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5. Juli, Fußballfreud und –leid

In unserer kleinen Stadt hat sich doch noch etwas verändert: Die Fußballbegeisterung ist in Bombinhas angekommen. Das war zwar ziemlich spät, jedoch fröhlich – wie in Brasilien üblich – und sehr phantasievoll. Da laufen Hunde herum mit einer Spange oder einem Band in brasilianischen Farben zwischen den Ohren ins Fell geklemmt. Da werden an allen möglichen und unmöglichen Stellen brasilianische Flaggen, Embleme, Broschen, Bänder, Spangen angebracht, um zusammen ein recht bunte Bild zu ergeben. Gestern nun wurde klar, dass im Halbfinale am Dienstag Brasilien auf Deutschland trifft.

Mit Bangen hatte ich dem gestrigen Nachmittag mit beiden Spielen entgegen gesehen, weil ich sowas nervlich schlecht vertrage. Aber es ging erstaunlich gut. Zuerst das recht ordentliche Spiel der Deutschen gegen die Franzosen, denen auch meine vollen Sympathien galten. Da in diesem Turnierabschnitt ein Unentschieden unmöglich ist, ging es für mich mit dem knappen Sieg in Ordnung. Es war trotz der großen Bedeutung des Ergebnisses ein freundschaftliches, faires Spiel und unterschied sich darin von den Spielen, in denen die anderen Mannschaften aus Südeuropa, Afrika und Lateinamerika auftrumpfen. Und als Folge davon erwies sich dann ja auch im Spiel Brasilien gegen Kolumbien das Ausscheiden des brasilianischen Superstars Neymar kurz vor Spielende durch ein Foul eines Kolumbianers. Möge es ihm bald besser gehen! Für Brasilien ist das Ausscheiden Neymars ein herber Verlust, der durch eine umso höhere Motivation ausgeglichen werden soll. Ob es eine noch höhere Motivation als die Erringung der Weltmeisterschaft im eigenen Land überhaupt noch geben kann? Jedenfalls werden zwei sehr wichtige Spieler im Deutschlandspiel fehlen, weil auch der Kapitän Tiago wegen Gelbsperre nicht mitspielen darf. Dennoch würde ich auch jetzt noch Brasilien als Favoriten sehen, wobei ich in der Tat kein Fußballexperte bin.

Beflaggung auf unserer TerrasseWährend der ganzen „Copa“ – so nennt man hier die Fußball-Weltmeisterschaft – hatte ich über unserem Terrassengeländer eine brasilianische und eine deutsche Fahne hängen, um unsere Sympathien zu bekunden. Beide Fahnen hängen also weiterhin. Das ist gut. Aber am Dienstag nun soll es ein Spiel zwischen beiden geben. Wem gehören die Sympathien? – Aurora hat beschlossen, total auf Seiten der Brasilianer zu fiebern. Ich habe beschlossen, für beide Seiten zu sein, mich über jedes Tor zu freuen, wobei ich zugebe, dass ich mich ein wenig mehr über ein deutsches Tor freue. Aber ich wäre auch nicht traurig, wenn Brasilien gewinnt. Insofern muss mir um mein Glück am Dienstag nicht bange sein. Wie aber soll ich das nach außen hin ausdrücken? – Ich habe noch gestern Abend die beiden Fahnen genommen und übereinander gehängt. Da die brasilianische Flagge nur halb so groß wie die deutsche Fahne ist, habe ich sie über die deutsche gehängt. Und jetzt symbolisieren sie das Gemeinsam von beiden Ländern mit großer Fußballtradition.

Übrigens bietet die Copa auch eine gute Gelegenheit, mit fremden Menschen auf Portugiesisch zu reden. Das gilt besonders für die Fleischtheke bei Schmit. Dort sind einige fußballbegeisterte junge Männer angestellt, die mit mir allzu gerne über unsere Mannschaften und Länder reden. Sie freuen sich, wenn sie mich sehen – und umgekehrt. „Bom dia, alemão!“ („Guten Morgen, Deutscher!“) ruft einer von ihnen. Und ich rufe zurück: „Bom dia, brasileiro!“ („Guten Morgen, Brasilianer!“) Und wir lachen beide. Denn beides ist überaus freundschaftlich, respektvoll und fröhlich gemeint. Es bedeutet, dass wir uns kennen, dass wir uns mögen und uns was erzählen können. Er fragt mich nach meinen Sympathien, nach meinem Ergehen während der Spiele von Deutschland und ich frage ihn nach seinen Arbeitsbedingungen und seinen Möglichkeiten, den Spielen zu folgen und seinen Sympathien. – Ja, ja, so weit reicht es schon mit meinen Sprachkenntnissen! Fröhlich, locker, kreativ, so ist hier der Umgang miteinander, selbst über solchen Herzensthemen wie Fußball.

Und einmal vom Fußball abgesehen, ist es hier im Gegensatz zu Deutschland durchaus leicht und angenehm, ja sogar hervorhebend, einen Migrationshintergrund zu haben, also Ausländer zu sein. Respekt und Liebe zu seinem Vaterland ist in Brasilien etwas Selbstverständliches. Alle verstehen, dass alle ihr Vaterland lieben, denn sie tun das ja auch. Ein breites Lächeln aber zeigt sich auf den Gesichtern, wenn ich ihnen darüber hinaus vermittele, dass ich durchaus mein Vaterland liebe, jedoch auch sehr gerne hier in Brasilien lebe, mit ihnen zu tun habe und mich mit ihnen über ihr Vaterland freue, das diese Copa so wundervoll ausgerichtet hat. Und wenn ich dann – mit eher verschmitztem Tonfall – hinzufüge, dass man das von einem Land, in dem man nicht einmal verstopfungsfreie Siphons und Toiletten bauen kann, durchaus nicht erwarten konnte wie sich das ja auch im Vorfeld dieser WM gezeigt hatte. Aber improvisieren, hinbiegen, glatt machen, anstreichen und dann feiern, bis die Schwarte kracht, das ist ein brasilianisches Markenzeichen. Das ist brasilianische Mentalität. Die verstopften Klos werden zugehängt und dann Samba getanzt, anstatt zu überlegen, wie man das Problem löst. So erhält man zwar nicht bessere Klos, jedoch wird es fröhlich und schön. Und was ist letztlich wichtiger? – Ich finde: die Lebenslust und Lebensfreude!

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