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7. März, Über das Autofahren

Ich bin ja nun stolzer Besitzer eines brasilianischen Führerscheins, auch wenn das Papier noch nicht in meiner Hand ist.

Als brasilianischer Autofahrer muss man sich vor allem mit den hiesigen Bedingungen des Autoverkehrs vertraut machen. Das habe ich natürlich schon ausführlich geübt, indem ich mit einem deutschen Führerschein in der Tasche und einem amerikanischen Kleinwagen auf brasilianischen Straßen unterwegs war. Aber nun finde ich es an der Zeit, darüber ein Kapitelchen zu verfassen. Um es mit Radio Eriwan zu sagen: Im Prinzip gelten hier sehr ähnliche Gesetze wie in Deutschland: rechts vor links, kein Rowdytum auf der Straße, Rechtsfahrgebot usw., aber …
Aurora meint: Egal, wer bei einem Unfall Schuld hat, man ist immer selber der, der den Schaden hat. Stimmt, befriedigt aber nicht – wenigstens keinen Deutschen, der gerne nach Schuldigen sucht. Am wichtigsten aber ist, Vorsicht walten zu lassen, mehr noch als in Deutschland, wo man davon ausgehen kann, dass alle in der Regel die Verkehrsregeln achten (außer Radfahrer, die in Deutschland brasilianisch fahren). Genau das ist  hier nicht der Fall. Jeder fährt, wo Platz ist. Rechts überholen? – Kein Problem. Wenn du bremsen musst, sei gefasst darauf, dass dir der im Abstand von 3 Metern hinter dir Fahrende nicht mit bekommt, weil er deine Rücklichter nicht mehr sieht, und dir dann ungebremst hinten drauf fährt. Und natürlich bist du Schuld. Immer bist du Schuld. Warum bremst du denn auch so einfach?!?! Ich wurde wirklich einmal von dem nachfolgenden Autofahrer, als ich in eine Tankstelle einbiegen wollte, angesprochen. Er meinte noch ganz aufgeregt, er sei mir fast hinten drauf gefahren, Seine eigene Geistesgegenwart habe ihn – und mich – vor meinem unbedachten Bremsen gerettet. Nötigung im Straßenverkehr ist zwar verboten, jedoch überaus üblich.

Rudi wurde an einer Tankstelle der Seitenspiegel abgefahren. Danach konnte Rudi dankbar sein, dass er nicht die Schramme am anderen Auto bezahlen musste, weil er sich einfach dumm dort zum Tanken hingestellt hatte.
Auf polizeiliche Hilfen wartet man vergeblich. Man muss alles untereinander klären. Da kann es von Vorteil sein, eine stattliche Figur und Karatekenntnisse zu haben oder wenigstens vortäuschen zu können: „Komm her, zahl und pack dich, oder es gibt eine auf’s Maul!“
Wenn dir jemand die Vorfahrt nimmt, bist du selber schuld. Wenn dir jemand einen Stein auf das Auto schmeißt ebenfalls. Du bist immer schuld an allem, was dir passiert. In Bezug darauf, dich zum Schuldigen zu machen, sind die Brasilianer findig wie deutsche Schüler.

Darum ist es auch gut, eine gute Autoversicherung zu haben. Die deckt nicht nur die Schäden am eigenen Auto, sondern auch am anderen Auto, macht auch Pannenhilfe und alles, was bei uns der ADAC leistet – außer Verleihungen von ominösen Engeln oder Lobbyarbeit.
Meine Autoversicherung geht über sagenhafte 100.000 Reais Schaden und 5.000 Reais im Todesfall. Da habe ich große Augen gemacht, als ich die Versicherung, die hier als sehr üppig gilt, abschloss. Wieso versichern wir uns in Deutschland über 10.000.000 Euro und hier über 100.000 Reais, also rund 35.000 Euro umgerechnet? – Die Erklärung liegt darin, dass alle höheren Schäden staatlicherseits durch eine obligatorische Autoversicherung abgedeckt werden. Der Beitrag dazu ist sehr gering. Viele wissen gar nicht, dass sie da überhaupt rein zahlen und entsprechend gering ist auch die Ausschüttungssumme, weil niemand Ansprüche an diese Versicherung stellt. Alles wird unterhalb dieser Gelder geregelt.

Man kann nur staunen, auf welchen Gebieten selbstverständliche, deutsche Regelungen gänzlich anders geregelt werden.

