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Dienstag, 30. September: Werte

Am letzten Sonntag meines Besuches in Deutschland hielt ich einen Gottesdienst in der Andreasgemeinde. Bei der Predigt ging es vor allem um den unterschiedlichen Umgang miteinander in Deutschland und in  Brasilien. Dabei stellte ich fest, dass man in Deutschland eher geneigt ist, den Anderen zurecht zu weisen im Namen der Wahrheit und der Aufrichtigkeit, während man in Brasilien eher dazu neigt, auf keinen Fall den anderen zu verletzen, selbst wenn man dabei manchmal nicht ganz aufrichtig und wahrhaftig ist, vielleicht sogar zu einer Lüge greift. Die Werteskala dessen was wichtig ist, geht also in beiden Ländern auseinander. In Deutschland würde ich die Werteskala für den Umgang miteinander folgendermaßen einschätzen: Aufrichtigkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit, Eindeutigkeit. In  Brasilien sehe ich die Werteskala anders: Liebenswürdigkeit, Vertrauen wecken, unverbindliche Räume der Begegnung schaffen. Beide Werteskalen können einander gut kritisieren. Die Deutschen können den Brasilianern entsprechend ihrer eigenen Werte vorwerfen, dass sie oberflächlich, unaufrichtig, nicht durchschaubar sind, während die Brasilianer den Deutschen vorwerfen können, dass sie sich kaltherzig, kaltschnäuzig und menschenverachtend dem anderen gegenüber verhalten. Und dann könnten sich beide Parteien vortrefflich streiten, sich widerlegen und angreifen. Und wer hat Recht? – Ich denke, niemand, denn wir alle haben eben unterschiedliche Werte und urteilen von diesen unterschiedlichen Werten aus. Alle Urteile setzen diese unsere Werte voraus, um dann zu dem Ergebnis zu kommen, dass unsere Werte die besseren sind. Allerdings haben diese Urteile keinen Sinn, denn sie sind samt und sonders Tautologien, in denen das zu Beweisende oder zu Zeigende eben das erzielte Ergebnis zur Voraussetzung hat. Also sind Urteile oder Bewertungen lediglich kulturelle Erscheinungen, die in sich weder gut noch böse, weder richtig noch falsch sind, sondern von der jeweiligen Kultur abhängig.

Wie kommt es zu solch kulturell unterschiedlichen Verstehens- und Handlungsweisen? Im Grunde sind sich doch alle Menschen recht ähnlich. So ist jedes Individuum für sich wie ein kleines Universum. Die Gesetze dieser Universen werden durch die menschliche Natur vorgegeben: Das Denken ist räumlich dreidimensional. Dazu kommt noch die Dimension der Zeit. Wir haben einen Körper mit seinen vielen Bedürfnissen, die dieses mein Universum stark determinieren. Ich schätze, dass rund 95% unserer „Individualität“ durch biologische Bedingungen vorgegeben wird und nur noch 5% für die beeinflussbare Entwicklung übrig bleiben. Diese 5% werden dann geprägt durch Begegnungen mit anderen Universen (Menschen) und mit der Umwelt samt der Verarbeitung dieser Begegnungen. Wir werden erzogen, machen Erfahrungen, werten sie aus, bauen sie in unser Weltbild und unsere Werteskala ein (lernen!), legen diese Erfahrungen neuen Erfahrungen zu Grunde (hermeneutischer Zirkel) und sind so im besten Fall stetig Lernende. Es gibt ständig Impulse, die im eigenen Universum wie in einer Maschine verarbeitet werden, um schließlich in Form eines Outputs wieder zum Vorschein zu kommen. Diese Outputs werden dann wiederum zu Impulsen für andere, die diese dann ebenfalls zu Outputs verarbeiten – je nach Beschaffenheit des eigenen Universums.

