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13. August, Abschluss

Ein Jahr lang habe ich nun das Erlebnisbuch geführt. Welch ein Jahr für mich! Am Anfang stand der Abschied aus meinem Berufsleben, der Abschied von Frankfurt, meinen Freunden dort, aber auch von den Pflichten. Abschied von 34 Jahren gelebten Lebens in einer Stadt. Niemals hatte ich so lange an einem einzigen Ort gelebt. Würde es mir schwer fallen, die hier geschlagenen Wurzeln zu kappen? – Ich hatte den Verdacht, dass es nicht schwer werden würde, was sich nur teilweise bestätigt hat. Denn mit sehr vielen Menschen in Frankfurt bin ich noch immer verbunden durch sehr viele Briefe, Emails und Anrufe. Heute früh gab es z.B. wieder ein sehr nettes Telefonat mit Frau Ehrenhardt aus der Blindenarbeit mit einem langen Austausch. Manchmal habe ich den Eindruck, als wäre Bombinhas nur ein weit abgelegener Stadtteil von Frankfurt. Und dass wir hier in einem Haus leben, das „Frankfurt“ heißt, tut sein Übriges dazu. Abschied auch von der Familie. Wirklich? Ich glaube, in meinem ganzen Leben war meine Bindung zu den Geschwistern so eng wie jetzt. Sie wissen dank des Erlebnisbuches gut über mein Leben Bescheid und sie haben ebenfalls begonnen, in einem engeren Takt als einmal jährlich zu Weihnachten Botschaften an alle Geschwister zu schicken, in denen es um ihr Erleben und Ergehen geht. Hinzu kommt eine nie geahnte Beziehung zu meiner jüngsten Schwester Monika. Früher haben wir uns geschwisterlich gezankt, sind uns auf die Nerven gegangen, haben uns zeitweilig gerne von hinten gesehen. Aber das hat sich total geändert, denn auch sie hat es in diesem Jahr geschafft, in den Ruhestand zu gehen. Ich bewundere sie, dass sie als Hauptschullehrerin so lange durchhielt bei den schwierigen Arbeitsbedingungen. Und statt sich um Jugendliche zu kümmern, kümmert sie sich jetzt um meine Angelegenheiten in Deutschland. Damit hat sie auch gut zu tun. Denn es war und ist viel zu richten und im Auge zu behalten. Es dauerte, bis die Rente und Pension einigermaßen zuverlässig lief. Gerade heute kam wieder ein Schreiben, dass ich bestätigen soll via Einwohnermeldeamt, dass ich noch lebe. Und heute hatte ich wieder ein nettes Gespräch via Skype mit ihr. So ist sie mein Standbein in Deutschland geworden, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ich glaube, dass niemand sonst dazu auf gleiche Weise in der Lage gewesen wäre. Sie ist so mein Alter-Ego in Deutschland geworden – und das hätte ich so niemals für möglich gehalten. Das ist ein unerwartetes Wunder!

Vor einem Jahr lag der Umzug noch vor uns. Immerhin ahnte ich, dass es letztlich gut werden würde, denn in Bombinhas hatte ich mich zumeist sehr wohl gefühlt und nach einem der jährlichen Besuche getrauert, wieder ein Jahr bis zum nächsten Besuch warten zu müssen. Allerdings hatte ich auch Zeiten hier erlebt, in denen ich wirklich kämpfen musste mit Behörden und Handwerkern, mit Maurern und widrigen Bedingungen. Also selbstverständlich war ein gute Ankommen und Leben bei aller positiven Erwartung dennoch keineswegs.

Der Umzug war zwar „eingetütet“ und gut vorbereitet. Aber ob die Katzen, die Aurora und mir am Herzen liegen, das alles gut überstehen würden? Wie würde es dann mit meinem Sprachstudium werden? Würde mein Gehirn, das eher auf Predigen als auf Sprachstudium getrimmt war, diese Herausforderung meistern? Auch Auroras Sorgen um die neue Wohnung, die ich mir sehr viel besser als sie eingerichtet vorstellen konnte, waren greifbar.

Der Abschied war dann doch leichter für mich als gedacht, was wohl an der Vorfreude auf das neue Leben lag. Der Abflug von Frankfurt mit dem One-Way-Ticket war begleitet und gut. Der Flug selber eher schwierig, jedoch im Nachhinein durchaus ein gutes Erlebnis bei aller Widrigkeiten. Das Ankommen im Zwischenbereich war auch in Ordnung. Viel Arbeit war noch zu machen bis zum Eintreffen des Containers. Wir bekamen mehr Zeit als uns damals lieb war. Und dann kam der Container und die neue Wohnung füllte sich mit Kisten, Kartons, Möbeln und Verpackungen, so dass Aurora verzweifelte. „Vor Weihnachten sind wir nicht einmal annähernd fertig!“ meinte sie. Wie gut hat es sich gefügt, dass sie schon eine Weile vorher einen Aufenthalt in São Paulo geplant hatte, so dass ich ein verlängertes Wochenende hatte, um ohne ihre Bedenklichkeiten für Ordnung zu sorgen. Als sie dann heim kam, war das Schlafzimmer schon in einem bewohnbaren Zustand. Nur im Wohnzimmer standen noch restliche Kartons mit Sachen, die vor allem in die Küche gehörte. So waren wir schon an Advent in einer einigermaßen guten Ordnung angekommen, waren schon seit einer Woche wohnhaft in der neuen Wohnung. Uff! Welch eine aufregende und aufgeregte Zeit! Jetzt hätten wir die Stille der Adventszeit gut brauchen können und wurden recht unangenehm durch den einsetzenden Lärm überrascht, der in der Weihnachts- und Silvesterknallerei seinen überaus nervenden Höhepunkt fand. Wir schotteten uns ab so gut es ging.

