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30. Mai, Stimmungsbild

In den letzten Tagen ist es in Bombinhas doch erheblich kühler geworden. Da wir in der Wohnung kaum Heizung haben, müssen wir uns wärmer anziehen, was uns nach der langen Wärmeperiode schwer fällt. Heute aber wurden wir schon früh morgens von einer strahlenden Sonne an einem blitzblauen Himmel geweckt und begrüßt. Das heißt zwar nicht, dass es jetzt wieder warm wird, jedoch ist es in der Sonne erheblich angenehmer und wärmer als im Schatten. Und so brachen wir um 8.00 Uhr auf, um unseren täglichen Gang am Strand anzutreten.

Wie schön es dort ist, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Es ist nicht viel los. Die meisten Fischer schienen noch zu schlafen. Der Sand fühlt sich unter den bloßen Füßen kühl an. Wir streben schnell in die Sonne. Ich probiere erst einmal aus, ob das Wasser nicht vielleicht wärmer als die Luft ist. Denn so hatte ich es in den letzten Tagen mehrfach festgestellt. Aber heute war die Luft in der Sonne lauer als das Wasser. Dennoch: Es ist ein schönes Gefühl, seine Füße am flachen Strand vom Wasser umspült zu spüren. Der Sand gibt der Schwere etwas nach. Wenn man zu langsam läuft, sinkt man ein wenig ein.

Wir gehen dieses Mal links herum, weil wir nachher noch in ein Geschäft wollen, das wir auf diese Weise leichter erreichen können. Links herum bedeutet, dass wir erst einmal in Richtung Norden gehen, wo der Strandweg gebaut wird. Die Arbeiten an dem Weg ruhen derzeit. Geplant war das eigentlich nicht, aber schlimm finde ich es ganz und gar nicht. Fröhlich grüßend begegnet uns ein ebenfalls pensionierter Kollege aus unserer Gemeinde, der zusammen mit seiner Familie ebenfalls täglich einen Rundgang am Strand macht. Er ist ein Pfarrer aus der hiesigen Kirche, wohnt auch noch nicht lange in Bombinhas, engagiert sich aber in der hiesigen evangelischen Gemeinde. Wir grüßen uns fröhlich, rufen uns ein „Bom dia!“ zu. „Wir sehen uns am kommenden Dienstag im Gottesdienst!“

Moises und seine Mannschaft sind noch nicht vor Ort. Sein Boot, die „Nossa Senhora de Navegantes”, liegt noch verlassen da. Weiter hinten am Strand sind schon mehrere Gruppen beschäftigt, sich auf die Fänge vorzubereiten. Es sind besondere Menschen, die dieses uralte Gewerbe ausüben. Die meisten sind relativ klein, braun verbrannt mit vom Wetter gegerbter Haut und zerfurchten Gesichtern. Wir kennen einige von ihnen schon von unseren morgendlichen Gängen. Diese Männer jedes Alters sind eigentlich immer am Strand. Sie sind Berufsfischer im Gegensatz zu z.B. Moises, der wohl als Berufsfischer angefangen hat, jetzt jedoch eher Immobilienmakler ist. Einige von ihnen grüßen uns und wir grüßen sie. Die meisten jedoch wirken heute etwas hektisch. Für uns haben sie keinen Blick, denn der schweift raus aufs Meer, wo die Tainhas schwimmen, die man allzu gerne aus dem Wasser ziehen würde.

Das Meer steht sehr niedrig. Es ist Ebbe. Man kann fast bis an die sonst aus dem Wasser ragenden Felssteine gehen. Der Sand fühlt sich unter den Füßen fast wie Waldboden an. Aurora geht mehr an Land, ich mehr im Wasser. Im Gehen hängen wir unseren Gedanken nach. Am Ende des Strandes kehren wir um. Hatten wir die Sonne bisher im Rücken, haben wir sie jetzt im Gesicht. Sie wärmt uns und macht es um uns ganz hell. Gut, dass ich meine Sonnenbrille auf der Nase habe.

