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17 Mai, Bürgerversammlung

Einladungsplakat zur BürgerversammlungIn Deutschland war ich noch nie auf sowas wie einer Stadtteils-Bürgerversammlung, in der mit den Bewohnern eines Stadtteils zunächst Bilanz gezogen, dann die zukünftigen Projekte besprochen werden, um zuletzt eine Bürgerfragestunde zu halten, in der alle das sagen, anmerken, kritisieren oder fragen dürfen, was sie auf dem Herzen haben. Für mich war der gestrige Abend darum ein Demokratieerlebnis, das ich so a priori in Brasilien nicht vermutet hätte.

Gestern Abend sollte die Versammlung um 19.00 Uhr im großen Saal der hiesigen Schule sein. Die liegt bei uns ganz in der Nähe. Wie sich herausstellte, ist es die riesige Halle mit dem grünen Dach, das man von unserer Terrasse aus sehen kann. Es handelt sich um eine große Mehrzweckhalle, die vor allem Kindern dient. Auf Portugiesisch heißt sie: Cantinho da Felicidade. Übersetzt: Eckchen des Glücks. Tagsüber ist das Eckchen eine Kindertagesstätte.

Aurora und ich waren kurz vor 19 Uhr anwesend, bekamen aber noch gut einen Platz. Die meisten Besucher kamen erst später – wie das so in diesem Lande üblich ist. Wir betraten das „Eckchen des Glück“ durch den Kindereingang. Die Halle war multifunktional ausgestattet. In der Mitte waren die Stühle für die Versammlung aufgestellt. Vorne stand ein Tisch, der mich in einem ersten Eindruck an einen Altar erinnerte. Rechts und links davon waren Kinderspielplätze angelegt. Das war sehr praktisch, denn zu dem Treffen waren ganze Familien eingeladen, also auch die Kinder. Und während die Eltern hörten und redeten, konnten die Kinder toben und spielen. Gestört hat das niemanden, denn es war eine enorme Lautsprecheranlage aufgebaut, die alles Geschrei locker übertönte. Da hatten die Kinder mit ihrem Geschrei keine Chance! Für mich selber war das eher suboptimal, denn der Hall, die Lautstärke und die super schnelle Sprechweise machte es mir total unmöglich, irgendetwas zu verstehen. Ich saß lediglich sprachlos da und staunte, dass man dieses Geräusch als Sprache verstehen konnte. Aber das machte nichts, denn einmal wurden die neuen Projekte mit einem Beamer für alle erkennbar dargestellt, sodann war es einfach nur spannend zu sehen, wie sich die Menschen verhielten. An der Veranstaltung nahmen rund 130 Menschen teil.

Eingangsbereich der Hallodie Halle selber

Bürgermeissterin Ana PaulaEin riesiges Lob sei dabei der Bürgermeisterin Ana Paula (ihr Vorname, denn man spricht sich hier vor allem mit Vornamen an) ausgesprochen. Das ist eine tolle Frau: jung, sehr dynamisch, durchsetzungsstark, organisiert, sehr verbindlich, freundlich und zugewandt. Sie sieht nicht nur gut aus, versteht sich gut zu kleiden, sondern ist auch souverän im Umgang mit Menschen, trotz ihrer jungen Jahre. Wenn sie sprach, ging sie auf die Menschen zu, agierte vor allem durch die freie, rechte Hand in einer lebendigen, energischen Gestik. „Alle Achtung!“ dachte ich, „aber bei aller zu vermutenden Kritik ist das der richtige Mensch am richtigen Platz.“
Es ist auch nicht weiter erstaunlich, dass gerade hier eine junge Frau Bürgermeisterin ist, denn wir Rentner machen lediglich 2 % der hiesigen Bevölkerung aus und sind damit nicht im Blick der Politik. Stattdessen spielen Kinder und Ausbildung eine große Rolle.
Meine Kritikpunkte sind ja vor allem: Es werden unnötige Prestigeprojekte verwirklicht, die lediglich einen gewissen Vorzeigewert haben, während wichtige Projekte nicht umgesetzt werden.
Prestigeobjekte sind z.B. die Strandpromenade und jener Aussichtspunkt an schöner Stelle bei schlechter Straße.
Nötig wären eine Kanalisation mit Klärwerk, ein Krankenhaus, bessere Straßen und eine neue, alternative Zufahrtsstraße nach Bombinhas..

