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5. März, Einmal anders herum

Heute ist Aschermittwoch und damit alles zu Ende. Gestern schon war ein relativ ruhiger Tag, weil ich im Facebook die Fotos von Dona Malvina kommentiert habe: „Schön war es, aber für uns Nachbarn zu laut.“ Kurze Zeit später verstummte die Musik und es wird nur noch vereinzelt gebrüllt.
Diese himmlische Ruhe gab mir wiederum die Gelegenheit zu lesen und über die Besonderheiten Brasiliens nachzudenken.

Ich hatte ja schon über die vielfältige Bedeutung der Telefonauskunft: „Ich rufe zurück!“ philosophiert und sie in ihrer Vielfalt an anderer Stelle beleuchtet. Jetzt fiel mir ein Büchlein eines Brasilianers in die Hände, der in Berlin wohnte und ebenfalls über ein sehr ähnliches Wort nachdachte, das es im Portugiesischen gibt: „amanhã“ (ausgesprochen: amanjang). Ich zitiere:

Zum Beispiel würde ein Deutscher, der Portugiesisch spricht, ohne Zögern sagen, dass „amanhã“ „morgen“ heißt (davon ging auch ich aus!). Aber weh dem Deutschen, der nach Brasilien fährt und glaubt, wenn ein Brasilianer „amanhã“ sagt, meine er wirklich „morgen“.  (!!!!!) Selten ist das so. „amanhã“ ist ein ungeheuer vielschichtiges Wort …
„amanhã“ bedeutet u.a. „niemals“, „vielleicht“, „ich werde es mir überlegen“, „ich verschwinde“, „such dir einen anderen“, „ich will nicht“, „nächstes Jahr“, „wenn nötig, komme ich darauf zurück“, „demnächst“, „lass uns das Thema wechseln“ etc., und in ganz großen Ausnahmen bedeutet es vielleicht „morgen“. …
Das Telefon klingelte, ich nahm ab, ein sympathischer, höflicher Deutscher auf der anderen Seite wollte wissen, ob ich für einen Vortrag am Mittwoch, dem 16. November, um 20.30 Uhr Zeit hätte. Ich weiß, dass ein Deutscher nur schwer verstehen kann, warum ein Brasilianer eine solche Frage nicht begreift. Wie kann jemand mit solcher Genauigkeit so lange im Voraus etwas festlegen wollen. Diese Deutschen sind wirklich verrückt. Aber ich wollte nicht unhöflich sein, und wie immer bat ich meine Frau um Rat.
„Frau“, sagte ich, nachdem ich den Anrufer gebeten hatte, einen Augenblick zu warten. „Habe ich irgendeine Verabredung am 16. November, Mittwoch, um 20.30 Uhr?“ – „Bist du verrückt?“ sagte sie. „So eine Frage kann doch keiner beantworten.“ – „Ich weiß, aber da ist ein Deutscher, der eine Antwort will.“ – „Sag ihm, du gibst ihm morgen Bescheid.“ – „Und wenn er morgen anruft? Er ist Deutscher, er wird morgen anrufen, er weiß nicht, was „morgen“ heißt.“ – „Ach, diese Deutschen spinnen doch. Du bist Schriftsteller, denk dir eine poetische Antwort aus, sag ihm, das Leben ist ein ewiges Morgen!“
(João Ubaldo Ribeiro, Ein Brasilianer in Berlin, 3. Auflage, 56f)

Also wenn man diese vielfältigen Bedeutungen von „amanhã“ oder „ich rufe zurück“ nicht versteht, kann hier nur ganz schwierig leben. Und umgekehrt. – Aurora ist an diesem Punkt eher deutsch als brasilianisch und Freund Rudi eher brasilianisch als deutsch. Aber ich kann Ribeiro verstehen, wenn er in Berlin mit der Planungsgenauigkeit nicht klar kam.
Übrigens meint Ribeiro, dass, wenn Deutschland und Brasilien eine gemeinsame Grenze hätten und an dieser Krieg hätten führen wollen, das wegen der Brasilianer niemals geklappt hätte, weil sie sich mit Sicherheit verpasst hätten. Vielleicht hat es darum seitens Brasiliens eigentlich keine wirklichen Kriege in ihrer Geschichte gegeben, wenn man mal von ein paar Scharmützel um Uruguay mit Argentinien absieht.

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