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29. Juni, Alltag

Jetzt habe ich schon längere Zeit keinen Eintrag mehr in das Erlebnisbuch geschrieben. Das hängt damit zusammen, dass es das, wonach das Buch benannt ist, kaum gab: Erlebnisse. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, mal über den Alltag zu schreiben und den darin vorhandenen Problemchen, die in der Tat an Bedeutung eher gering einzuschätzen sind.

Bestimmend für unseren derzeitigen Alltag ist das Wetter, denn wir haben hier Winter. Das heißt vor allem, dass der Himmel sehr viel öfter grau ist als zu anderen Jahreszeiten, dass es häufig nachts regnet, wobei es sich dabei oft um Sturzfluten handelt. Dabei herrscht oft ein Sturm, dass die Palmen auf unserer Terrasse fast waagerecht stehen, vom Wind gebogen, den Kräften des Sturms ausgeliefert. Das Schöne ist, dass man ihnen am nächsten Morgen dieses Zausen nicht mehr ansieht. Sie stehen wie eine Eins so schön und wachsen dabei auch noch, werden dichter und bilden einen immer besseren Sichtschutz zu den hohen Nachbarhäusern. Sie sind quasi unsere Gardinen. Bis zur nächsten Saison möchten wir uns hinter dem Grün verstecken können. Wässern muss man sie derzeit eher weniger, weil das Petrus für uns erledigt. Trotz dieses Mistwetters ist es draußen nicht etwa kalt, sondern recht angenehm frisch. Die Temperaturen sind Tag und Nacht ziemlich gleich und liegen bei mehr oder weniger 20°C. Im Haus und draußen ist es ungefähr gleich warm. Wenn es manchmal kälter wird, haben wir entdeckt, dass wir unsere Wärme durch Gasöfen und durch die Klimaanlage behaglicher machen können, so dass wir nicht frieren müssen.

Eine große Beeinträchtigung durch das Wetter aber ist, dass wir kaum noch an den Strand kommen. Wer geht schon gerne bei strömendem Regen oder dunkelgrauem Himmel an den Strand? Diese Gänge fallen also recht häufig flach, was natürlich den Vorteil hat, dass wir jetzt andere Dinge machen können: Das Einkaufen ist weniger stressig. Meistens fahren wir rund 15 km nach Itapema in einen Supermarkt, in dem wir alles, was wir brauchen, etwas günstiger als in Bombinhas bekommen, wo oft nur eine begrenzte Auswahl an Waren vorhanden ist bei ziemlich gesalzenen Preisen.

Auroras Zeit wird vor allem durch die Führung des Haushaltes ausgefüllt. Sie hat inzwischen alle Dinge, die wir im Dezember in die Schränke geräumt haben, wieder raus geholt und dabei festgestellt, dass alle Sachen, die aus Leder oder Wolle sind, Schimmelflecken aufwiesen. Mein Talar war weiß gesprenkelt mit großen Schimmelplacken. Also all diese Sachen erst einmal in die Reinigung, um sie für einen Transport zurück nach Deutschland sauber zu bekommen. Zusätzlich haben wir in den Schränken eine Entwässerung angelegt, denn auch die anderen Sachen beginnen zu riechen. Dass das so ist, ist nicht weiter erstaunlich, denn die Luftfeuchtigkeit liegt immer zwischen 80 und 90 Prozent. Wir sind froh, eine Trockenmaschine für die Wäsche zu haben.

Sodann kümmert sich Aurora sehr um die Katzen, denen es wirklich an nichts fehlen sollte. Dennoch hat Susi, die Katze, beschlossen, unseren Läufer im Flur als Toilette zu nutzen. Gestern habe ich sie dabei erwischt, dass sie auf eine schöne Brücke, die wir einst von Herrn Soravia, einem blinden, alten Herrn aus Offenbar, geerbt hatten, ihr Geschäft erledigte: vor meiner Tür, während ich gerade mit meiner Schwester über Skype verbunden war. Ein ziemlich penetrantes Parfüm ist diesem Geschäfte eigen, so dass es sehr bald sehr unangenehm auffiel. Und heute Nacht sind Aurora und ich von einem Kratzgeräusch auf dem Teppich aufgewacht, weil die Katze versuchte, ihr kleines Geschäft mit Teppich zu bedecken. Da waren wir sehr schnell sehr munter. Die Katze spritzte schleunigst weg und wir sahen die Bescherung. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir dieses Verhalten der Katze wieder abgewöhnen.