Das Ergebnis des Abends war diesbezüglich folgendes:
Die Strandpromenade wird für 2,5 Millionen Reais = 820.000 € gebaut. Derzeit allerdings herrscht ein Baustopp auf Grund von Einsprüchen einzelner Anlieger.
Der Aussichtspunkt ist ein kleines Bauwerk mit kleinem Parkplatz.
Die Straße, an der diese Aussichtsplattform liegt, kam gar nicht zur Sprache.
Die Kanalisation wird angedacht und in ersten Schritten umgesetzt. Das Grundstück für das Klärwerk ist gefunden zwischen Bombas und Zimbros. Auch liegen in manchen Straßen schon unterirdische Rohre, die zu diesem System gehören. Sie können natürlich erst angeschlossen werden, wenn das Klärwerk steht. Aber wenn jetzt Straßen renoviert werden, kann man zuvor die Rohrleitungen verlegen. Und das soll jetzt auch in Angriff genommen werden, indem die Leopoldo Zarling, die Hauptstraße von Bombas, und die Rua Falcão, die Straße, die von der Leopoldo Zarling nach Zimbros abgeht, saniert und geteert werden. Diese Arbeiten kosten 7 Millionen Reais, wobei die Abwasserrohre und die unterirdischen Installationen mit weiteren 45 Millionen Reais veranschlagt sind. Das ist wirklich eine gute Nachricht, zumal die Arbeiten recht bald begonnen werden sollen.
Eine neue Krankenstation ist derzeit im Bau für 408.000 Reais. Ein eigenes Krankenhaus ist nicht geplant, jedoch ist die Gesundheitsstation auf Grund einer An- und Aufregung bei der letztjährigen, ersten Bürgerversammlung in Bombas auf einen 24-Stunden-Betrieb ausgebaut worden. Immerhin!
Außerdem werden im kommenden Jahr etliche Straßen neu gepflastert.
Bezüglich einer zweiten Zufahrtsstraße, die nicht durch Porto Belo nach Bombinhas führt, hat man versucht, den äußerst komplizierten Vorgang neu anzupacken, ist daran aber bisher gescheitert. Finanziert werden müssten diese Arbeiten durch die Zentralregierung, bei der jedoch ab sofort wegen der später stattfindenden Präsidentschaftswahlen ein Eingabestopp herrscht. Ende des Jahres soll diesbezüglich ein neuer Anlauf gemacht werden.
Erfreulich ist, dass eine neue Ganztagsschule für 13 Millionen Reais gebaut wird. Gebaut wird auch eine multifunktionale Sporthalle für 565.000 Reais.

Der geplante Aussichtspunktder 'Altar' mit der Bürgermeisterin und ihrem Stellvertreter samt Sekretärin

Das sich anschließende Gespräch war sehr munter. Viele äußerten sich. Je später der Abend, desto persönlicher die Anliegen der Menschen. Ana Paula hörte zu und ging auf alles ein: die umherstreifenden Hunde, die Expansionslust der Pousadas, die Probleme des Sommers. – Man möge immerhin bedenken, dass Bombinhas seine Infrastruktur nicht nur für die hier lebenden 16.000 Bewohner auslegen muss, sondern für 150.000 Menschen, die hier in der Saison Urlaub machen. Das macht für die Dimensionen der Arbeiten einen enormen Unterschied aus.

Von der Versammlung war ich also sehr begeistert. Ob sich dieses gute Gefühl auch hält, ist eine Frage der Umsetzung. Wenn das Aussehen die Qualität an Bedeutung übertrifft, wird meine Kritik bleiben. Was die Darstellung angeht, so war auch Ana Paula, unsere Bürgermeisterin, sehr gut. Mal sehen, wie die Umsetzung dann gelingt. Ich wünsche ihr und unserer neuen Heimatstadt Bombinhas nu alles erdenklich Gute!

Hier sind noch zwei offizielle Bilder, die die Fotografin Márcia Cristina Ferreira gemacht hat:

Die Bürgermeisterin vor ihrem interessierten Publikumrechts sitzen auch Aurora und ich als interessierte Zuhörer

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