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9. Juli, Au weia!

Ich bin noch ganz neben mir. Heute Nacht haben Aurora und ich schlecht geschlafen. Noch immer pulsiert das gestern am frühen Abend entwickelte Adrenalin in unseren Adern. Es mag für mich als Deutscher beglückend sein, aber für mich als deutscher Ehemann einer brasilianischen Frau eher weniger. Heute früh war mein erster Gang zu den beiden Fahnen, die ich abgemacht habe. Beide! Auch anderswo sind die brasilianischen Fahnen verschwunden. Und dass ich die deutsche Fahne runter geholt habe, soll ein Zeichen des Mitgefühls sein. Es ist hier nicht der Ort für ausgelassene Freudenfeste. So hart gesotten bin ich nicht, als dass ich die äußerst depressive Stimmung überspielen könnte.

Was ist geschehen? In der Stadt des schönen Horizontes, Bela Horizonte, war im Halbfinale Deutschland auf Brasilien gestoßen und Brasilien hat 1 zu 7 verloren. Ich will dieses Ergebnis gar nicht in seiner historischen Bedeutung würdigen, doch hat Brasilien noch niemals in seiner Fußballgeschichte, die ansonsten voller Geigen hängt, so verloren. Und wie hoch waren zuvor die Erwartungen an das Spiel geschraubt worden! Im Fernsehen gab es lange Expertengespräche, Umfragen, Stimmungsberichte, von denen kaum jemand ernsthaft mit einer Niederlage Brasiliens gerechnet hat. – Aber das kennen wir von Deutschland auch. Wie traumatisch ist da nicht nur die Niederlage, sondern auch noch die Höhe für eine Nation, die sehr viel Selbstwertgefühl und Identität aus dem Fußballspiel bezieht.

Gestern Abend war nun die Party schlagartig vorbei. Innerhalb von 30 Minuten in der ersten Halbzeit stand es schon 5 : 0 für Deutschland. In Bombinhas fingen die Raketen und Böller nach dem 3 : 0 an. Ich vermute, sie sollten die eigene Mannschaft anfeuern, noch nichts verloren zu geben. Denn viele Deutsche gibt es hier nicht, die erpicht aufs Krachmachen sind. Bei den ersten beiden Toren konnte ich noch einen Jauchzer los lassen, jedoch wurde Auroras Gesicht lang und länger, Fassungslosigkeit breitete sich aus. Gleich nach dem Spiel läutete das Telefon und mein Kollege und Freund Gustavo aus Itapema meldete sich, um zu gratulieren. Aber so richtig kam Freude nicht auf, denn die depressive Stimmung breitete sich nicht nur in Brasilien, sondern auch in unserer Wohnung aus – trotz des Erfolges für Deutschland.

Woran hat das gelegen? Ich habe dazu meine eigene Theorie, die auf meiner Erfahrung mit dem brasilianischen Lebensstil zu tun hat, dass nämlich Design vor Qualität geht. Ein bekanntes Fußballlied, das gerne auf der Tribüne gesungen wird, heißt übersetzt: „Ich bin Brasilianer mit viel Stolz und viel Liebe!“ Ja, man ist stolz darauf, Brasilianer zu sein, denn Brasilien ist ein durch und durch schönes Land! Aber was steckt hinter der Schönheit? Schon in der Vorrunde hatte es sich gezeigt, dass die brasilianische Mannschaft nicht durch fußballerischer Fähigkeiten zu überzeugen vermochte, sondern eher durch das enorme Aufhebens, das um sie gemacht wurde. Da war Pathos im Spiel – bis hin zu der Szene am Anfang, als das Shirt von Neymar, dem so grob gefoulten und damit verletzten Star der brasilianischen Mannschaft, hoch gehalten wurde. Für ihn wolle man spielen. Die Motivation war so hoch, dass sie die Fähigkeiten außer Acht ließ. Und so begann dann das Spiel mit heftigen Angriffen in einem unglaublichen Eifer der Brasilianer, der ja schon nach einer Minute im ersten Eckball für Brasilien mündete. Der erste Dämpfer kam beim 1 : 0. Danach begann der Zerfall des potemkinschen Dorfes namens Selecão do Brasil. Es half kein Sich auf den Boden Werfen, Schwalben und Fouls zu machen. Es halfen die Vorschusslorbeeren nicht – sie erwiesen sich eher als Schuss nach hinten. Um im Beispiel vom 5. Juli in meinem Erlebnisbuch zu bleiben: Das bunte Tuch, das das verstopfte Klo verdeckte, wurde herunter gerissen und es begann kräftig zu stinken, so dass es die Sambatänzer vergraulte. Die kamen aus dem Takt und vorbei war das Spiel mit einer Entlarvung, wie sie historischer nicht sein kann. Die Mannschaft erwies sich als durchaus mittelmäßig im Können, die, nachdem ihr Design demontiert worden war, in totale Desperation verfiel. Selbst das Tor für Brasilien in der letzten Minute scheint mir eher ein Geschenk der deutschen Mannschaft zu sein, die das Gastland nicht mit einer Nullnummer entlassen wollte. Geholfen hat dieses Tor der Stimmung aber nicht.

Heute früh gab es nun allerlei Einträge im Facebook. Darunter auch ein erhitzter Aufruf zur Revolution, in dem aller Frust über Stadien, Spiel und Politik einen sehr emotionalen Ausdruck fand. Vor dem Bauplatz eines nicht fertigen Stadion stand ein junger Mann mit angeklebter Clownsnase und mit einem Shirt, in dem die Trauer um das verlorene Spiel in Frage gestellt wurde. Man solle es endlich den korrupten Politikern zeigen, rief er emotional sich steigernd in die Kamera. So prangerte er die Korruption in der Politik an und die fehlende Bereitschaft, wirklich etwas zu tun, um dem Herr zu werden.

Sicher muss man gegen die Korruption in der Politik vorgehen, aber mir scheint noch wichtiger zu sein, bei sich selber und der eigenen Werteskala zu beginnen, indem man der Qualität der Dinge mehr Wert einräumt als dessen Design. Das Sambatanzen beherrscht man schon, und das ist äußert liebeswert und schön. Jetzt fehlt nur noch das Bewusstsein, dass vor dem Samba ein gutes Produkt vorhanden sein muss und nicht nur ein potemkinsches Dorf. Erst Abflüsse bauen, die nicht verstopfen, oder fußballerisch fähigere Mannschaften bilden und dann Samba tanzen. – Der Ruf nach einer Bildungsreform scheint mir in diese Richtung zu gehen. Hoffen wir für Brasilien, dass der Schock von gestern hilft, das Land und das Bewusstsein seiner so liebenswürdigen Menschen in die richtige Richtung zu lenken.

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