Es folgte die heiße Jahreszeit im Januar. Jetzt war es zwar leiser geworden, jedoch wochenlang so heiß draußen, dass man sich ab 10 Uhr kaum noch draußen aufhalten konnte. Aber es wirkten schon die Luxuseinrichtungen der neuen Wohnung: der Pool und die Rollläden, die Klimaanlagen und die guten, neuen Kühlschränke. Nach Karneval, das noch einmal ein Höhepunkt an Lärm war, wurde es dann still um uns herum und angenehm. Wir lernten mehr Menschen kennen, genossen die Ruhe, wobei sie für mich bekömmlicher als für Aurora ist. Denn Aurora vermisst die städtischen Angebote wie Kurse, in denen sie etwas lernen kann, Austausch- und Treffmöglichkeiten mit anderen Menschen, denn Bombinhas ist in der Tat eine Art Dorf. Es gibt hier keine Infrastruktur. Zwar fahren Busse, doch weiß niemand, wann sie fahren. Es gibt kein Zentrum, kein Kino, keine Bibliothek. Das Internet ist die einzige Möglichkeit zur Information und zur Bildung, aber auch zu Kontakten. Übers Internet sehen wir deutsches Fernsehen. Unser Abend beginnt dank der Zeitverschiebung mit den Tagesthemen oder dem Heute-Journal, das in Deutschland unsere Abende eher beschloss. Das Sehen ist hier wegen der unsteten Qualität des Internets zwar schwieriger und eintöniger, aber dennoch durchaus zufriedenstellend. Bemerkenswert ist, dass wir lediglich Alltags-Eigenproduktionen der Öffentlich Rechtlichen sehen können. Das sind sowohl Dokumentationen als auch Krimis wie den Tatort. Die dort engagierten Schauspieler kennen wir inzwischen gut. Matthias Brandt ist uns vom Sehen her vertrauter noch als sein Vater Willy. Mal sind die Kommissare in anderen Filmen die Verbrecher, Kommissar Stolberg ist gleichzeitig der Lebensgefährte der Kommissarin Bella Block und mit der Kommissarin Lucas samt ihrer durchgeknallten Schwester, gespielt von Anke Engelke, streifen wir durch die Gassen von Regensburg, der neuen Heimat meines ältesten Bruders quasi im Off Bayerns.

Wenn ich nun auf das alles, was ich erlebt habe und was sich hier getan hat, zurück blicke, konstatiere ich, dass es der Mühe mehr als wert gewesen ist. Ich blicke auf mein glücklichstes und zufriedenstes Jahr meines Lebens zurück. Bombinhas ist ein Ort, den ich erst einmal nicht mehr verlassen möchte, schon gar nicht unsere inzwischen fertige und sehr bequeme Wohnung, auch wenn sie manchmal mit Überraschungen wie dem Schimmel aufwartet. Wir aber haben das alles im Griff. Zuerst war es Aurora, die alleine mit den Widrigkeiten kämpfen musste. Inzwischen ist Priscila dazu gestoßen, die jung und tatkräftig Aurora stark entlastet und unser Leben noch sorgenfreier werden lässt. Hinzu kommt, dass wir uns weiter bester Gesundheit erfreuen. Ich bin frei, kann über meine Zeit verfügen, habe für die hiesigen Verhältnisse ein sehr gutes Auskommen, komfortable Lebensbedingungen und inzwischen viele Menschen kennengelernt, die ich mag und die mich mögen. Meine Sprachkenntnisse sind ebenfalls so, dass ich durchaus einfache Gespräche führen kann. Mit meiner argentinischen Lehrerin kann ich mich sogar schon über Theologie und Philosophie unterhalten. Aurora und ich sind in Bombinhas bekannt und gern gesehen. Ich bin hier angekommen! Aurora leider nicht ganz so gut, weil sie die Stadt mit ihren Angeboten vermisst.

Der Alltag mit seinen Schönheiten – ja, so stellt es sich mir dar – hat uns inzwischen eingeholt. Die Einträge im Erlebnisbuch wurden seltener.

Wie geht es nun weiter? – Ich denke, wir werden beginnen, mehr zu verreisen. Dank Priscila müssen wir uns um die Katzen keine Sorgen machen. Brasilien ist groß und es gibt viel zu entdecken. Auch werden wir wohl ab und zu mal Besuch aus Deutschland bekommen. Als erste hat sich eine Freundin aus Frankfurt für Anfang Oktober angemeldet.

Meine Sprachstudien werden weiter gehen, bis ich endlich sattelfest im Portugiesischen werde. Danach habe ich mir vorgenommen, mein Schulwissen in Mathematik aufzubessern, um mir eine Grundlage zu schaffen für ausführliche Informatikstudien.

Es wird also auch in Zukunft nicht langweilig. Und wer Lust hat, uns in unserer neuen Idylle zu besuchen, sei uns herzlich willkommen.

So danke ich für alles Interesse an Aurora, den Katzen und mir und die Treue beim Lesen des ausführlichen Erlebnisbuches.

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