In diese Begegnungsprozesse fließen natürlich auch störende Faktoren wie schlimme Erfahrungen und Begegnungen ein. Neurosen bis zu Psychosen können die Deutungen der Wahrnehmung beeinflussen, machen sie manchmal geradezu wahnwitzig. Ich selber muss mich zur Vernunft rufen, nicht bei jedem, mir missliebigen Menschen ein Alkoholproblem zu entdecken, weil ich einmal mit einer Alkoholikerin verheiratet war, durch die ich manche seelischen Macken abbekommen habe, die ich bei mir selber als neurotisch einstufe. Dazu gehört allerdings, dass ich mir meiner Neurosen und Macken bewusst werde und wie sie meine Wahrnehmung meiner Umwelt und meiner Mitmenschen prägen. Selber habe ich mir darum vorgenommen, lieber keinem Menschen meine Einschätzung seiner Person zu sagen, weil sie sowieso nur sehr subjektiv ist, nämlich geprägt durch mein Universum. Also – so meine Folgerung – halte ich lieber die Klappe, auch wenn mir was nicht passt. Wenn aber meine eigene Wertung nicht ausgesprochen werden darf, wird sie bedeutungslos, weil sie nicht mehr zu einem Output wird. Ich selber habe dann die Möglichkeit, mich von meinen eigenen negativen Urteilen innerlich auffressen zu lassen, oder diese Urteile wegen Bedeutungslosigkeit schlicht und einfach nicht mehr zu fällen. Dann quälen sie weder andere noch mich.

Wir sind also gut beraten, anderen Menschen nicht mit unserem eigenen „Rucksack“ an Erfahrungen und Lernerfolgen zu begegnen, wenn wir sie verstehen und ihnen gerecht werden wollen. Das andere Universum ähnelt zwar meinem in der Arbeitsweise, weil wir eben alle Menschen sind, jedoch sind die Outputs sehr verschieden. Ich erkläre zwei Frauen, dass ich sie liebe. Die eine schreit: „Er will mich vergewaltigen!“, die andere säuselt: „Ich dich auch!“.So unterschiedlich kann derselbe Input als Output aus dem anderen „Universum“ wieder heraus kommen. Beide drücken ihre subjektive Wahrheit aus, beide haben ihre innere Logik und beide werden von mir als Input wahrgenommen und in meinem „Universum“ bearbeitet.

Die Folge für mich als Seelsorger und als Nächster ist, dass ich versuche, jedes Universum aus sich selber zu verstehen, indem ich einfach hinschaue, mir seine Energie bewusst mache, mich dafür öffne und mein eigenes Universum so weit wie möglich beiseite zu schieben. Ich muss leer werden, um die Fülle des anderen ahnen zu können. Nicht meine Werte, sondern die des anderen werden ergründet, jedoch nicht bewertet. Verstehen geht vor Urteilen!

Wenn es eine Bewertung gibt, dann kann sie nur auf Widersprüchlichkeit in sich selber erfolgen. Eine Regel zur Enttarnung dieser Widersprüchlichkeiten ist die Goldene Regel: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“. Diese Goldene Regel gibt es in fast allen Religionen und Ethiken, denn sie misst eigenes Verhalten lediglich an sich selber und den eigenen Werten. Wenn ich dem anderen „einschenke“, bin ich dann auch bereit, selber „eingeschenkt“ zu bekommen? Ich denke, dass hier das Problem für die „deutsche Werteskala“ liegt, denn man ist im Namen der Wahrheit und Aufrichtigkeit gerne bereit, dem anderen einzuschenken, wobei man sich der Subjektivität der Wahrheit nicht bewusst ist. Gerne gebe ich meine Wahrheit weiter, auch wenn es den anderen verletzt. Gleichzeitig möchte ich auf keinen Fall, dass mir der andere seine Wahrheit über mich um die Ohren haut, weil ich das selbstverständlich nicht verdiene. Austeilen, aber nicht einstecken. So ist die Goldene Regel wohl das größte Problem der deutschen Werteskala, während sie bei der brasilianischen Werteskala leicht einzuhalten ist. Denn niemand möchte den anderen verletzen und sei es auf Kosten der von mir so empfundenen Wahrheit und Aufrichtigkeit. Letzteres hingegen kann man seitens der Aufrichtigen den Brasilianern – und auch oft den US Amerikanern – vorwerfen: Alle Beziehungen bleiben oberflächlich, weil man sich ja doch nur immer nur lieb hat.

Na ja, so kommt die Diskussion zugange. Jeder kommt zu dem Ergebnis, zu dem er kommen möchte.

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