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17. Juni, Deutschland

Solch eine Fußball-Weltmeisterschaft ist ein seltsames Ding, denn man beginnt, sich irgendwie anders zu fühlen und zu verhalten. Wenn man es recht betrachtet, geht es für Deutschland allgemein und für mich speziell um überhaupt gar nichts. Es ändert sich nichts dadurch, wie die deutsche Nationalmannschaft spielt und was sie gewinnt. Und dennoch wird man irgendwie angesteckt von einem Fieber, das lediglich die emotionale Ebene betrifft, den Kopf erfasst und – ich gebe es zu – ein wenig dumm macht. Denn da wird Unwichtiges wichtig und man hat keinen Einfluss mehr auf seine Gefühle, die von einer kollektiven Qualität mitgerissen werden.

Heute früh las ich schon in einer schwedischen Zeitung, dass man sich daran gewöhnt hat, dass die Deutschen wunderschön spielen, hoch gewinnen und vorzeitig ausscheiden gegen die, die zwar nicht so schön, auch nicht so fair spielen, sondern mit Tritten vor und nach dem Spiel, wie das bei den Italienern so üblich ist. Die Deutschen haben keine „Cavalos“ = „Pferden“, die sich für kein Foul zu schade sind. Effenberg war mal auf dem Weg dorthin, spielt aber nicht mehr. Schweinsteiger ebenso, hat sich aber dem deutschen Spiel angepasst und ist heute harmlos. In der schwedischen Zeitung stand, dass die Deutschen den schönsten Fußball spielen und am lautesten feiern. Letzteres, meint Aurora, könne nur jemand schreiben, der normalerweise im Wald wohnt, die Einsamkeit liebt und hinter Elchen her jagt. Aurora hat in dieser Beziehung mit Brasilien bekanntlich einen Ruf zu verteidigen, denn – da muss ich ihr leider zustimmen – an Lautstärke kann es niemand mit Brasilianern aufnehmen, sei es beim Fußball, sei es in Bombinhas in der Saison. Die Lautstärke ist zwar weniger prolig als die der Deutschen, aber an Phonzahl dieser allemal überlegen.

Gestern nun gab es also Grund für jegliches Vorurteil um Deutschland herum: Die Mannschaft spielte hervorragend, setzte sich sogar gegen portugiesische „Cavalos“ durch, gewann haushoch gegen einen wenig schlechteren Gegner. Und bei jedem Tor rannte hier im Haus Frankfurt in Bombinhas ein Deutscher vor die Terrassentür, um einen Juchzer in die wieder einmal blaue, feuchtigkeitsgetränkte Luft von Bombinhas zu schreien, so dass man es von einem Talende bis zum anderen hören konnte. Bombinhas war stets über die Fortschritte im Spiel Deutschland gegen Portugal informiert, wenigstens über die Tore Deutschlands. Über portugiesische Tore gab es bekanntlich wenig zu berichten.

Wir folgten dem Spiel im brasilianischen Fernsehen. Das ist auch gut so, denn der Fernseher transportiert auch eine Menge von brasilianischem Gut, was wir sonst nicht zu wissen bekämen. Nun habe ich manchmal das Gefühl, ich könnte schon ganz gut Portugiesisch, jedoch wurde dieser Glaube angesichts des O-Tons bei der Übertragung des Spieles als blanke Hybris, Irrglaube oder Arroganz entlarvt, denn ich verstand wirklich nur sehr wenig. Einzelne Wörter hatte zu zuvor gelernt. Abseits, Foul, Elfmeter, Ecke, abspielen, auswechseln, Schwalbe, Pass spielen, Schiedsrichter sind solche Worte. Ich ging also wohl gerüstet in die Übertragung, verstand anfangs aber nicht einmal die Namen der deutschen Spieler. Aber wie auch, wenn aus dem Spieler Hummels ein phonetischer Umeus wird oder aus dem Götze gar ein Gotsinho, dem Özil ein Osiu, dem Lahm ein Lã, was so viel wie „Wolle“ heißt, usw. Aber was muss man letztlich verstehen, wenn doch die Bilder eine so deutliche Sprache sprechen. Und etwas verstand ich sehr wohl: Goooooooooooool! Tor!

Die Sache ging also für Deutschland vorteilhaft aus. So spazierte ich heute früh stolz an den Strand. Ich hatte mir ein T-Shirt übergestreift, auf dem groß „Brasil“ stand. Das war eher Zufall, weil sich mein deutsches Hemd gerade in der Wäsche befand. Ich hatte es einst von Daniela und Michael, meinen lieben Frankfurter Nachbarn, die es im letzten Jahr in der Türkei gekauft hatten, zwecks Bekenntnis‘ zum Vaterland in fremder Umgebung geschenkt bekommen. Aber welch fröhliche Anerkennung ergab dieser Zufall bei allen Bekannten, die wir am Strand trafen: „Nach einem solchen Deutschlandspiel dennoch ein brasilianisches T-Shirt? Wir lieben dich dafür.“ – „Drückst du heute auch Brasilien die Daumen?“ – Brasilien spielt heute gegen Mexiko, seinem Angstgegner. Also meine Sympathien haben sie, denn ich habe mit Aurora einen Deal über gutes Gelingen abgeschlossen: Deutschland haut die Holländer aus dem Turnier, was ihnen in aller Regel gut gelingt. Dafür beseitigen die Brasilianer die Italiener, was den Deutschen in der Regel nicht gelingt. Mal sehen, ob es Aurora und mir gelingt, unsere Vereinbarungen zu halten.

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