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21. März, São Paulo

Auroras Mutter hat Geburtstag. Sie wurde am 19. März 95 Jahre alt. Das ist ein guter Anlass zu einem Besuch in São Paulo. Dieses Mal sollte ich sie begleiten. Alleine war Aurora ja schon zweimal dort gewesen, seit wir in Brasilien leben.

São Paulo von oben: Ein HäusermeerSão Paulo unten: Kleine und große Häuser nebeneinander

Es ist eine recht bewegende Situation, die in Auroras ehemaligem Häuschen in São Paulo herrscht. Auroras Schwester Inha hat dieses Häuschen quasi übernommen und ist mit der Mutter hier eingezogen, als Aurora schon eine Weile in Deutschland lebte. Der Mutter war es zunehmend schwer gefallen, die Treppen in ihrem alten Haus zu erklimmen. Deswegen war es für die sie pflegende Schwester Inha eine große Erleichterung, jetzt ebenerdig mit der Mutter leben zu können. Hier waren Bad, Toilette, Wohnzimmer und Schlafzimmer so nahe beieinander, dass die Mutter noch alles zu Fuß erreichen konnte. Aber das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Die Mutter kann sich kaum noch auf den Beinen halten, muss immer gestützt und unterstützt werden. Alle Gänge werden inzwischen mit dem Rollstuhl gemacht und sie ist gänzlich pflegeabhängig. Lediglich das Essen funktioniert noch gut. Sie hat weiter gute, kräftige, gesunde Zähne und einen guten Appetit. Auch funktioniert der Kopf zumeist noch ganz klar. Ab und zu hat sie ein paar Aussetzer (Einmal fragte sie Inha: „Wer ist denn die Frau da?“ und meinte damit Aurora), die jedoch eher auf starke Medikamente zurückzuführen sind. Ansonsten ist sie zwar sehr anfällig für Entzündungen, jedoch im Prinzip sehr gesund. Mit dieser Pflege wird sie locker noch 110 Jahre alt, finde ich.

Inha, Bendicion, AuroraJeselma

Für Inha ist das sowohl Segen als auch Fluch.
Ein Fluch ist es insofern, als dass die Pflege immer schwieriger wird. Alleine kann sie es kaum noch schaffen, obwohl sie diplomierte, mit Uniabschluss versehene Krankenschwester ist. Mehrfach schon ist die wegen ihres gesunden Appetits und trotz intensiver Krankengymnastik schwerer werdende Mutter auf den Boden geglitten und war ohne fremde Hilfe nicht wieder hoch zu bekommen. Aber in  Brasilien gibt es Hilfeangebote. Demnächst hat sich eine Art Medizinischer Dienst angemeldet, um die Lage zu beurteilen. Dann kommt hoffentlich bald eine Pflegekraft, um die Pflege zu übernehmen oder wenigstens dabei zu helfen.
Der Segen aber ist, dass Bendicion – so heißt die Mutter – mit ihrem Schicksal nicht hadert, immer ruhig, zufrieden und gut gelaunt bleibt. Und das macht das Zusammensein trotz der großen Anstrengungen angenehm. Wenn sie nicht mehr wäre, würde Inha, deren Zeit mit der Mutter ausgefüllt ist, sicherlich in ein tiefes Loch fallen, denn alle Aufgabe brächen weg und sie wäre sehr alleine.
Für die beiden Schwestern aber bedeutet das Weiterleben der Mutter einmal, dass sie noch ihre geliebte und geschätzte Mutter bei sich haben. Beide haben ein zärtliches, liebevolles Verhältnis zu ihr. Aurora und Inha meinen, dass die Mutter zeitlebens für sie da gewesen ist und dass sie nun gerne auch für ihre Mutter sorgen wollen, dass es ihr an nichts fehlt. Aurora gibt ihre gesamte Rente für die Versorgung der Mutter hin und Inha außer ihrer Zeit für die Pflege auch das, was noch fehlt, und das ist nicht wenig. Seit vielen Jahren kommt Joselma zur Unterstützung ins Haus. Joselma arbeitet für zusammengelegt rund 1.200 Reais im Monat. Dazu kommt die Krankengymnastik, die teure Krankenkasse, mit der zumindest der Krankenhausaufenthalt abgesichert wird, und all die anderen Ausgaben für Hilfsmittel, Medikamente, besondere Bedürfnisse usw. Zusammengelegt kostet die Mutter sicherlich rund 3.000 – 4.000 Reais im Monat, was die beiden Schwester zusammen klaglos aufbringen. Denn Bendicion hat kein Einkommen. Sie bezieht keine Rente, keine Sozialhilfe, nichts. Das Erstaunlichste ist, dass Bendicion dieses große Opfer ihrer Töchter ebenfalls klaglos annimmt, was mir menschlich gesehen eine noch viel schwieriger zu erbringende Leistung zu sein scheint. Mir sind in Deutschland keine vergleichbaren Verhältnisse bekannt, in denen sich Eltern oder Elternteile so komplett in die Hände ihrer Kinder begeben und dabei noch zufrieden, froh, genügsam, aber präsent sind. (Dass es deutsche Kinder gibt, die gerne für ihre Eltern aufkämen, ist mir eher bekannt. Aber dass Eltern über ihren Schatten springen und sowas annehmen, ist fast undenkbar!) Bendicion ist der Mittelpunkt des Hauses, um sie dreht sich alles und sie ist zufrieden, glücklich und bereitet menschlich gesehen keinerlei Probleme. Im Gegenteil: durch ihre Art gibt sie den Schwestern die Unterstützung, die sie brauchen, um mir der schwierigen Situation gut fertig zu werden. Und beide Schwestern haben die in sich ruhende, zufriedene Art der Mutter übernommen und tragen das, was von ihnen verlangt wird, selbstverständlich bei. Mich beeindruckt das sehr.