Schnellfahren ist nicht erwünscht und auch selten möglich, was einerseits an den Straßenverhältnissen und den auf langsames Fahren getrimmten Autos liegt, andererseits aber auch an strengen Kontrollen. Wird man erwischt, wird es teuer. Man zockelt also durch Brasiliens Autobahnen mit 100 – 110 km/Std.. Das ist entspannend, wenn nicht die vielen Lastwagen wären. So ein 30-Tonner hat einen Motor, der wohl auch nicht viel mehr PS als mein Kleinwagen hat. Dieses Gefährt entwickelt eine besonders Dynamik. Es dauert, bis er auf Touren kommt, aber wenn er dann mal auf Touren ist, dann hält ihn nichts mehr. Das Tempo bleibt. Ich glaube, die LKW haben keine Bremsen. Ist da ein Auto mit weniger als 110 km/Std. unterwegs, wird er überholt. Gnade dir Gott, wenn du dann gerade parallel mit dem LKW bist. Scharf bremsen ist die einzige Möglichkeit. So ein 25 – 30 Meter langes Gefährt ist kein Spaß!
Wie leistungsschwach diese Brummis sind, merkt man vor allem, wenn man von Porto Belo nach Bombinhas über den berühmten Pass fahren muss. Fast immer fährt ein LKW vorne weg, denn er schafft es dank der wenigen PS unter der Haube höchstens im Schritttempo, oft auch noch langsamer, den Berg hoch, so dass er auf der schmalen 2-spurigen Straße alle anderen Autos aufhält. Bis er oben ist, dauert es – und entsprechend lang ist die Schlange hinter ihm, die ebenfalls im Schneckentempo den Berg erklimmt.
Der Gerechtigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass es nicht nur LKW sind, die Schlangen hinter sich her ziehen. Offenbar ist das Fahrverhalten in Argentinien anders als in Brasilien. Ich vermute, dass argentinische Autos einen L-Gang haben, mit dem man extrem langsam fahren kann und der 1. Gang schon wie ein Racergang wirkt. Die meisten Argentinier sind sehr nette und verträgliche Zeitgenossen. Ich habe schon viele sehr sympathische Argentinier getroffen, aber im Straßenverkehr kostet manches Fahrverhalten viel Nerven. Völlig unbeeindruckt von der kilometerlangen Schlange hinter sich fährt solch ein argentinisches Auto durch Bombas. Der Fahrer lässt seinen Blick über Hauser, Landschaft und Meer schweifen. Er ist angekommen. Das will genossen werden. Wo ist eine Imobiliaria (Unterkunftsvermittlung)? Kaum Schritttempo mitten auf der Straßen ist da geboten. Das wird jeder verstehen. Ich stehe am Straßenrand, sehe den entspannten Blick des Argentiniers vorne weg und die verzerrten, grimmigen Gesichter der brasilianischen Fahrer dahinter. Ich weise Aurora darauf hin und wir studieren die Gesichter. „Stimmt!“ meint sie, „aber da ist noch einer, der entspannt aussieht. Schau mal.“ – Ich schaue und schaue auf das Nummernschild: es ist auch ein Argentinier.

Eine Cebra Mola mit WarnschildEine Cebra Mola mit Warnschild

Es gibt noch einige weitere Besonderheiten im Straßenverkehr: Manche Straßen sind Vorfahrtsstraßen. Das kann man aber nicht erkennen, weil es keine Vorfahrtsschilder gibt. Man muss also an den Kreuzungen schauen, ob die einmündende Straße ein Stoppschild hat. Wenn ja, befindet man sich auf einer Vorfahrtsstraße, bis man selber an ein Stoppschild kommt. Die Tatsache fehlender Vorfahrtsschilder ist zwar merkwürdig, aber nicht bedrohlich. Viel bedrohlicher sind da jene künstlichen Schwellen, die es innerstädtisch haufenweise gibt. Wir nennen sie „Quebra-Mola“ = „Federbrecher“. Gemeint sind mit „Federn“ die Stoßdämpfer in den Autos. Diese Dinger sind wirklich fies, denn sie können, wenn man sie übersieht, das Auto in einen Schrotthaufen verwandeln. Allein auf der Strecke von der Autobahn bis nach Bombinhas durch Porto Belo durch gibt es 17 Stück davon mit unterschiedlicher Höhe und Breite. Man MUSS vor ihnen bremsen, im Schritttempo rüber fahren, Gas geben bis zur nächsten – bremsen – Schritttempo usw. Fährt man zu schnell, schlägt man vorne mit der Nase auf dem Pflaster auf, fährt man viel zu schnell drüber, dann …

Noch ein Wort zu den Werkstätten. Autowerkstätten bewegen sich ein weinig im Halbmilieu. Hier wird geklaut, was ein zu reparierendes Auto hergibt. Man muss – am besten bewaffnet – bei der Reparatur dabei stehen und überwachen, damit nicht gute Autoteile gegen schlechte ausgewechselt werden. Selbst in Vertragswerkstätten ist man nicht sicher. Unsere Maßnahme dagegen ist, immer mit einem Auto zu fahren, das noch keine Reparaturen braucht, also mit einem relativ neuen Auto. Das ist billiger als es mit Werkstätten zu tun zu bekommen.

Das waren jetzt lauter schwierige Dinge mit dem Straßenverkehr. Es gibt aber auch sehr positive Erfahrungen. In Frankfurt hatte ich eine muntere Knöllchensammlung. Die hat viel Geld gekostet. Hier habe ich noch kein einziges Knöllchen erhalten. Das spart viel Geld.
Das Tanken kostet hier 2,74 Reais pro Liter. Das sind 0,85 €. Da träumt der deutsche Autofahrer von.
Und was am wichtigsten ist: Wenn man sich gewöhnt hat, dann ist das Fahren hier wirklich entspannend und bei weitem nicht so aggressiv wie in Deutschland.

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