Ab Dienstag allerdings wird Aurora eine gute Hilfe bekommen, so dass sie nicht so viel mit solchen Dingen zu tun hat. Denn am Dienstag beginnt eine Haushaltshilfe bei uns. Sie wird registriert, arbeitet also nicht schwarz, und sie erhält einen Mindestlohn. Ein solcher Mindestlohn beträgt hier mit allen Abgaben rund 350 – 400 Euro. Für dieses Gehalt müssen z.B. die Verkäuferinnen in den Supermärkten 48 Stunden in der Woche arbeiten – und es gibt viele, die dort tätig sind. Nun wollen wir keine Haushaltshilfe für 48 Stunden, sondern nur für 12 Stunden in der Woche. Dafür sind wir gerne bereit, einen Mindestlohn zu zahlen. Doch war das nicht so einfach möglich, weil da der Staat sagt, dass wir einen Mindestlohn nur zahlen dürfen, wenn die Kraft dafür mindestens 24 Stunden arbeitet. Wir aber wollen niemand Fremdes 24 Stunden in der Woche in der Wohnung haben, zumal wir auch nicht wüssten, wie wir sie beschäftigen sollten. Darum haben wir jetzt vereinbart, dass die Arbeitszeit 12 Stunden beträgt und dazu noch 12 Stunden Bereitschaft kommt, die in Anspruch genommen werden kann, wenn es nötig ist. Denkbar wäre da eine längere Abwesenheit mit einem Animationsprogramm für die Katzen, oder auch Krankheit, durch die wir uns zeitweise nicht selber versorgen könnten. Priscila, so heißt unsere neue Hilfe, ist die Frau vom Hausmeister im Nachbarhaus. Wir hoffen, mit ihr eine Perle gefunden zu haben. Möge es auch wirklich so sein. Aurora jedenfalls hat dadurch sehr viel mehr Zeit, etwas anderes zu tun. Ich denke, es wird ihr auch mit Priscilla nicht langweilig.

Langweilig ist mir auch nicht, denn ich habe einige Schwerpunkte der Beschäftigung, die ich täglich nach Belieben ausfülle: Portugiesisch lernen, kommunizieren mit allen Freunden in Deutschland und Musik hören, Erlebnisbuch schreiben und Fahrer in Sachen Einkäufe und Gänge zu sein.

Portugiesisch lerne ich vor allem durch Babbel, einem Online-Sprachkurs. Dort bin ich schon ziemlich weit und habe die meisten Kurse absolviert. Mein Wortschatz beträgt inzwischen 3411 Wörter, die aber ständig wiederholt werden müssen. Ich weiß, was Abseits im Fußball auf Portugiesisch heißt, kann ein Versorgungsunternehmen bezeichnen, kann meine Gefühle benennen und die Dinge des erweiterten Alltags bezeichnen. Es fehlt jedoch die Übung, denn daheim sprechen wir vor allem Deutsch, auch wenn wir mehr und mehr Portugiesisch reden. Übung wird mir durch Silvia ermöglicht, eine Argentinierin, bei der ich wöchentlich eine Stunde Plauderstündchen auf Portugiesisch habe. Dazu kommen noch alle Kontakte vor allem mit Malvina und dann ab Dienstag auch mit Priscilla. Das hilft sehr, wobei das Hauptproblem bei dieser Sprache nicht das Sprechen, sondern das Verstehen ist. Mir fällt es sehr viel leichter, mich in Portugiesisch auszudrücken, als zu verstehen, was die anderen sagen. Das Reden kann ich üben, aber das Versehen muss wachsen, wobei man das Wachstum sicher fördern kann. Jedenfalls erinnere ich mich, dass es beim Englischen und Schwedischen eher umgekehrt war: Es war leichter zu verstehen, als zu sprechen. So unterschiedlich kann das Sprachelernen also sein.