Schwierig ist allerdings inzwischen die Wohnsituation, wenn in diesem kleinen Haus mehr als Bendicion und Inha wohnen, also auch Aurora und ich plus tagsüber Joselma. Es ist einfach zu eng. Darum fliege ich auch nicht so gerne hierher, sondern bleibe lieber in Bombinhas bei den Katzen.

Dieser Besuch ist also eine Seltenheit und wird es wohl auch bleiben. Er begann auch gleich mal wenig erfreulich auf jenem unglaublich nach Käse stinkende Flughafen in Navegantes. Wir wurden von Marlete und ihrem Sohn Kadu zum Flughafen gebracht. Da Kadu aber einen frühen Termin einhalten musste, wurden wir schon 3 Stunden vor dem Abflug in Navegantes abgesetzt. Wieder waberte der Gestank von zerfließendem Käse durch die Schalterhalle. Ich floh nach draußen. Aurora machte dann den Vorschlag, schon beizeiten in den Abflugbereich zu gehen, denn dort sei es ja wohl erträglicher. Das war nur bedingt richtig, denn auch hier gab es eine Filiale jenes Käserestaurants mit demselben Gestank wie in der Schalterhalle. Es gab nur einen Raum mit einer großen Klimaanlage, in dem die Klimaanlage den Gestank besiegt. Dort fanden wir unseren Platz und ich den inneren Frieden, mich mit der mitgebrachten Lektüre zu befassen. „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki hatte ich eingepackt. Es ist ein sehr beeindruckendes Buch. Wie sehr beneidete ich ihn für seine späte Kindheit und Jugend in Berlin noch vor den Nazis, wo er sich seinen Interessen für Theater, Literatur und Musik ganz hingeben konnte und so die Grundlage für sein enormes Wissen um die deutsche Kultur legte. Wieder dachte ich an unsere armselige Leihbücherei in Preußisch Oldendorf und das Nichtvorhandensein von kulturellen Angeboten. Später in Sassenberg gab es nicht einmal einer Bücherei, was meine tiefe Abneigung gegen ländliches, allzu lokal begrenztem Leben und meine Sehnsucht nach der Fremde begründet. Wie gut hatte es da der junge Marcel Reich in Berlin. Allerdings vergeht dann der Neid angesichts seines Schicksals in den Jahren von 1936 – 1945. Reich-Ranicki versteht es, ohne Sentimentalität, jedoch mit großem Mitgefühl und Engagement zu erzählen, wie es ihm, seiner Familie und den anderen im Warschauer Ghetto ergangen ist, über den Tod des größten Teils seiner Familie und seine Rettung und die Jahre danach zu schreiben. Man erkennt den kantigen manchmal widerborstigen Literaturkritiker gut wieder in seiner Art zu schreiben und zu leben.

