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Sonntag, 5. Oktober 2014, Wahl, Teil 1

Heute ist Wahl. Also in Deutschland ist das eine relativ einfache Sache: Wer berechtigt zum Wählen ist und Lust dazu hat, der geht in ein nahe gelegenes, vorher mitgeteiltes Wahllokal und kreuzt dort die Listen oder Kandidaten an, die man gerne in den jeweiligen parlamentarischen Vertretungen sehen möchte. Nun ist kein Ding so einfach, dass es hier in Brasilien nicht kompliziert gemacht werden kann. Das gilt auch für die Wahl.

Gewählt wird heute der Präsident, die Abgeordneten des nationalen Parlaments, die Senatoren, die eine Art zweiter Kammer, die Gouverneure der Bundesstaten und die Parlamente der Bundesstaaten. Es wird also alles, was sich oberhalb der kommunalen Ebene befindet, neu gewählt. In Deutschland wäre es, als fiele Bundestags- und Landtagswahlen aller Bundesländer auf einen Wahltermin zusammen.

Gewählt werden vor allem Personen, aber auch möglicherweise Parteien. Es gibt viele Parteien in Brasilien, deren Programm oft nicht bekannt, oft auch sehr ähnlich anderer Parteien und manchmal auch einfach nur quasi den „Hof“ eines Potentaten ist. Man sieht keine Partei-Wahlplakate, sondern immer nur sehr vertrauenserweckende – ich finde: zu vertrauenserweckende – Menschen auf den Wahlplakaten. Und auf diesen Plakaten steht dann eine Nummer, die einer Telefonnummer ähnelt. Viele dieser Personen sind ziemlich schräg drauf: Clowns oder Komiker oder bekennende Antipolitiker. Dennoch werden etliche von ihnen in die Parlamente gewählt nach der Devise: lieber einen harmlosen Trottel, als einen gefährlichen, korrupten Trottel.

WahlplakateWahlwerbezettel auf dem Boden
WahlplakateWahlwerbezettel auf dem Boden

Von einem inhaltlichen Wahlkampf habe ich nichts wahrgenommen, wohl aber viele Autos rumfahren sehen, auf denen eins jener freundlich lächelnde Gesichter samt Nummer steht. Für was dieser Mensch steht, kann man so nicht in Erfahrung bringen. Aber vielleicht geht es da denen, die Portugiesisch besser beherrschen, anders. Richtigen Wahlkampf habe ich nur bei den Kandidaten für das Präsidentenamt erlebt, die sich im Fernsehen beharkt haben, wie das auch in den USA und jetzt auch in Deutschland üblich ist.

Die Kandidaten für das Präsidentenamt kommen zwar aus einer Partei, jedoch ist damit nicht gesagt, dass sie den größten Parteien angehören. Die größte Partei z.B., die PMDB, sieht sich vor allem als Mehrheitsbeschafferin. Ihr Programm, meint Aurora, sei vor allem, Posten mit guten Gehältern und Status aber möglichst wenig Verantwortung für ihre Führungsschicht zu erobern. So tritt sie für die Kandidaten der zweitgrößten Partei, der PT, nämlich von Dilma Roussef, die bekanntlich jetzt schon Präsidentin ist, ein. Ihre größte Konkurrentin ist Marina, die einer Splitterpartei, den Grünen, angehört. Allein das zeigt schon, wie schwierig es ist, sich mit den Parteien auszukennen. Aber es werden ja auch nicht in erster Linie Parteien, sondern Persönlichkeiten in die jeweiligen Kammern und Posten gewählt. Und das macht die Sache noch schwieriger, denn wer weiß schon, ob dieser Mensch wirklich das im Parlament vertritt, wofür ich ihn gewählt habe. Es ist also ausgesprochen schwierig, seiner Meinung durch die Wahl Ausdruck zu verleihen. Aurora findet eine Partei besonders gut, die PSDB. Das sind die Sozialdemokraten. In ihr waren immer Leute, die ihr Vertrauen fanden und die sich bewährt haben. Es gab keine oder kaum Korruption bei denen und darum wäre es gut, wenn die, die in dieser Partei sind, in die jeweiligen Parlamente kämen. Sie wird also ähnlich wie in Deutschland die Partei wählen, die dann die Stimmen ihren Kandidaten zuschustert. 45 ist die Nummer der PSDB. Sowas ist also neben der Persönlichkeitswahl auch möglich.

