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10. März, Mitgefühl für Tiere

Als wir heute früh am Strand liefen, waren auch gerade die Boote der Fischer angelangt und sie luden ihre Netze und ihren Fang aus. Erstmals sahen wir dabei 6 Schildkröten, die in der Nähe der Fischerboote lagen. Man hatte sie auf den Rücken gedreht, die Füße ruderten noch in der Luft, die Köpfe hingen nach unten und der Anblick erzeugte bei uns beiden einen Schnitt in der Seele. Das tat wirklich weh! Um sie herum standen ebenfalls betroffene Menschen, Touristen, während die Fischer ihre Boote weiter ausluden.

Warum tut das Leiden und Sterben bei den Schildkröten, aber auch bei den Fischen, die ja ebenfalls teilweise noch zappelten, weh, während wir weiterhin Fleisch und Fisch essen, nachdem sie filetiert sind? Fleisch konsumieren ja, aber nicht Tiere dafür töten? Ja, so ist das: wir können das Töten nicht sehen und auch dem Tod nicht in die Augen schauen. Wir wollen das nicht! Stattdessen wenden wir uns unseren Katzen zu. Für sie machen wir alles, damit es ihnen gut geht. Wir taten es früher auch für die Fische in unserem Gartenteich in Frankfurt, die Dicke Berta und den Stolzen Heinrich, wie wir sie nannten. Und dennoch essen wir gerne Fleisch. Ist das Doppelmoral?

Ich war schon einige Male in Asien, wo man ganz anders mit dem Tod umgeht und dadurch die Entstehung von Doppelmoral verhindert. Die zu vermeiden geht nur, indem ich einem Extrem anhänge: Entweder ich habe gar keinen Respekt vor dem Leben überhaupt und haue tot bis ich selber tot gehauen werde. Oder ich respektiere das Leben so sehr, dass ich jegliches Töten verdamme und zu vermeiden suche. In Indien sind mir beide Haltungen begegnet: einerseits der achtlose Umgang mit Leben und andererseits einem riesigen Respekt davor.

Nie werde ich vergessen, wie ich vom Zug aus einen zahnlosen Bären mit glanzlosem, struppigem Fell am Nasenring geführt sah. Das war auch ein unvergesslicher Stich in die Seele. In Indien ist das eine Freizeitbelustigung. Die Inder wurden mir noch fremder, als sie es sowieso schon waren. Aber so, wie man dort mit dem Bär umging, ging man auch miteinander um. Ich erinnere mich an spitze Ellenbogen auf übervollen Fähren, an sich vordrängelnde Menschen an sehenswerten Stellen, an die Diebereien und Zudringlichkeiten an den Stränden, alle ein Zeichen für einen recht lockeren Umgang mit dem Unglück anderer und einem ungehemmten Egoismus. Begründet ist das kulturell-religiös, weil das Ergehen des Einzelnen sein ganz eigenes Karma darstellt. Nur in der Summe der Leben herrscht Gerechtigkeit, nicht aber im individuellen Leben. Und so macht es auch nicht so viel aus, wenn man z.B. eine Frau gruppenweise vergewaltigt. In der Summe der Leben wird ihr dafür schon Genugtuung verschafft und ich war offenbar karmisch mal dran, was richtig Böses zu tun oder werde es in einem kommenden Leben abbüßen müssen.
Der Umgang mit dem anderen Leben ist dort also ein anderer, direkterer, vielleicht ehrlicherer als bei uns, wo wir wegschauen, wenn getötet wird (außer in den Abendkrimis im Fernsehen).

Andererseits begegnete mir in frommen Kreisen Indiens das Ahimsa-Ideal, nach dem gar kein Lebewesen getötet werden darf, nicht einmal Fliegen und Mücken. Besonders im Jainismus ist dieses Ideal weit verbreitet. Da haben die Menschen schon ein schlechtes Gewissen für das Töten von Kleintieren und Käfern, die man aus Versehen beim Auftreten des Fußes tötet. Man pflegt Vegetarier zu sein, wenn nicht sogar Veganer. Dieses Ideal hat auch in der westlichen Kultur viele Anhänger, die dadurch die Doppelmoral der Fleischesser entlarven wollen. Ihm hängen auch Tierschützer an und viele Naturfreunde, moralische Größen, moralisch unangefochten in ihren Idealen von Frieden und Harmonie.

Beide Wege zum moralischen Umgang mit Leben sind problematisch. Einerseits ist der Weg der Respektlosigkeit vor dem Leben für ein Zusammenleben von Mensch und Natur verödend. Andererseits ist ein komplettes Durchhalten der Gewaltlosigkeit dem Leben gegenüber nicht durchzuhalten und erzeugt so empfindliche Gewissen, dass es die Lebensqualität sehr herab setzt. Sodann hat man das „katholische Problem“, wann nämlich Leben anfängt. Sind Bakterien schon Lebewesen?

Ich selber meine, dass alles Leben gleich viel Wert hat, respektiert werden muss und das sich gegen einen vorzeitigen Tod wehren darf. Niemand gibt uns zu verstehen: „Hau mich tot und iss mich!“
Es mag also durchaus so sein, dass es doppelmoralisch ist, sich für das Leben des einen stark zu machen, während man dem Leiden und Sterben anderer Lebensformen wenig Mitgefühl entgegen bringt. Ich möchte mir gerne meine Empfindlichkeit gegenüber dem Leiden von Lebewesen bewahren und dennoch weiter Fleisch essen. Ich bin damit einverstanden, dass ich um das dadurch erzeugte Leiden weiß, das aber auch zu verdrängen, weil mir gar nichts anderes übrig bleibt. Das mag eine doppelmoralische Haltung sein, ist jedoch besser als alles andere, weil es einerseits ermöglicht, dass ich ohne daran seelisch zu zerbrechen am Tod von Lebewesen schuldig werden kann, andererseits aber auch ein Gewissen und Respekt vor dem anderen Lebewesen entwickeln kann, die letztlich die Grundlage eines Zusammenlebens bilden.

Übrigens haben wir heute auch einen kleinen Fisch, der sich auf den Strand verirrt hatte, wieder zurück ins Wasser geschubst, wo er erleichtert weg schwamm.

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