Es geht zurück die 2,2 km Strand entlang, vorbei an den Felsen, vorbei an dem Supermercado Schmit. Als wir auf der Höhe von Schmit sind, beginnen die Fischer, die zuvor noch ruhig standen und aufs Meer schauten, unruhig zu werden. Wir entdecken weiter hinten am Strand eine große Menschenmenge, die gerade ein Boot, das vom Meer ans Land kommt, empfangen und an den Fischernetzseilen ziehen. Erstaunlich, wo die vielen Menschen plötzlich her kommen. Wir gehen eilig in die Richtung und werden gerade noch Zeuge, wie eine große Menge Fisch auf dem Sand am Strand liegt, gerade aus dem Meer geholt. Eigentlich vertragen wir den Anblick der sterbenden Fische nur schlecht. Aurora ging auch nach Ankündigung zügig dran vorbei, während ich noch etwas stehen blieb, um mir die Menschen anzuschauen. Das waren Fischer, Strandläufer, Touristen, Kinder, sicherlich mindestens 50 Menschen, die sich um die Fische versammelten, um den Fischern bei der Arbeit des Sortierens zuzuschauen. Da lagen sie, die Tainhas. Sie sind mehr oder weniger 50 cm groß, glänzen silbern und tragen auf dem Rücken ein silbrig kariertes Muster. Es gibt auch einige andere Fische, sozusagen Beifang, jedoch sind das nicht viele. Die Menschen unterhalten sich gestikulierend und begeistert über den Fang. Man kommentiert, wie sich einige Fische durch ihre Sprünge haben retten können, spricht über die Preise und kommentiert die Fischer. Ich kann mir vorstellen, dass in manchem Jungen hier der Wunsch geboren wird, auch einmal als Mann dazu zu gehören, zusammen mit allen anderen die vollen Netze aus dem Meer zu ziehen. Und so sieht man auch ab und zu Jungen mit eigenen kleinen Netzen am Strand, die sich üben, die Netze gut auszulegen. Für sie ist es noch ein Spiel, was jedoch mit Eifer und Ernst betrieben wird.

Wir laufen weiter. Rechts von uns ist ein Aussichtsturm. Oben steht ein Mann und winkt. Sicher hat er einen neuen Schwarm entdeckt und will auf ihn aufmerksam machen. Keiner hört ihm zu. Frustriert nimmt er seinen roten Pullover und wirbelt ihn durch die Luft. Er ist ganz aufgeregt und kann nicht verstehen, wieso ihn niemand beachtet. Glück für die Fische, die er gesehen hat. Aber mal ehrlich: Am Strand lag bereits reichlich Fisch. Nun ja, als wir dann auf dem Rückweg waren, sahen wir, wie der Rufer von seinem Turm herab kletterte, einsam, unverstanden und anscheinend reichlich frustriert. Das wiederum störte die anderen in ihrer fröhlichen Laune nach erfolgreichem Fischfang wenig.

Die Boote waren inzwischen eingeholt worden, wobei wiederum alle mithalfen. Eine geübte Schar von Fischern war nun damit befasst, das Netz, das noch am Strand lag, einzuholen, es sorgfältig im Boot zusammenzufalten, damit es sich das nächste Mal beim Auslegen nicht verheddert. Das sind geübte Männer mit geübten Griffen. Buben stehen um sie herum, schauen zu und lernen.

Unser Rundgang am Strand ist beendet. Es ist 9 Uhr. Wir gehen noch schnell in ein Geschäft, um etwas einzukaufen und gehen dann heim. Kurz vor unserem Haus begegnet uns noch Branquinha, eine weiße, sehr scheue Hundedame, die erst nach und nach Vertrauen zu uns fasst. Aurora füttert sie hin und wieder. Branquinha ist übrigens auf Google Earth-Streetview zu sehen, wenn man auf die Rua Gavião geht und auf unser Haus Frankfurt zusteuert. Da sitzt sie auf der gegenüber liegenden Straßenseite auf der Höhe unseres Hauses. Das Googleauto und Branquinha schauen sich beide gegenseitig zu. Vor Autos hat sie keine Angst, nur vor Menschen.

Welch ein wunderschöner Morgen! Für uns ist es inzwischen Alltag geworden, jedoch finde ich noch immer, dass das alles wie ein schöner Traum ist, aus dem man gar nicht aufwachen mag.

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