Zur Hauptseite Döring

8. Juli, Priscila

Priszila… hat bei uns angefangen. Wie schön! Sie hat ein freundliches, zugewandtes Wesen, ist fleißig wie ein Bienchen und Aurora und sie scheinen sich gut zu verstehen. Und ich schwimme irgendwie mit, räume mein Zimmer auf, stelle den Stuhl, die Wasserpfeife und den Papierkorb hoch, damit sie dort gut wischen kann und verschwinde mit Aurora an den Strand, während mein Zimmer immer wieder in neuem Glanz erstrahlt. Und Aurora ist entspannt, wird nicht mehr durch Termine, die mit der Hausarbeit überfrachtet werden, belastet. Priscila ist leise, aber präsent. Sie tauscht sich mit Aurora gerne aus, will mit ihr auch mal kochen und steht einfach zur Verfügung. Wir empfinden uns gegenseitig als Glücksfall. Auch den Katzen geht es gut. Zwar verschwindet Chico immer im Kleiderschrank, um dort in der Geborgenheit der Finsternis seinen Morgen zu verbringen, aber das macht er auch sonst gerne. Und Susi bewegt sich durch das Haus. Priscila ist ihr nicht fremd. Susi nimmt nicht einmal vor dem Staubsauger Reißaus, wie das sonst Katzen gerne machen. Schon nach wenigen Tagen von Priscilas Tätigkeit bei uns haben wir den Eindruck, dass wir sie adoptiert haben. Oder ist es umgekehrt? – Priscila hat auch einen Führerschein, so dass sie im Notfall mit unserem Auto auch mal losfahren kann, um uns zum Doc oder Flughafen zu bringen oder Besorgungen für uns zu erledigen. Jetzt können wir es uns erlauben, Urlaub zu machen, zu verreisen, krank zu werden usw. Wir haben den guten Eindruck, dass wir ihr Haus und Katz gerne übergeben können und alles dann, wenn wir heim kommen, hübsch und aufgeräumt vorfinden. Unser Leben hat also durch Priscila sehr an Lebensqualität gewonnen. Und obwohl sie bei uns wirbelt, haben wir die Nachmittage immer für uns, können sie gestalten, wie es uns gefällt. Kann es besser werden? – Ich bin überzeugt, dass das nicht geht!

In meinem sauberen Zimmer habe ich mich darum besonders gerne an den PC gesetzt und mal alte Bilder durchforscht. Dabei habe ich allerlei Aufnahmen entdeckt, die viel mit meiner Familiengeschichte zu tun haben. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre hatten meine Eltern Urlaube gemacht, die sie nach Südtirol und in den Harz führten. In den Harz haben meine Eltern auch mich mitgenommen. Dort lernte ich die damalige Freundin und jetzige, langjährige Frau meines ältesten Bruders Frank kennen und lieben. Bigi war so anders, trug Schminke – dezent, aber dennoch – auf den Lippen und Lack auf den Fingernägeln. Welch ein Wunder an Schönheit und Eleganz, fand ich damals – und heute auch noch. Ich verliebte mich als 11Jähriger sofort in sie, spielte mit Vorliebe an ihren gepflegten Fingernägeln, was sie sich gefallen ließ – lassen musste, sich nicht traute zu beenden – und bot ihr damals an, dass, wenn Frank sie nicht nähme, ich sie sofort nehmen würde. Das wiederum veranlasste Frank, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Denn das konnte er so nicht zulassen. Inzwischen sind sie mehr als 50 Jahre verheiratet und ich sage Bigi, noch immer, dass sie meine Lieblingsschwägerin ist, wobei das nichts über mein Verhältnis zu meiner anderen Schwägerin sagt. Auch sie mag ich sehr gerne.

Woher kam meine Liebe zu Bigi? – Ich denke, sie repräsentierte das Ziel meiner Sehnsucht, nämlich aus der Kleinheit des Dorfes auszubrechen, andere Menschen, andere Länder, Fremdes erleben zu dürfen. In ihrer Art war sie damals für mein biederes Elternhaus in ihrer Erscheinung eine Fremde, aber für mich war sie die Welt, nach der ich mich sehnte. Übrigens haben meine Eltern sehr schnell gelernt, sie ebenso zu lieben. Die anfängliche Skepsis wurde schon damals 1960 im Harz überwunden.

Bekommen habe ich Bigi nicht, aber das macht nichts. Ich habe ja nun Aurora, die nicht minder exotisch ist im Verhältnis zu einem deutschen, bürgerlichen Dorf-Pfarrhaus. Und ich wohne in einem fremden Land, das mir sehr heimisch geworden ist. Wer hätte damals gedacht, dass mich meine Fernweh zu derartigen Entwicklungen führen würde.

Wenn heute noch in der Fußball-WM Deutschland gegen Brasilien antritt und dann auch noch einer von beiden gewinnt, ist es des Glückes fast zu viel … besonders wenn dieser eine Deutschland ist.

Zum Seitenanfang