrittchen mal vor, mal zurück, mal rechts, mal links. Gekleidet waren sie so, wie man deutsche Frauen eher weniger sieht: Da waren oben an den Schultern viele Federn. Der Kopf war oft mit enormen Federhüten geschmückt. Weiter unten wurde die Bekleidung eher spärlich. Immerhin hatten alle einen Bikini an, aber was für einen! Das glitzerte in Gold, Silber, Rot oder Blau, je nach den Farben der jeweiligen Sambaschule. Die Gesichter erstrahlten in einem ewigen Lächeln, während die Popos raumgreifend schwangen. Ja, die Popos. Aurora meinte, sie seien alle mit Silicon unterspritzt. Denn sie müssen der Konkurrenz wegen rund und knackig sein. Man sieht sie gut, denn sie waren eher weniger bekleidet. String-Tangas sind die „Hosen“ der Sambatänzerinnen, die damit den schlechten Ruf von Brasilianerinnen begründen. Hier ist sie Arbeitskleidung. „Mein Gott,“ meinte ich, „so würde ich mich nicht in die Öffentlichkeit trauen … niemand in Deutschland würde das tun!“ Aurora: „Aber die wollen das. Die finden das toll, ihren Po sogar im Fernsehen zu zeigen.“ – Die Frauenemanzipation hat wohl um Brasilien einen großen Bogen gemacht – oder sie ist hier eben anders. Wie? Fragt mich was Leichteres.

Unter diesem zierlichen Kleidungsstück kamen dann die Beine unbekleidet hervor. Sie sind dank eines ausgefeilten Trainings lang, muskulös und extrem beweglich und schnell. Sie sind ja auch die Grundlage jener anmutigen Bewegung des Gesäßes, das in dem Fall seinen Namen eher nicht verdient, weil damit gezappelt, nicht gesessen wird. Und ganz unten an den Füßen prangen prächtige Plateauschuhe mit hohen Absätzen. Mit sowas tanzen? Alle konnten das ohne Probleme.

Eine nach der anderen kam vor, begann zu trippeln und mit dem Po zu schlackern, drehte sich, damit auch alle ihre Wertesten sehen konnten und das anmutige Zittern desselben. Die Jury ist begeistert. Das Publikum ebenfalls.

Ach ja, das Publikum. Das war im Studio reichlich vorhanden. Aber es war auch etwas Besonderes, denn vorne saßen ausschließlich junge Mädchen und Frauen. Sind die ohne Männer da? – Man könnte es meinen, jedoch schwenkt die Kamera manchmal über das ganze Publikum hinweg und da erblickte man die Männer und manche älteren Menschen hinten, ganz hinten, da wo es keine jungen Frauen und Mädchen mehr gab. Wer interessiert sich schon für die!

 

Ansonsten verlief der gestrige Tag – ja, er verlief. Die Gruppe junger Menschen in Malvinas Haus – wahrscheinlich eingedenk der bitteren Niederlage vom Tag zuvor – drehte ab 9 Uhr die Musik auf, die ohne Unterbrechung 12 Stunden durch lief. Die Musik bestand vor allem aus brasilianischer Folkmusik, vergleichbar eher der amerikanischen Folkmusic. Sowas heißt „musica serta neja“ und ist hier enorm populär bei Jung und Alt. Wie ich sehen konnte, wurde viel Bier konsumiert, aber das Trinken ist bei der Wärme auch sehr wichtig. Am Nachmittag saßen sie dann bei dröhnender Musik zusammen und spielten Karten. Manche schlafen, um sich für den Abend vorzubereiten. Es ist eigentlich ein idyllisches Bild, wenn nicht die ständige Brüllerei und die wummernden Bässe nicht wären.

Die Katzen krochen, nachdem wir alle Türen geschlossen und die Rollläden runter gelassen hatten, vorsichtig aus ihren Verstecken. Gepriesen seien die Rollläden! Sie weisen die Hitze ab, aber auch Wind und Wetter. Sie sind aber auch gegen Lärm einsetzbar.

Der Abend war dann erstaunlich friedlich, auch wenn Bombinhas wieder voll ist wie an Weihnachten und Neujahr. Jetzt noch 4 Nächte, dann ist der Spuk bis Dezember vorbei.

Zum Seitenanfang