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3. März, Deutschland - Schweden - Brasilien

Wenn es nicht besonders rund läuft, dann steht mehr im Erlebnisbuch. Diese Tatsache haben die regelmäßigen Leserinnen und Leser dieses Blogs sicher schon bemerkt. So wird allerdings auch der Eindruck verstärkt, mir gefiele es in Brasilien nicht und ich müsste bedauert werden. Das ist sicher nicht richtig, denn die vielen Einträge bedeuten lediglich, dass ich die Ereignisse, die auf mich grenzwertig wirken, verarbeiten muss, was durch das Schreiben geschieht.

Es gibt noch eine Art der Verarbeitung, und das ist der Zugriff auf alte Erfahrungen. Ich war ja schon einmal ausgewandert. Das war 1971 nach Schweden. Und in Anbetracht der hiesigen Erfahrungen fallen mir die Erfahrungen in Schweden ein, die ich im ersten Jahr dort gemacht hatte. Da war auch einiges für mich sehr Grenzwertiges dabei und ich erinnere mich, dass ich damals genau wie jetzt öfters ziemlich geschockt war über das, was mir da begegnete.

Die wichtigste Erfahrung damals war: Ich habe es überstanden. Dabei habe ich nicht lieben gelernt, was mich befremdet, aber ich habe gelernt, damit umzugehen, denn im 2. Jahr traf es mich nicht mehr unvorbereitet.

Die zweite Erfahrung, die ich gemacht habe, ist die, meinen Standpunkt und meine Kultur nicht über zu bewerten, sondern lediglich als meinen persönlichen Ausgangpunkt zu sehen, von dem aus mir andere Kulturen in ihren Unverträglichkeiten auffallen. Menschen anderer Kulturen werden bestimmt auch in Deutschland grenzwertige Erfahrungen machen mit Verhaltensweisen, die für mich lieb, vertraut und in Ordnung sind. Mein Leiden ist also wirklich vor allem MEIN Leiden. Für die Bearbeitung meines Leidens aber bin lediglich ich selber zuständig.

Karneval vor unserer Türsieht hübsch aus, aber ... Hier in Brasilien kämpfe ich also mit dem unerträglichen Lärm, dem Ausdruck brasilianischer Lebensfreude. Gerade haben die jungen Leute, die sich zwecks Party gegenüber bei Dona Malvina eingemietet haben, die Musik wieder voll aufgedreht. Sie brüllen, kreischen, schreien und tanzen auf der Straße. Dona Malvina ist mit ihrer Familie mitten unter ihnen und macht mit. Die Musik dröhnt. Der Lärm lockt andere Lärmende an. Autos kommen, hupen, bleiben stehen. Die Insassen machen mit. Alle sind gut drauf. Auffällig ist, dass dieser Lärm nur bei uns gemacht wird. Anderswo in der Umgebung ist es eher still. Die Lärmmacher sind alle hier.

In Schweden hatte ich auch im ersten Jahr sehr grenzwertige Erfahrungen gemacht, wobei es sich dabei vor allem um den Umgang mit Alkohol und damit zusammenhängend mit anderen Menschen handelte. Das war in Uppsala und mit den Studenten dort. Selbige waren jeden Mittwoch, Freitag und Samstag damit beschäftigt, sich ordentlich die Kante zu geben. Daheim wurde abends begonnen, sich gründlich abzufüllen, sozusagen „vorzudieseln“. Bis gegen 23 Uhr waren sie dann so weit, dass man zum Tanzen in eine Nation, vorzugsweise die von Norrland zu gehen. Nationen sind eine Art Landsmannschaften, die sich in ihren jeweiligen Nationshäusern trafen, um vor allem Party zu machen. Hier traf man sich also an den entsprechenden Abenden ziemlich besoffen, um Kontakte zu knüpfen. Der soziale Sinn war wahrscheinlich, dass man sich vor allem mit Leuten aus der eigenen Landschaft paart. Und dieser Zweck wurde auch erreicht. Am Morgen nach jeder Party kamen aus den Zimmern immer fremde Menschen des jeweils anderen Geschlechts, immer andere, selten dieselben zweimal. Nun ja, das war vor der Zeit von HIV.

Mich schockte das und ich fand, dass man miteinander nicht menschenwürdig umging. Dabei muss man allen zugute halten, dass sie freiwillig mitmachten.

Am schlimmsten aber war für mich dann das Erlebnis meines ersten Frühjahrsanfangs. Es war der 30. April. Da wurde ich mitgenommen vor die Unibibliothek, die Carolina. Dort versammelten sich sicherlich rund 10.000 total besoffene Studentinnen und Studenten, um dann auf ein Zeichen hin die gerade Straße, die von der Bibliothek, die auf einem Hügel lag, durch die ganze Stadt führt, herunter zu laufen. 10.000 Menschen rennen besoffen den Hügel runter. Dichtes Gedränge, Lebensgefahr wie in Pamplona beim Stierrennen. Jedes Jahr passieren auch Unglücke, manchmal sogar mit tödlichem Ausgang. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich gerettet habe, aber ich weiß, dass ich vor Erschütterung daheim geheult habe. Und dann am 1. Mai fand man dieselben Studenten, sehr verkatert, auf der 1. Mai Demonstration. Ich habe es nicht verstanden und seitdem Uppsala an diesen beiden Tagen weiträumig gemieden oder mich nicht mehr einladen lassen, sondern meine Zimmertür verschlossen und Kopfhörer aufgesetzt, um dem Elend zu entgehen.

Carolinabacken in UppsalaCarolinabacken von unten

Nun, ich habe alles überstanden. Ich werde auch lernen, mit dem brasilianischen Lärm klar zu kommen.

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