Zum Stichwort Kommunikation gibt es mehrere Aspekte. Im Durchschnitt sicherlich zweimal pro Woche gibt es einen Anruf aus Deutschland durch Freunde aus meinem beruflichen Umfeld. Das macht mir sehr viel Freude und hält mich informatorisch auf dem Laufenden. Es ist einfach schön, die vertrauten Stimmen wieder zu hören und das Gefühl zu haben, man wäre gar nicht wirklich getrennt.

Sodann schreibe ich eifrig Geburtstagsbriefe. Ingrid Schmidt, die in der Andreasgemeinde Sekretärin ist, und meine Schwester Monika erhalten die Briefe via PC und Internet, drucken sie aus und verschicken sie an die „Geburtstagskinder“. Für mich hat das den Vorteil, dass ich mich mit allen wenigstens einmal jährlich intensiv befasse. Und die Reaktionen darauf sind dann auch in der Regel sehr positiv. Zwar wissen inzwischen alle, dass diese Briefe nichts Besonderes sind, aber sie wissen auch, dass sie von mir nicht vergessen wurden, wobei ich hoffe, wirklich niemanden zu vergessen.

Über Email oder Facebook bin ich zusätzlich mit einigen in Deutschland verbunden. Wir nehmen so ziemlich intensiv an unserem jeweiligen Leben teil und sind uns manchmal näher als wir es in Deutschland unter anderen Umständen waren.

Das Hören von Musik ist mir schon immer wichtig gewesen, wobei sich mein Musikgeschmack vor allem auf Klassisches richtet. Popmusik habe ich zwar auch reichlich, jedoch nimmt die Klassik einen viel größeren Raum ein. Aurora ist es inzwischen gewohnt, ihre Arbeit unter Klängen von Beethoven, Bach, Mozart, Saint-Saens, Schumann und wie sie alle heißen zu erledigen. Mir stehen dafür rund 17.900 Klassik-Titel zur Verfügung. Ein Titel ist ein Satz z.B. einer Sinfonie. Da kann ich hören bis an mein Lebensende, ohne wiederholen zu müssen.

So vergehen die Tage, die wir sehr genießen. Abends dann, wenn es dunkel geworden ist und wir zu Abend gegessen haben, steht das Fernsehen an. Zwar haben wir einen Fernseher, jedoch ertragen wir das brasilianische Fernsehen eher weniger – außer derzeit bei der Fußball-WM. Es ist sehr laut, schrill, oft mit absolut belanglosen Shows, Novelas und Reportagen gefüllt, unterbrochen von langen Werbepassagen. Wir schauen weiterhin deutsches Fernsehen, ARD und ZDF, was wir via Mediatheken der Sender und Internet empfangen. Meist beginnen wir mit den Tagesthemen oder dem Heute-Journal, weil wir 5 Stunden „nachgehen“. Wenn unser Abend beginnt, ist es in Deutschland schon tiefe Nacht. Nach den Nachrichten kommt dann oft ein Film, den wir uns aus dem Angebot aussuchen. Dabei handelt es sich allerdings ausschließlich um deutsche Produktionen, weil andere Filme aus rechtlichen Gründen nicht ins Ausland übertragen werden. So sind uns viele deutsche Fernsehschauspieler sehr vertraut. Da Aurora absolut keine sentimentalen Filme sehen will, handelt es sich vor allem um Krimis oder Problemfilme.

Zuletzt kann ich noch über die Fußball-WM erzählen, die sich bei uns fast ausschließlich im Fernsehen abspielt. Lediglich bei den Brasilienspielen erschallt hier immer ein Feuerwerk, das uns an Silvester erinnert. Darum hoffen wir, dass Brasilien zwar gewinnt, jedoch nicht zu torreich, denn die Katzen flippen dann aus. Ansonsten ist hier von WM-Fieber, von dem mir aus Deutschland berichtet wird, nichts zu spüren. Die Stadt hat zwar mehr oder weniger brasilianisch geflaggt, jedoch gibt es kein Public Viewing – wie auch bei dem Wetter!

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