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3. Juni, Noch mal über Hunde

Die Sache mit den vielen Hunden, die hier leben, lässt mich nicht los, denn irgendwie ist deren Leben typisch für Brasilien und das Zusammenleben in diesem Land. Der allgemeine Umgang mit Hunden sagt auch viel über die Menschen aus, denke ich.

Was zunächst auffällt im Unterschied zu Deutschland ist, dass man hier nur sehr selten jemanden findet, der mit seinem Hund Gassi geht. Überhaupt sind Hundeleinen eher die Ausnahme. Da springen kleine Kläffer und große Pitbulls frei umeinander. Niemand weiß, ob diese Hunde jemandem gehören oder nicht. Es gibt hier Hunde, die Herrchen oder Frauchen haben, es gibt aber auch frei lebende Hunde. Zu unterscheiden sind sie in der Regel nicht. Manche Hunde mit Besitzer haben ein Halsband, aber in der Regel ist das nicht der Fall. Die Besitzer haben offenbar die Hunde so erzogen, dass sie morgens auf die Straße gelassen werden, dass sie dann selber irgendwo ihr Geschäft machen und abends wieder rein kommen. So sind die Hunde vor allem auf sich selber angewiesen, was ihnen eine Freiheit beschert, von der deutsche Hunde nur träumen können. Entsprechend sind auch die Verhaltensweisen der Hunde, denn sie haben in Parallelität zu den Menschen ein ausgeprägtes soziales Verhalten. Das ist zunächst geprägt durch äußerste Friedlichkeit. Unsere Katze Susi ist aggressiver als alle Pitbulls, die ich hier traf. Das sind hier drollige Hunde, die mit großer Fröhlichkeit am Strand lang rennen, sich mit anderen Hunden treffen, dann ein Stück gemeinsam laufen, sich mit Wasser bespritzen, fröhlich kläffend weiter rennen, sich überkugeln und miteinander spielen. Es bilden sich Freundschaften. Wir beobachten, wie ein weißer und ein schwarzer kleiner Hund ständig zusammen hängen wie ein altes Ehepaar – also Aurora und ich. Keinen sieht man ohne den anderen. Beide haben mit sich selber genug. Zwar scheinen sie einem Fischer zu gehören, jedoch ist das nur ansatzweise zu merken.

Dann gibt es aber auch Hundegruppen, die sich vor allem am Strand verabredet haben, um dann gemeinsam zu spielen. Da kommen dann schon mal 5 – 8 Hunde zusammen, die gemeinsam tollen und toben. Manchmal gehen sie auf die Strandläufer, solche wie Aurora und ich, zu, wedeln fröhlich mit dem Schwanz, lassen sich den Kopf tätscheln, um dann wieder abzuhauen zu den Spielkameraden. Es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen.

Einmal haben wir auch in unserer Straße beobachtet, wie sich zunächst zwei Hunde auf den Weg zum Strand machten. Sie trafen unterwegs einen weiteren Hund, den sie begrüßten und einluden, mitzukommen. Jetzt waren es drei Hunde, als aus einem Haus ein weiterer Hund dazu stieß. Auch den luden die Drei ein. Er folgte ein Stück, zögerte dann aber und blieb zurück. Die drei ersten Hunde liefen 100 m weiter und blieben dann ebenfalls stehen und schauten sich um. Der zurückgebliebene Hund sah sie an, kam aber nicht nach. Die drei weitergelaufenen Hunde setzten sich, warteten ab. Einer machte einen kurzen Kläffer. Der Zurückgebliebene antwortete. Kurze Zeit später standen die drei auf und gingen weiter, während der zurückgebliebene Hund wieder zurück in sein Haus trabte. Die drei aber gingen weiter an den Strand, um dort Spaß zu haben, evtl. auch mit anderen Hunden.

