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9. August, Arm

Wie gut wir – damit meine ich Aurora und mich – es doch hier haben: Wir leben in einer recht geräumigen Wohnung über den Dächern von Bombinhas. Uns steht für unsere Unkosten die Summe von mehr als 10 brasilianischen Mindestgehältern zur Verfügung, wobei hier die Höchstgrenze für Renten bei 10 Mindestgehältern liegt. Wir haben ein Auto, können heizen, was besonders heute früh wieder dringend nötig war, können verreisen, uns teure Katzen halten usw. Für uns ist das selbstverständlich. Dabei hatten wir „Glück“, denn wir kommen aus einem reichen Land mit guten Ausbildungsmöglichkeiten, guten Gehältern und sozialer Absicherung. Auch wenn wir in Deutschland sicher nicht zu den Betuchten gehören, sind wir hier doch in einer extrem viel besseren Situation als Menschen gleichen Alters in Brasilien. Das durften wir gestern feststellen, denn wir hatten Besuch von Eva (Ich habe den Namen verändert) aus der evangelischen Gemeinde. Eva war uns aufgefallen, weil sie ausgezeichnet deutsch spricht, fast ohne Akzent. Außerdem hatte sie uns bei dem letzten Gottesdienstbesuch erzählt, wie gerne sie doch in Deutschland gelebt hat und eigentlich leben möchte, was ihr aber leider nicht möglich sei, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung bekäme und auch keinen deutschen Pass, obwohl sie absolut deutschstämmig sei. Die Geschichte wollten wir näher wissen und haben darum Eva eingeladen. Gestern nun trafen wir uns und tranken miteinander Kaffee.

Eva ist in der Nähe von Blumenau geboren. Ihre Urgroßeltern waren im vorvorigen Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert. Ihre Großmutter wurde auf dem Auswanderschiff geboren. So spülte es sowohl die Familie väterlicherseits, als auch die mütterlicherseits in die vor allem von Deutschen bewohnten Gebiete Brasiliens: nach Santa Catarina in die Nähe von Blumenau, eine Stadt, die nach ihrem deutschen Gründer benannt worden war. Hier begannen die fleißigen Urgroßeltern, eine Landwirtschaft aufzubauen. Die Kinder wurden früh in den Arbeitsbetrieb aufgenommen. Ebenso erging es deren Kindern und den Enkeln und Urenkeln, also auch Eva, die in ihrer Kindheit wenig Schule gesehen hat. Sie wuchs auf dem Land in ihrem heimischen Bauernhof auf, ging wenig zur Schule, verstand es zu arbeiten, wurde ordentlich erzogen und lernte als Alltagssprache Deutsch in der hier eigenen Version, bei der jedes dritte Wort Portugiesisch ist, die Syntax jedoch deutsch bleibt. Das Lesen beherrschte sie kaum, ebenso wenig wie das Schreiben. Aber sie ist keineswegs dumm, sondern einfach nur schlecht ausgebildet. Immerhin gelang es ihr, bei Siemens eine gute Arbeit zu finden. Über Siemens kam sie auch nach Deutschland, um dort in München zu arbeiten. Als ihr Arbeitsvertrag abgelaufen war, wollte sie nicht zurück nach Brasilien, denn sie lebte sehr gerne in München. Also begann sie, dort weiter schwarz zu leben. 10 Jahre lang hat sie sich als Kindermädchen durchgeschlagen, konnte von ihrem Lohn eine kleine Wohnung mieten, gut davon leben, wobei sie von der Neigung auch prominenter Mitbürger profitierte, für die eine illegal Angestellte damals allemal attraktiver war als eine legal angestellte Mitarbeiterin. Diese für sie goldene Zeit endete durch einen Trick des letzten Arbeitgebers, der ihr sagte, sie müsse jetzt – gerne auf seine Kosten – nach Brasilien zurück, um dort ihre Papiere in Ordnung zu bekommen. Zwei Monate hatte sie dort schon gearbeitet, als sie mit einem gültigen One-Way-Ticket an den Flughafen gebracht wurde und nach Brasilien flog. Sie hat ihre Papiere hier nicht in Ordnung bringen können, hat aber auch vom Arbeitgeber weder was gehört, noch ihren Lohn erhalten, der wahrscheinlich mit der Flugkarte verrechnet wurde.

Inzwischen ist Eva 61 Jahre alt und lebt bei einem Mindestgehalt hier in Bombinhas, wo wir sie oft im Gottesdienst sehen. Sie jobbt ein wenig, nimmt, was sie bekommen kann. Das Mindestgehalt beträgt netto 775 Reais. Allein die Miete ihres kleinen Häuschens am Rande von Bombinhas kostet sie 500 Reais. Es bleiben also nur 275 Reais zum Leben, wobei davon noch Strom und Gas abgezogen werden. Das sind rund 92 Euro. Sie hat ihr ganzes Leben mit sehr wenig Geld gelebt. Wie nur wird es werden, wenn sie älter und kränker wird? Sie war nie verheiratet, hat keine eigenen Kinder, nur einen Bruder in Blumenau.

Wir haben erst einmal vereinbart, dass wir mal schauen werden, wieso sie als Deutschstämmige illegal in Deutschland leben musste, wieso es ihr nicht gelang, einen deutschen Pass zu bekommen, selbst wenn ihre deutsche Abstammung lückenlos belegt werden kann. Viel helfen würde ihr allerdings ein deutscher Pass nicht, und ich bin nicht sicher, ob sie in Deutschland über die Grundsicherung jemals hinaus käme. Sie selber ist unrealistischer Weise sicher, sich auch als über 60-Jährige durch Kinderhüten ernähren zu können.

Evas Schicksal ist kein Einzelfall. Viele Menschen leben hier mit einem für uns unglaublich niedrigen Einkommen, auch sehr viele Deutschstämmige. Das liegt oft an mangelnder Schulbildung, die auf dem Lande nicht im Blick der Menschen war. Die Kinder wurden in Armut ordentlich erzogen. Und so passiert hier auch nicht das, was wir in Deutschland so oft erleben, nämlich dass man Armut sofort am Verhalten und Aussehen der Menschen erkennt. Wir hätten die Armut bei Eva nicht vermutet. Sie hat ihr die Würde nicht genommen, hat sie in keine Armutskultur abgedrängt. Sie macht das Beste daraus. Für mich bleibt natürlich die Frage, wie man hier helfen kann, ohne die Würde zu verletzen. Gerne würde ich ihr einen Minijob geben für 100 Reais im Monat, doch ich weiß nicht was. Zunächst bleibt eine tiefe Nachdenklichkeit und Dankbarkeit für die Lebensbedingungen, die wir genießen dürfen, zurück.

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