In Brasilien herrscht Wahlpflicht – wie damals in der DDR. Wie in Brasilien üblich, wird dann die Bevölkerung verpflichtet, dieser Pflicht auch wirklich nachzukommen. Hilfestellungen durch den Staat wie etwa Wahlbenachrichtigungen gibt es nicht. Wir mussten selber herausfinden, wo das Wahllokal ist. Auch musste Aurora beizeiten dort sein, weil es mit Sicherheit lange Schlangen dort geben wird. Das Wahlverfahren ist kompliziert und nimmt Zeit in Anspruch. Eine Briefwahl gibt es nicht. Wer sich heute nicht an seinem Wohnort befindet, muss sich bei einer besonderen Stelle an seinem Aufenthaltsort einfinden, um dort wenigstens den Präsidenten zu wählen und einen Schein zu erhalten, dass man gewählt hat. So hat es Aurora gemacht, als sie noch in Frankfurt lebte. Sie ging zum Konsulat und hat dort gewählt. Denn wer nicht wählt, bekommt irgendwann Schwierigkeiten, wenn man sie am wenigsten braucht. Mich erinnert das Verfahren an die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2, wo zum Zensus jeder in die Stadt seiner Herkunft gehen sollte. Hier müssen alle zu ihren Hauptwohnsitz wählen. Bombinhas ist darum derzeit ziemlich leer, weil alle brasilianischen Touristen daheim sind. Das ist gut für Carlos und seine deutschen Begleiter, die ein ruhiges Haus vorfinden.

Brasilien ist ein fortschrittliches Land. Deswegen wird nicht mit Stimmzetteln, sondern mit Wahlmaschinen abgestimmt. In den Wahlkabinen befinden sich also Tableaus mit Ziffern drauf. Hier tippt man die Nummer des Kandidaten oder der Partei ein, die auf allen Plakaten zu finden ist, und sieht dann auf einem Bildschirm, wen man gewählt hat. Dann die Taste „Enter“ drücken und diese Wahl ist passiert. Die Prozedur wiederholt sich, bis alle Wahlen erledigt sind.

Nun ist es so, dass die Präsidenten eine absolute Stimmenmehrheit brauchen, also 50% der Stimmen. Die ist im ersten Wahlgang nicht wahrscheinlich. Darum wird die ganze Prozedur noch einmal in zwei Wochen wiederholt, wobei dann die beiden mit den meisten Stimmen aus dem ersten Wahlgang gegeneinander antreten.

Was ich jetzt schreibe, ist meinem augenblicklichen Kenntnisstand zuzuschreiben. Vielleicht ist es noch ganz anders. In 4 Jahren, wenn wieder gewählt wird, werde ich klüger sein – vermute ich.

 

Die Wahl selber spielte sich folgendermaßen ab:

Nach einem langen Skype-Gespräch mit meiner Schwester Monika machten wir uns auf den Weg zur nahe gelegenen Schule. Viele Autos standen schon davor. Ebenso viele Zettel mit Namen samt Nummer lagen herum, Menschentrauben hatten sich gebildet. Wir betraten den Schulkomplex und fanden dort eine Menge von Menschen. An Biertischgarnituren saßen etliche und füllten Zettel aus. „Das sind die Auswärtigen, die also nicht hier wohnen!“ Sie müssen also Zettel ausfüllen und dann in ein bestimmtes Klassenzimmer gehen, an dem folglich auch die längste Schlange stand. Aurora hat einen Wahlausweis, an Hand dessen sie feststellen konnte, in welches Klassenzimmer sie zu gehen hat. Wir hatten Glück und kamen an einen Raum, an dem niemand sonst stand. Drinnen sah es eigentlich wie bei uns aus: Da saßen 4 Wahlhelfer an einem Tisch, während zwei Wahlhelfer als Wächter an der Tür standen. Ich durfte eintreten, aber dort nur im Eingangsbereich sein, nicht fotografieren, keine unpassenden Kommentare abgeben und mich für die Prozedur interessieren, während Aurora an den Tisch trat, ihren Wahlausweis und Personalausweis vorzeigte, um dann die einzige Wahlkabine zu betreten. Diese Wahlkabine war ein Schultisch, auf dem die Wahlmaschine stand, die von einem Pappschutz abgedeckt wurde. Von der Wahlmaschine führte ein Kabel zur nächsten Wahlhelferin an dem Tisch, die, bevor Aurora wählen durfte, zunächst ihre Wahlnummer eingab, die auf dem Wahlausweis vermerkt ist. Jetzt schritt Aurora feierlich zu Wahl, tippte Nummern in, die die Maschine mit einem kurzen Tidelit beantwortete. Und nachdem sie damit fertig war, ertönte ein abschließendes Tidelidelit und Aurora kam erleichtert aus der Kabine heraus. Übrigens war ihr bei der Präsidentenwahl die Nummer ihres Kandidaten entfallen. Gott sei Dank war hinter der Kabine eine Liste mit allen Kandidaten samt ihrer Nummer aufgehängt. Man braucht lediglich gute Augen, um die kleine Schrift zu lesen. Aurora hat es geschafft, und die richtige Person – meint sie – eingetippt. Der Automat hat brav „Tidelit“ gesagt und alles war gut.

viele Autos vor dem WahllokalDer Eingang
viele Autos vor dem WahllokalDer Eingang

Aurora geht festen Schrittes zur Wahldie Auswärtigen müssen hier Papiere ausfüllen
Aurora geht festen Schrittes zur Wahldie Auswärtigen müssen hier Papiere ausfüllen

Hinter jeder Tür ist Wahllokal
Hinter jeder Tür ist Wahllokal

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