Die Interaktion zwischen Hund und Mensch ist ebenfalls spannend. Am Strand läuft jeden Morgen ein junger Mann, der aussieht wie ein Äthiopier und auch so rennen kann. Runde um Runde läuft er wie eine Gazelle, mit großen, schnellen Schritten. Man könnte meinen, er trainiert für Olympia. Neulich gab es folgende Szene: der Läufer spurtet an uns vorbei und in ziemlich genau 10 Meter Abstand rennt ein kleiner, schwarzer Hund hinterher. Die Zunge hängt ihm aus dem Maul. Er muss sich anstrengen, hinterher zu kommen. Weiter vorne verlangsamt der Läufer sein Tempo, um dann eine Entspannungsphase einzuschieben, locker einige Achten zu laufen, um dann wieder für den Rückweg voll auszuholen. Und der kleine Fiffi hinterher: erst langsamer, dann jeden Bogen, jede Acht in 10 Metern Abstand hinterher und dann, als es wieder los geht, ebenso Gas zu geben und zu rennen, dass die Zunge zum Hals heraus hängt. Wir hatten den Eindruck, dass Fiffi sogar das Gesicht des Läufers nachzumachen versuchte. Ob jener das überhaupt gemerkt hat, weiß ich nicht. Wir aber haben sehr lachen müssen.

Nun gibt es mit so vielen freilaufenden Hunden natürlich auch Probleme. Da ist zunächst das Problem der Hundehaufen. An manchen Stellen findet man sie denn auch reichlich, z.B. bei uns vor dem Hausmüllbehälter. Am Strand aber findet man sie relativ wenig, was vielleicht an dem sich wegen Ebbe und Flut ständig ändernden Wasserspiegel liegen mag, durch den die Haufen ins Meer gespült werden, vielleicht aber auch daran, dass sich die Hunde eher in die Büsche schlagen. Wir haben beides erlebt: Hunde, die mitten auf dem Strand ihr Häufchen machen - Friedrich der Große von Eschersheim gehört zu dieser eher ungezogenen Sorte – oder die ins Gebüsch machten. Natürlich ist es in Bombinhas verboten, Hunde an den Strand zu nehmen. Nur hat das den Hunden wohl niemand gesagt, denn sie scheinen das Strandverbot nicht zu kennen. Jedenfalls ignorieren sie es vollständig. Und da ein Brasilianer auf keinen Fall jemand anderem quer kommen will, wird dieses Verhalten auch, zwar manchmal murrend, jedoch dennoch geduldet. Das ist in der Tat typisch Brasilien: Da denkt sich die Legislative Gesetze aus, die sehr oft von der Jurisdikative nicht befolgt und schon gar nicht geahndet werden. Wenn sich deren Sinnhaftigkeit nicht spontan erschließt, werden die Gesetze auch von der Bevölkerung nicht beachtet. Man tut, was man für richtig hält.

Also lässt man erst mal die Hunde gewähren. Dann aber stellt man fest, dass es immer mehr Hunde werden, weil sich die Weibchen unter ihnen munter vermehren. Bei der Bürgerversammlung neulich kam das zur Sprache. Die Bürgermeisterin erzählte von der Wut eines Mitbewohners, der seine läufige Hündin auf die Straße geschickt hat. Das hatte zur Folge, dass innerhalb kürzester Zeit ein Rudel von Verehrern um sie herum schwänzelte und jeder von ihnen sein Glück probierte, bis die Hundefänger der Stadt, die auf diese größere Ansammlung Hunde hingewiesen worden waren, kamen und alle Hunde mit nahmen. Der Hundebesitzer musste also zur Stadtverwaltung, eine Strafe zahlen – über die er sich sehr beklagte, um dann seine Hündin mitnehmen zu können. Und was geschah mit den anderen Hunden? Die Bürgermeisterin sagte, dass man sie rund eine Woche im Tierheim lassen müsse, um sie dann frei zu geben, wenn sich niemand meldet. „Einschläfern?“ war die Frage danach. „Nein, dafür gibt es keine rechtliche Handhabe.“ Es gibt eben Unterschiede zwischen südeuropäischen Ländern und Brasilien. Stattdessen hat man eine städtische Tierarztpraxis eingerichtet, in der man seine Haustiere oder Straßentiere gratis behandeln und kastrieren lassen kann, denn einfach so nichts tun, kann man ja nun schließlich auch nicht. – So denken die Menschen, so handeln sie und darum liebe ich Brasilien trotz aller Probleme, die es hier gibt und die man auch den Menschen bereitet.

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