Aurora hatte am Geburtstag ihrer Mutter eine Großuntersuchung und musste schon – wie typisch für São Paulo – um 5 Uhr aufstehen, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Außerdem durfte sie seit dem Abend zuvor nichts gegessen haben. Aber dann bekam sie eine Untersuchung in einer Gründlichkeit, wie wir sie in Frankfurt nicht hatten. Sie hat einen kleinen Nierenstein, der sich ab und zu bewegt und ihr dann Höllenschmerzen bereitet. Neulich war sie nachts aufgestanden, war auf die Toilette gegangen und dann zusammengebrochen. Ich fand sie im Bad liegend, weiß wie der Fußboden, auf dem sie lag. Ihr war schlecht geworden. Das war ihr schon einmal im Flugzeug von Frankfurt nach São Paulo passiert, als sie ohnmächtig im Gang zusammen sackte. Wir waren also beunruhigt und drangen jetzt auf die Untersuchung. Gott sei Dank ist solch ein Zusammenbruch jetzt nicht wieder passiert und die Testergebnisse, soweit sie bekannt sind, weisen auf keine großen gesundheitlichen Probleme hin, doch müssen wir das Endergebnis noch abwarten.

Morgendämmerung an der KleinmarkthalleDer Müll der Nacht wird zusammengekehrt

Gestern fuhr ich mit Rudi zur Kleinmarkthalle, um dort Tabak für die Wasserpfeife zu erwerben. Damit wir dort auch in einem vernünftigen Zeitrahmen ankommen, sind wir schon um 5.30 Uhr los gefahren, denn spätestens ab 6.15 Uhr ist der Verkehr so dicht, dass es nicht mehr voran geht. So kamen wir noch im Morgengrauen zur Kleinmarkthalle, wo der Tabakstand schon geöffnet hatte, während der Nachtmarkt abgeräumt wurde. Nachts war hier viel los gewesen, denn es gab draußen vor der Halle und drinnen eine unglaubliche Menge von Abfall. Außerdem liefen eifrige Menschen umher, die zumeist Obst hin und her schoben, während Straßenkehrer dabei waren, den vielen Abfall zusammen zu kehren. So herrschte trotz der frühen Stunde eine enorme Betriebsamkeit. Der Rückweg allerdings dauerte dann bedeutend länger. Der Verkehr in São Paulo ist im vergangenen Jahr, meint Rudi, noch dichter, noch undurchdringlicher geworden als zuvor. Wer einigermaßen zügig eine Adresse erreichen möchte, muss das zwischen 22.00 und 6.00 Uhr nachts machen.

Geschftiges TreibenEin Obststand hat geöffnet

Der TabakstandDer Pfeiler für eine neue Bahn zum Flughafen

Übrigens fiel uns die enorme Bautätigkeit an einem neuen Netz für den Öffentlichen Personennahverkehr auf. Am nationalen Flughafen Congonhas ragen inzwischen riesige Pfeiler aus der Erde, auf die dann Bahngleise verlegt werden. Zusätzlich wurden auf den großen Ausfallsstraßen Buspfeile eingerichtet, über die die Busse schneller an ihr Ziel gelangen. Ein Grund für die langen Staus ist auch die Tatsache, dass für die Buspfeile die übrige Fahrbahn verengt worden ist, so dass der Autoverkehr jetzt noch weniger Platz als zuvor hat. Bis zur Fußball-WM werden die neuen Linien allerdings nicht fertig. Aber immerhin: sie wird gebaut und die Menschen in São Paulo werden davon profitieren.

Im Shoppingcenter InterlagosDie Herbst- und Winterkollektion!

Zusammen mit Inha und Aurora waren wir dann noch im Shoppingcenter Interlagos, das nicht so weit weg von Inhas Häuschen liegt. Ich fand spannend, was man hier in São Paulo unter Herbst- und Wintermode versteht. Auch fanden wir den Schmuckladen, in dem wir unsere Eheringe gekauft hatten, und das Restaurant, in dem wir dann unsere Verlobung gefeiert haben, wieder.

Heute sind wir nun zurück geflogen. Dabei hatte ich Gelegenheit, die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki fertig zu lesen. Sie war dann nicht mehr so spannend, wie in den ersten Teilen. Klar wurde mir, dass die Kritik von Golo Mann an Reich-Ranicki zu stimmen scheint, nämlich dass er ein Mann ist, der sich auf das Lieben nicht versteht und darum Menschen immer wieder weh tut. Es ist bedrückend zu sehen, wie seine Freundschaften letztlich alle scheitern. In Gruppen oder Teams war er untragbar und unerträglich. Meine Theorie ist, dass sein Schicksal das Lieben nicht zuließ und ihn unglaublich hart gegen sich und andere machte. Welch ein Mensch: Stinkstiefel, aber unglaublich fachkompetent.

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