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24 Mai, Warten auf den Fisch

Fischer am StrandMitte Mai beginnt die Fischereisaison für den Tainha. Tainhas sind Meeresäschen, die es so in Deutschland eher nicht gibt. Von irgendwo her habe ich erfahren, dass sie Schwarmfische sind und aus Afrika über den Atlantik schwömmen, aber ich bin mir da nicht so sicher. Laut Wikipedia sind es Fische, die eher in Strandnähe sind und gerne Algen knabbern. Sie sind ausgesprochen friedliche Zeitgenossen, sehen zwar mit ihren nach unten hängenden Mäulern ständig schlecht gelaunt aus, aber wer will es ihnen angesichts ihres bedrohten Lebens verdenken. Die Saison beginnt genau am 15. Mai und dauert 3 Monate. Danach sind die Fische wieder geschützt.

Die Tainhas bewegen sich also in Schwärmen. Nicht allzu weit entfernt von der Uferzone bewegen sie sich in militärischer Ordnung durch das Wasser. Ab und zu springt einer aus der Reihe und gefährdet damit den ganzen Schwarm. Denn das Springen wird von Land aus beobachtet. Die Fische wären also gut beraten, sich ganz still, ganz vorsichtig und ohne Individualisten zu bewegen, wenn sie überleben möchten.

Die Fischer hingegen sind ein besonderes Völkchen. Es sind fast ausschließlich Einheimische, die schon seit Generationen in Bombinhas leben. Viele von ihnen hatten Grundstücke hier, die sie inzwischen verkauft haben. So sind sie wohlhabend geworden, oft Besitzer großer Apartmenthäuser, Makler, Finanzverwalter, Politiker usw. Sie haben hier das Geld und das Sagen. Das mit der Fischerei betreiben sie ausschließlich außerhalb der Saison und eher als Hobby. Ich vermute, dass sie sich dazu einige Leute anstellen, die ihnen bei ihrem Hobby helfen, denn nicht alle, die inzwischen den ganzen Tag am Strand Ausschau nach den Tainhas halten, gehören dieser sehr ursprünglichen Rasse von Menschen an.

PuxadinhoPuxadinho

MoisesWir selber kennen Moises Apolonius. Moises hat uns geholfen bei der Vermittlung unseres Grundstücks. Er hat auch den Kontakt zu unserem Bauherrn hergestellt. Seitdem sind wir miteinander befreundet und besuchen uns hier und da. Er ist sehr unternehmungslustig und hat enorm viele Hummeln im Hintern. Vor einigen Wochen zeigte er uns voller Stolz das Apartmenthaus, das er selber entworfen und gebaut hat. Er hat, seit wir uns kennen, mehrere Frauen, hat sich aber für die jüngste entschieden, die nun zwei Kinder von ihm hat. In den letzten Tagen aber war er vor allem am Strand zu finden, wo er zusammen mit anderen Fischern Ausschau nach den Tainhas hält. So nebenbei erzählte er uns, dass er demnächst eine Alu-Rahmenfabrik aufmachen möchte.

Organisiert sind die Fischer in mehrere Gruppen. Jede Gruppe hat am Rande des Strandes ein Puxadinho gebaut, in dem man sich tagsüber aufhält. Je nach Vermögen ist dieser Unterstand größer, kleiner, provisorischer, gemütlicher, mit oder ohne Elektrizität oder Kochgelegenheit. Am Strand von Bombas gibt es zwischen 8 und 10 dieser Puxadinhos.

Zwischen dem Puxadinho und dem Ufer ist das Boot, mit dem gefischt werden soll. Es ruht auf Holzbalken, die quer zum Boot auf dem Sand liegen und die es erlauben, das Boot möglichst leicht und schnell ins Wasser schieben zu können. Die Boote selber sind Ruderboote. Moises sagt, dass sie nur ungefähr 50 m weit aufs Meer fahren und das möglichst leise, weil die Fische sonst vertrieben würden. Auf der Unterseite sind die Boote weiß gestrichen, damit die Fische beim Hochschauen denken, es sei die Gischt und der Himmel, was sie da sehen. Vor dunklen Farben fürchten sie sich.

FischerbootBeobachtungsturm

Seit dem 15 Mai wurden erst die Puxadinhos gebaut und dazu noch ein paar mehr oder weniger hohe, mehr oder weniger stabile Aussichtstürme, die zumeist mit Leuten besetzt sind, die nach den Fischen Ausschau halten. Das muss ein wahnsinnig langweiliger und einsamer Job sein, jedoch nötig, um letztlich an den Fisch dran zu kommen.

Die Fischer selber sitzen nun den ganzen Tag in ihrem Puxadinho und unterhalten sich. Dabei wird Kaffee gekocht, mal gegessen, aber vor allem gewartet und aufs Meer geschaut. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Warten auf den Fisch das Schönste an der Saison ist: man befindet sich in einer reinen Männergesellschaft, kann sich gegenseitig Männergeschichten und Fischergeschichten und Märchen erzählen und sich den Tag vertreiben. Zwischendurch geht man mal ans Ufer und steht dort mit einigen Kollegen, schaut und redet, kehrt wieder um, setzt sich, schaut mal nach dem Boot. Dieser Art von Tätigkeit kann man bis zur Pflegebedürftigkeit nachgehen. So sind auch die Alten eingebunden in die Fischerei, sie, die Erfahrung haben, die besten Geschichten wissen und das höchste Ansehen genießen.

Die Fischerei in Bombinhas ist wie in ganz Brasilien noch sehr basic und naturnah. Moises erzählt, dass man sich zwar an die Fischer heranschleicht, dass sie aber durchaus auch die Möglichkeit haben, ins offene Meer zu verschwinden. Die Fische sind also durchaus nicht chancenlos. Gefischt wird mit einem Netz, durch das kleinere Fische durchschlüpfen können. Auch wird nicht wie bei der industriellen Fischerei gleich ein ganzer Schwarm eingesammelt, sondern nur einige Fische daraus. Der Rest entkommt. Mal sind es 20 Fische, mal 50 Fische, aber sehr viel mehr geht wohl auch nicht in diese kleinen Ruderboote hinein. Das alles macht die Fischerei hier sehr romantisch. Sie geschieht mit Leidenschaft, so dass der kommerzielle Aspekt eher in den Hintergrund tritt. Sie gibt dem Fisch auch Chancen zu entkommen, überfordert die Natur nicht und nach 3 Monaten haben auch die Fische wieder ihren Frieden, um sich in aller Ruhe ihrer Vermehrung zu widmen, während die Fischer wieder zu Maklern, Vermietern, Finanzjongleuren usw. werden. Und im nächsten Jahr geht es dann weiter …

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