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13. April, Palmsonntag

Mein Sein hat sich seit unserem Umzug nach Brasilien wirklich sehr stark verändert. Ich bin inzwischen „der Mann von Aurora“ geworden, der eben in ihrem Schatten mit schwimmt. Wer mit uns Kontakt aufnehmen will, tut das mit Aurora. Auroras Name taucht auf allen Bestellungen, allen Briefen, allen Anfragen auf. Und damit verhält es sich genau umgekehrt wie in Deutschland. Dort war immer ich derjenige, der im Mittelpunkt stand, während Aurora eher etwas im Off agierte.
Nun finde ich das zwar manchmal lästig, denn es ist weit schwieriger, sich unter diesen Umständen Gehör zu verschaffen. Jedoch ist es zumeist für mich in Ordnung. Denn wer nicht mitbestimmt, trägt auch keine Verantwortung. Auch darf ich meckern, wenn was  nicht stimmt, und habe sogar ein Recht dazu. Natürlich meine ich diese Bemerkung eher spaßhaft, dennoch habe ich dadurch eine wichtige Erkenntnis für mich gewonnen, die tief existentiell ist. Diese Erkenntnis kann man in dem Satz zusammenfassen: Der Mensch ist ein Nichts. Er wird nur etwas durch die Eigenwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer.

Der Mensch ist ein Nichts. Es hat Milliarden von Menschen gegeben. Sie wurden geboren und sind gestorben und die Welt ging einfach so weiter. An die Großen und Mächtigen erinnert man sich, an die Kleinen, die Alltagsmenschen nur kurz. Aber die Welt dreht sich weiter, als ginge sie das nichts an. Wir werden geboren und sterben wieder. Vor uns war die Welt und nach uns wird sie ebenfalls weiter gehen. Nicht einmal der eigene Tod, für uns das am tiefsten einschneidende Erlebnis unseres Lebens, ändert daran etwas. Alle unsere Vorfahren sind gestorben und haben ihren Tod durchlebt und einmal werde auch ich sterben und die Welt dreht sich nach mir weiter, als wäre nichts geschehen.
Ist das schlimm? Für mich ist es keine Bedrohung – wie sollte es das auch sein, wo es die größte Selbstverständlichkeit beschreibt. Ich erlebe es ja jetzt schon: Ich bin hier eigentlich ein Nichts, wie sich Aurora in Deutschland oft als Nichts gefühlt hat neben mir. Ich beherrsche die Sprache nicht und kann/brauche den Gesprächen, die über meinen Kopf hinweg geführt werden, nicht zu folgen. Die Welt dreht sich weiter über mich hinweg. Ich bin ein Nichts.

Dass ich dennoch kein Nichts bin, kann einmal an der Eigenwahrnehmung liegen. Je egozentrischer ich bin, desto mehr „werde ich was“ in meinen eigenen Augen. Ich denke, die meisten Menschen täuschen sich so über die Tatsache, ein Nichts zu sein, hinweg. Mir selber liegt dieser Weg nicht.
Dass ich mir dennoch als kein Nichts vorkomme, liegt daran, dass Menschen Relationen zu mir aufbauen. Zumeist sind es freundliche, freundschaftliche oder gar Liebesbeziehungen, manchmal auch Ablehnung bis hin zu Hass. Je intensiver eine Beziehung zu einem anderen Menschen wird, desto mehr wird dieser Mensch in dieser besonderen Beziehung zu einem Etwas. Ich bin also aus Sicht der Welt ein Nichts, aber aus Sicht der mich Liebenden eine bedeutende Person. Wenn mich Person A liebt, bin ich für sie wichtig. Wenn mich Person B nicht wahrnimmt, vielleicht über meinen Kopf hinweg mit Aurora Kontakt aufnimmt, bin ich für Person ein Nichts, quasi Luft. Und beides bin ich gleichzeitig: Nichts und etwas Bedeutendes.
Vielleicht klingt das trivial, jedoch ist es für mich wichtig in meinem Selbstverständnis. Ich sehe mich – bildlich gesprochen – schwimmen im Meer der Zeit durch die Welt. Ich bin darin wie ein Wassertropfen, dem Meer entsprungen für eine kurze Weile, um dann wieder im Meer unterzutauchen. Ist es dem Meer nun egal, ob ich mich individuell fühle oder nicht? Es scheint so, jedenfalls lässt sich empirisch nichts anderes feststellen.

Wir haben heute Palmsonntag, dem Erinnerungstag an Jesu triumphalen Einzugs in Jerusalem am Sonntag vor seinem Tod. Er war da und wurde durch die Zuwendung der Menschen so präsent, dass es den Mächtigen zu viel wurde und sie ihn aus dieser Präsenz kicken wollten, indem sie das machen, was man immer in dem Fall macht: ihn umbringen. Das haben sie dann auch erreicht und sich damit für den Augenblick Ruhe verschafft. Nach Karfreitag war ja auch nur noch eine ganz kleine Schar beisammen, die ängstlich an Jesus dachten wie an einen guten, verstorbenen Freund. Alle anderen Jubler vom Sonntag zuvor gingen wieder ihren Geschäften nach. Die Welt drehte sich weiter, als wäre nichts geschehen. Kurz nach Karfreitag war selbst Jesus ein Nichts, über den die Geschichte hinweg zu rollen drohte. Dass es dann anders kam, lag an dem kreativen Erinnerungsvermögen derer, die Jesus weiter liebten, und deren Überzeugungskraft für andere Menschen. Dieses liebende, kreative Erinnerungsvermögen nennen wir Ostern. Denn hier wurde bildlich gesprochen die Liebe des Meeres zum Tropfen gefunden und verkündet. Diese Liebe ist insofern etwas Besonders, weil sie den Tropfen nicht auf seine Individualität hin überprüft, sondern lediglich auf sein Sein. Das Meer holt alle Tropfen, die aus ihm hervor gehen, wieder zu sich zurück und nimmt sie liebevoll und achtsam in sich auf. Das scheint mir die frohe Botschaft des Christentums in seiner mir vertrauten Form der paulinisch-lutherischen Erkenntnis zu sein.
Ob ich mich individuell fühle oder nicht, ist dem Meer in seiner Liebe egal. Das ist nur mir und meinem Ego wichtig. Also gehe ich hinter meine Wichtigkeit zurück und stelle fest: Ich bin in dieses Sein geworfen und werde auch wieder daraus verschwinden. So erging es bisher allen Menschen. Ich brauche nicht, mich an meiner sogenannten Individualität festzuklammern, und kann mich ganz gut wieder im Meer auflösen, ein Teil des Meeres werden. Das ist für mich eine sehr gute, freundliche Vorstellung. Nach und nach werden alle Beziehungen von anderen Menschen zu mir schweigen, mich gehen lassen, bis ich als Individuum nicht mehr  bin.
Dass das vielen Menschen Angst macht, kann ich verstehen, jedoch nicht nachvollziehen, weil ich nicht weiß, was daran schlimm sein soll. Denn ich weiß ja um die Liebe des Meeres, dem ich entstamme und in das hinein ich mich auch wieder auflöse. Und ich weiß um die Kontinuität der Welt, die letztlich über das Individuum hinweg rollt und es zu dem macht, was es ist: ein Nichts.

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