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16. Juli, Rentner

Als ich noch berufstätig war, habe ich mich immer gewundert, warum alle Rentner keine Zeit mehr haben. Und ich habe mich gewundert, wieso ein Termin pro Tag immer so ausfüllend ist, dass daneben kein zweiter Termin mehr Platz hat. Wie kommt das?

Inzwischen bin ich selber Rentner und fange an, zu begreifen, wie das kommen kann. Wer keine Termine hat, der schafft sich tägliche Routinen, die den Tag strukturieren. So geht es jedenfalls uns. Mein Tag beginnt jeden Tag gleich: Ich wache gegen 6.30 Uhr auf, nehme mein iPad und lese erst einmal, was es Neues in der Welt gibt, nehme Emails entgegen, checke das Facebook auf neue Einträge und lese nicht zuletzt auch, was Wikipedia über die Ereignisse, die am jeweiligen Tag vor Jahren waren, zu vermelden hat. Darüber geht eine halbe Stunde. Dann beginnt auch Aurora aufzuwachen. Um 7 Uhr müssen wir auch so langsam aus dem Bett, besonders wenn Priscila kommt.

„Guten Morgen, Querida! (meine Liebe!)“ – „Bom dia! Hast du gut geschlafen?“ – „Ich ja, aber dich haben heute Nacht wohl wieder die Katzen geweckt!“ – „Susi kam um 2 Uhr …“ – „Na ja, wir sind ja Rentner und können immer noch mal nachschlafen.“ Hier spüre ich erstmals an diesem Tag meine Profession: Rentner! Dann mache ich den Vorschlag: „Ich lasse mal die Rollläden hoch, damit wir sehen können, wie das Wetter heute ist. Einverstanden?“ – „Hm!“ Aurora ist noch ein wenig maulfaul. Ich fahre mit beiden Beinen aus dem Bett und betätige den Knopf, woraufhin sich der Rollladen leise hebt. Wir schauen raus und beginnen zu philosophieren. „Sind das Wolken?“ fragt Aurora. „Ich glaube, es wird heute nicht so sonnig. Ob wir heute an den Strand gehen können?“ kommentiere ich das, was sich unserem Blick zeigt. Meistens sind wir dann überrascht, wie sich das Wetter entwickelt, denn das Schlafzimmerfenster geht nach Westen. Hier verabschiedet sich das Nachtwetter, während sich in der Küche, die nach Osten geht, das Tagwetter entwickelt

Ich stehe auf und mache Frühstück. Derzeit frühstücken wir in der Küche an dem extra von uns erfundenen Tischchen. Ist es kühler als heute – also unter 19° - gehen wir ins Wohnzimmer, das man via Klimaanlage heizen kann. Ist es viel wärmer – also über 25° - gehen wir auf unsere überbaute Terrasse vor der Küche, wo wir auch einen hübschen Frühstücksplatz haben. In der Küche stelle ich dann oft fest, dass alles, was wir über das Wetter gesagt hatten, nicht stimmt. Die Sonne erhebt sich hinter den Häusern am Strand, färbt den Himmel rot und vertreibt ziemlich schnell mit warmen Strahlen die nächtliche Kühle.

Beim Frühstück wird dann besprochen, wie der Tag heute aussehen soll, wobei das immer recht ähnlich ist: Wir gehen an den Strand, gehen einkaufen, ich lerne Portugiesisch, Priscila kommt oder auch nicht. Jeder Tag hat vormittags seine kleinen Erledigungen und Aufgaben, die eben gemacht werden müssen. Aurora kocht, wir essen und gehen dann schlafen. Mittagsschlaf, das Recht der Rentner! Nachmittags haben wir dann aber immer so rund 2 Stunden zur Verfügung, bevor es dann an die Abendroutinen geht, die vor allem mit Fernsehen zu tun haben: Nachrichten schauen und einen Film. Ich bekomme zusätzlich noch meine Portugiesisch-Wiederholungen von Babbel serviert.

Auroras Nacht beginnt gegen 9 Uhr. Dann schläft sie ganz plötzlich ohne Vorwarnung ein. Aber das ist auch nötig, denn in der Nacht werden die Katzen munter und Aurora ist die erste Ansprechpartnerin für soziale Kontakte, die die Katzen suchen. Ich selber gehe dann, wenn sie schläft, noch einmal in mein Zimmer, höre Musik, bevor ich mich dann auch in mein Bett zurück ziehe, um dort noch etwas zu lesen. Das ist seit der Erfindung des elektronischen Buches auch ohne Licht möglich. Aurora wird so nicht gestört.

Warum erzähle ich diesen Tagesverlauf? Ich will damit sagen, dass die Routinen so dicht werden, dass sie kaum noch Platz für anderes offen lassen. Lediglich nachmittags sind ein paar Stunden frei, in die ich dann den täglichen Termin legen kann. Sonst ist der Tag verplant. Ich verstehe jetzt die Rentner, die für nichts mehr Zeit haben und mit einem täglichen Termin gut ausgelastet sind. Das Schlimme dabei ist, dass diese Routinen so zeitfressend sind, dass wir nicht einmal dazu kommen, Ausflüge oder Urlaub zu machen. Im Süden sind wir nicht über den Nachbarort Tijucas hinaus gekommen und im Norden nicht über Itajai und Navegantes. Dieses Umfeld hat gerade mal einen Durchmesser von 50 km. Wir brauchen also dringend Besucher aus Deutschland, mit denen wir dann aus den Routinen ausbrechen können und Ausflüge machen. In diesem ersten Jahr in Bombinhas waren leider noch keine da. Möge es bald anders werden.

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