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11. Juli, Verstehen

Inzwischen sind seit diesem Fußballereignis mit Deutschland ein paar Tage vergangen und ich habe inzwischen etwas mehr verstanden, was da wirklich passiert ist. Vielleicht ist meine Analyse schon richtig, doch ist ein Weg zu einer Änderung auf mehr Qualität hin unglaublich schwer, weil er über die Emotionen geht, die Gefühle, die sich durch den Verstand kaum beeinflussen lassen. Brasilien wird vom wohlwollenden Ausland vor allem als eine Nation der Lebensfreue, a alegria, erlebt. Wo ist schon Lebensfreude zu finden, wenn nicht in diesem Land?!?! Das Wetter, die Menschen, die Leichtigkeit des Seins, der Karneval, der Tanz: alles das sind Symbole für dieses wundervolle Lebensgefühl, das ich ebenfalls so sehr liebe. Aber Lebensfreude ist nichts, was sich mit dem Verstand erzeugen lässt, weil es ein Gefühl ist. Gefühle aber sind in den Menschen sehr viel empfindlicher, tiefer und leichter zu verletzen als was ein noch so kluger Verstand wieder zu heilen vermag. Fußball ist noch mehr als der Karneval ein Symbol für dieses brasilianische Lebensgefühl. Brasilien sieht sich emotional nicht als größter Sojaexporteur der Welt wie sich Deutschland immer wieder stolz und gerne als Exportweltmeister empfindet, sondern als der größte Exporteur von gutem Fußball und guten Fußballspielern, denn alle brasilianischen Kinder kicken, sobald die laufen können. Brasilien sieht sich als Fundus des Fußballs wie der Amazonas-Regenwald der Fundus der Vielfalt der Artenvielfalt ist. Und nun bekommt das Markenzeichen, die besten der besten Spieler, die Seleção, eine so gewaltige Abreibung. Das ist wirklich eine traumatische Erfahrung. Verlieren und verlieren ist eben nicht dasselbe in Deutschland und in Brasilien. Tut es in Deutschland schon weh, wie wir das bei der WM 2006 erfahren haben, ist es in Brasilien geradezu zerschmetternd.

‚Wer bin ich noch, wenn unser Bestes so in den Staub getreten werden kann? Ich bin stolz auf mein Land, dessen Aushängeschild die Seleção ist, aber es ist jetzt nichts mehr wert nach dieser Niederlage. Mein Stolz ist Einbildung gewesen. Ich bin nichts! Ich bin in den Staub geworfen worden, ich, der Stolze, der Brasilianer, der bislang glaubte, dass Gott Brasilianer ist.‘

Entsprechend traumatisiert sehen auch die Folgen dieser Gedanken aus. Die Mitfühlenden, die Menschen- und Tierfreunde haben Schmerzen in ihren Herzen aus Mitgefühl für die geprügelten Spieler, die doch immer so hoch geschätzt waren. Sie haben Mitgefühl für ihre Landsleute, denen die Idole verloren gegangen sind. Leider sind die unter den Fußballfans die seltener vorkommende Gruppe. Für die meisten geht dieses Gefühl über in Wut, die mit der gleichen Emotionalität vorgetragen wird wie die Alegria. Filipão, der Trainer der Seleção, eine wirklich gute Seele und Vater der Seleção, hat sich darum vor seine Spieler gestellt, um sie vor dieser Wut zu schützen. Er nimmt die Schuld auf sich, kann sie besser tragen, als die jungen Mitglieder der Seleção, die ja noch traumatisierter sind als alle anderen. Sie haben das Debakel verursacht. Das tut sehr weh! Ob es ihrem Trainer gelingt, sie für das Spiel um den 3. Platz noch fit zu bekommen? Ich hoffe es sehr, denn wenn sie schon nicht Weltmeister im eigenen Land werden können, sollen sie wenigstens mit einem guten Sieg aufhören. Mir graut schon vor dem Auflaufen der Mannschaften vor dem Spiel. Was wird in Brasilia, dem Spielort, wohl passieren: Werden sie mit einem Pfeifkonzert empfangen, oder erhalten sie einen ermunternden, aufbauenden Applaus? Wie sehr wünsche ich mir letzteres. Und was ich dazu beitragen kann, tue ich, denn ich laufe nur noch in Grün-Gelb, den brasilianischen Farben, herum und sage allen, wie sehr ich jetzt die Seleção unterstützen möchte. Zwar ging es jetzt einmal gründlich schief, aber es geht weiter und in ein paar Jahren kann man wieder stolz auf sie sein, wie man das seit Jahrzehnten ist. Auch hängt wieder die brasilianische Flagge von unserer Terrasse. Hier soll sie besonders morgen wehen. Am Sonntag aber wird die deutsche Fahne aufgehängt!

Für wen sind nun die Brasilianer im Endspiel? – Den meisten ist es egal auf den ersten Blick. Ich sage dann: „Dir ist das egal, ob Argentinien in Brasilien Weltmeister wird? Stell dir vor, Argentinien bekäme eine ähnliche Klatsche von den Deutschen wie die Seleção, dann wäre die Niederlage eher zu rechtfertigen, dann täte es nicht ganz so weh.“ Ich denke, diese beiden Argumente sind sehr schwerwiegend, auch wenn sie die Wütenden, die auf Rache schwören, nicht überzeugen. Nur: Kann ein Brasilianer die Rache für eine Niederlage den Argentiniern überlassen? Doch wie gesagt: Es geht nicht nach dem Verstand, sondern allein mit dem Herzen, o coração. Mögen die Wunden bald heilen.

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