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11. Mai, Die Gemütlichen

Seit der Wintergarten hinter unserer Küche fertig ist, ist die Rückseite unseres Gebäudes mehr in unseren Wahrnehmungsbereich gerutscht, als hier nur die kalte Wetterecke war, in der man sich so wenig wie möglich aufhielt. Wie rund um unsere Terrasse herum haben wir auch von hier eine wunderbare Aussicht auf den bebauten Bergrücken am anderen Ende des Strandes, aber auch auf die nächste Straße. Und dort ist uns ein Einfamilienhaus aufgefallen, weil die Menschen, die dort leben, offenbar Leute sind, die wie wir ganzjährig dort daheim sind. Das ist in Bombinhas eher selten. Die meisten Häuser und Wohnungen stehen bekanntlich leer. Und was noch auffällt, ist, dass diese Menschen offenbar eine wunderschöne Art zu leben haben. Sie haben draußen zwei Hängematten und einige Stühle aufgestellt. Hier sitzen sie den ganzen Tag draußen, reden miteinander und haben es schön. Hier spielt sich das familiäre Leben ab. Meist sitzt die älteste Generation draußen, beobachtet die Schnecken, die mit ihren Häusern vorbei ziehen, bewundern die fleißigen Ameisen, die ihre Straßen ziehen, trinken Kaffee, reden miteinander, kommentieren das Geschehen und wahrscheinlich auch unseren Wintergarten. Ab und zu setzen sich dann auch deren Kinder dazu, sprechen mit, gehen wieder, um zu arbeiten. Und nachmittags kommen dann die Enkel, setzen sich in die Hängematte, schaukeln und reden miteinander. So geht es eigentlich den ganzen Tag bis auf die Mahlzeiten und den Mittagsschlaf.

Aurora und ich sehen uns dieses beschauliche Treiben gerne an, denn es entschleunigt uns, die wir sowieso schon recht entschleunigt sind. Darum haben wir die Familie „die Gemütlichen“ (os aconchegantes) genannt. Wenn ich mal in Hektik verfalle, meint Aurora – in Anlehnung an Frau Hoppenstedt von Loriot – ich solle doch mal endlich gemütlich werden und mir ein gutes Beispiel an jener Familie dort nehmen. Und sofort verfalle auch ich der Beschaulichkeit.

Eigentlich ist es ethisch fraglich, ob man eine Familie so beobachten darf, doch finde ich, dass wir überhaupt nichts Negatives an ihnen finden. Im Gegenteil. Und dann ist es nicht so schlimm, meine ich. Aber ich habe mir überlegt, ob wir uns nicht bekannt machen sollten, denn sicherlich beobachten sie auch uns ganz fleißig, weil es so sehr viel derzeit nicht zu entdecken gibt. Dann aber bin ich doch zu dem Entschluss gekommen, das eher nicht zu tun, weil wir sie dann ja so kennen lernen würden, wie sie wirklich sind. Dann sind sie vielleicht nicht mehr so gemütlich, sondern einfach Menschen wie du und ich. Als Projektionsfiguren für einige gute Eigenschaften fielen sie dann weg. Aber ich finde, unsere Projektionen stehen ihnen gut, und so bleiben sie uns unbekannt, aber eben „die Gemütlichen“.

Die Gemütlichen

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