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12. Juni, Fußball

Bisher war ich erstaunt, wie sich die Begeisterung der Menschen hier in Bombinhas angesichts der Fußball-WM in Grenzen hielt. Da ist wirklich nichts zu spüren gewesen. Nur ein einziges Geschäft hatte einige Fähnchen raus gehängt, und wir natürlich auch: eine große deutsche Fahne und eine halb so große brasilianische. Die Größen sind nicht durch Sympathie bestimmt, sondern lediglich durch das Vorhandensein. Aldis Flaggen waren nicht kleiner und die brasilianische Flagge, die wir einst in Rio gekauft hatten, war nicht größer.

Heute also soll der Reigen beginnen. Und der Reigen begann! Es ist, wie auf Knopfdruck. Alle Brasilianer scheinen plötzlich ins Fußballfieber gefallen zu sein. Ich erkenne meine eigene Frau nicht wieder: Seit heute früh sitzt sie vor dem Fernseher, um zu sehen, wie es in São Paulo zugeht. Zwei Sender senden ohne Unterbrechung. Das Wetter spielt auch mit, denn es ist draußen sehr nass und regnerisch. Man kann also nicht an den Strand gehen, was einem viel Zeit schenkt, in den Fernseher zu schauen. Ich selber schaue ab und zu mal vorbei. Als aber Aurora das fünfte Mal ruft: „Schau mal, Hans-Georg, da ist – weiß der Kuckuck, was – zu sehen!“ wurde ich ungehalten, denn ich habe ja nun auch was anderes zu tun, als dem Nichtpassieren von Berichtenswertem zuzusehen.

Im Facebook lese ich, dass in Bombinhas so gut wie alle Geschäfte ab spätestens 15 Uhr geschlossen sind, vorneweg das Bürgermeisteramt. So fahre ich gegen 14.15 Uhr los, um mir anzusehen, was draußen los ist, denn Katzen und Menschen verlangten noch nach gewissen Lebensmitteln. Auf der Straße ist ein Leben wie in der Saison. Haufenweise Verkehr, alle haben es eilig, viele Autos sind mit brasilianischen Flaggen geschmückt, Autokorsos bilden sich, die hupend durch die Leopoldo Zarling Straße, unsere Hauptstraße, fahren. Ich hupe mit.

In der Bäckerei muss ich 15 Minuten warten, bis die Brötchen fertig sind. Der Fernseher läuft. Die brasilianische Mannschaft kommt gerade aus ihrem Hotel, um in den Mannschaftsbus zu steigen. Seit heute früh 11 Uhr hat das Fernsehen gewartet, um diesen unglaublich emotionalen Augenblick – Neimar steigt gerade in den Bus – bildlich festzuhalten. Brasilien bricht in Jubel aus. Nachdem auch der Masseur als Letzter den Bus bestiegen hat, fährt selbiger langsam los. Ihm ist eine freie Fahrt über abgesperrte Fahrbahnen sicher. Auch ich mache mich jetzt auf den Heimweg, denn die Brötchen waren fertig. 25 Stück für 12 Reais, also 4 Euro. Das ist bezahlbar. Inzwischen ist wohl auch die Bäckerei geschlossen.

Daheim komme ich noch rechtzeitig, um die bunte Eröffnungsfeier mitzuerleben, tanzende Frauen und Männer, Jungen und Mädchen. Zwischen drin Claudia Leite, eine brasilianische Sängerin aus Bahia, und Jennifer Lopez aus den USA. Am Ende der Feier feuern einige begeisterte Bombinhaner ein der üblichen Detonationen ab, was Chico, der bis dahin auf dem Sessel geschlafen hat, veranlasste, seinen Platz unter den Sessel zu verlegen.

Als er von dort wieder auftaucht, wird er davon überzeugt, sich mit Katzengesang an der kommenden Feier zu beteiligen – natürlich auf der richtigen Seite!

die Strandpromenade

Das erste Spiel kann beginnen. Beim Einlauf der Kroaten buhen die Brasilianer. Pfui! Das hätte ich von ihnen nicht gedacht. Aurora ist empört. So empfängt man keine Gäste. Nach 11 Minuten schießen die Brasilianer das erste Tor, leider ein Eigentor, was ziemlich zuvorkommend ist und die Schmach des Empfangs der Kroaten mehr als wett macht. Draußen hat das jemand dann doch irgendwie falsch verstanden, weil gleich mal die erste Rakete los geht. Aber dann in der 30. Minute kommt Neimar zum Schuss und aus dem Fernseher ertönt ein Goooooooooooooo­ooooool (ein o pro Sekunde), was so viel heißt wie: Tor! Und die Raketen in Bombinhas schießen in die Höhe und machen einen großen Lärm. Dann in der 72. Minute eine Reprise. Tor zwei durch Neimar. Die Detonationen in Bombinhas nehmen an Intensität zu, der Schrei des Reporters im Fernsehen müsste noch einige o dazu bekommen. Und dann noch einmal in der Nachspielzeit. 3 : 1. Wir sind zufrieden. Im Publikum wird ein Papa gezeigt, dessen kleiner Sohn zufrieden auf der Schulter seines Vaters schlief. Würde ich mein Kind in Deutschland mit in ein Fußballstadion nehmen? Hier ist das durchaus üblich, dass die ganze Familie geht.

Nach dem Spiel ergeben sich Szenen wie in Deutschland: Glückliche Menschen bilden Autocorsos und hupen, Raketen steigen in die Luft. Alle sind zufrieden. Selbst Marcelo, der unglückliche Schütze des ersten Tores, meint lakonisch: „Shit happens!“ Ging ja auch noch einmal gut aus. Durchatmen. Jetzt erst mal gegen die Holländer und Italiener. Wenn die auch noch verlieren, ist die Welt soweit in Ordnung, bis dann am Montag die Deutschen dran sind.

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