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Montag, 6. Oktober 2014, Wahl, Teil 2

Die Auszählung der Stimmen hat mich etwas kundiger gemacht. Ich folge ihr durch den Internetauftritt der von Aurora geliebten Tageszeitung Estadão, die in São Paulo erscheint. Das Erstaunliche ist, dass hier die Zahlen minütlich korrigiert wurden, wobei sich die Prozentzahl der ausgezählten Stimmen, die tatsächlichen Stimmen insgesamt und die für die jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten langsam nach oben schraubten. (Übrigens ist es hier üblich, die Kandidaten lediglich mit dem Vornamen zu kennen. Da gefühlt 50% der Bevölkerung da Silva [vom Walde] heißt, ist das auch sinnvoll, denn bei den Vornamen gibt es eine unendliche Variationsbreite, denn selbst „Müller“, „Schuhmacher“ oder „Merkel“ wird hier als Vorname anerkannt.)

Meine erste Feststellung war, dass es sowohl für die Präsidenten, als auch für die Gouverneure Stichwahlen geben muss, wenn niemand die 50%-Marke knackt. Außerdem fällt mir auf, dass es in den Ergebnislisten lediglich um Namen von Personen, die gewählt wurden, handelt, wobei die Parteien, denen sie angehören, erst danach genannt werden. Angegeben werden die Namen der für 4 Jahre gewählten Abgeordneten sortiert nach Bundesland. Und so sieht z.B. der Anfang der Liste der Parlamentsabgeordneten aus Santa Catarina, dem Bundesland, in dem Bombinhas liegt, aus (Santa Catarina entsendet übrigens 16 Abgeordnete in das Bundesparlament):

1º Esperidião Amin / PP 6,80% (229.668)
2º João Rodrigues / PSD 6,56% (221.409)
3º Mauro Mariani / PMDB 5,80% (195.942)
4º Jorginho Mello / PR 4,17% (140.839)
5º Peninha / PMDB 4,08% (137.784)
6º Pedro Uczai / PT 4,01% (135.439
7º  Marco Tebaldi / PSDB 4% (135.042)

Ähnlich stellt sich die Liste der Abgeordneten der Länderkammer dar.

Diese Listen machen deutlich, wie personenfixiert die Wahl ist. Die Parteienzugehörigkeit besagt lediglich, in welche politische Richtung ein Abgeordneter denkt, jedoch kann er auch gerne mal die Partei wechseln oder eine neue Partei gründen, ohne um sein Mandat fürchten zu müssen. Der Vorteil ist, dass die Abgeordneten wesentlich unabhängiger sind als in Deutschland, wo sie zumeist nur im Block oder für einen Block, nämlich ihre Partei, auftreten. Diese Unabhängigkeit aber ist auch ein Problem, weil in ihr der Korruption und dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Es ist schwierig, Mehrheiten zu finden in einem Parlament, in dem lauter sehr selbstbewusste Persönlichkeiten sitzen. So ein Abgeordneter oder Senator hat Macht und kann einem die Suppe kräftig versalzen oder auch erst genießbar machen. Alles hat seinen Preis.

Was ist nun aus Auroras Stimme für die PSDB geworden? Sie weiß es nicht, ich weiß es nicht. Irgendwem ist sie wohl zugeschlagen worden.

 

Nun zu dem Ergebnis:
Gewählt wurden in 5 Wahlen der Präsident, die Gouverneure der 27 Bundesstaaten, die Abgeordnetenkammer mit 513 Abgeordneten, der Senat mit 81 Senatoren und die Bundesparlamente der einzelnen Bundesstaaten.

Es gibt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Im Norden, das ist Amazonien und der arme Nodosten, wurden vor allem Dilma und die PT gewählt, während im industrialisierten Süden vorrangig der sozialdemokratische Kandidat Aécio zum Zuge kam. Ausnahme macht da ein kleiner, bei uns unbekannter Staat im äußersten Norden Brasiliens namens Rondônia, der eher wie der Süden abstimmte. Dagegen stimmte der südlichste Staat Brasiliens, Rio Grande do Sul, eher wie der Norden ab. Es gibt eben keine Regel ohne Ausnahmen.

Zur Präsidentenwahl, die folgendermaßen ausging: Dilma mit 41,59%, Aécio mit 33,55% und Marina mit 21,32%. Bei uns in Santa Catarina hat Aécio fast 53% der Stimmen bekommen, während für Dilma nur knapp 31% gestimmt haben. Aurora, die bekanntlich Anhängerin der Sozialdemokraten ist, müsste eigentlich mit diesem Bundesland sehr zufrieden sein. Das ist sie aber nicht, weil man hier in allen anderen Wahlen keineswegs in ihrem Sinne abgestimmt hat.
Überraschend fand ich, dass die bis vor kurzem noch als neben Dilma hoch gehandelte Marina ziemlich abgeschlagen an 3. Stelle landete. Nicht einmal in ihrem Heimatstaat Amazonien hat sie besonders gut abgeschnitten. Aurora meint, dass das an einer von Dilma zu verantwortenden Verleumdungskampagne lag. Dilma hat die Sozialhilfe eingeführt. Jetzt behauptete sie, dass Marina diese Sozialhilfe wieder einstampfen wolle, was letztere bestritt, jedoch wohl nicht glaubhaft genug. Lachender Dritter dieses „Zickenkriegs“ ist also Aécio, der nun bei einem zweiten Wahlgang gegen Dilma antreten wird.

Die einzige Wahl, bei der nicht alle neu gewählt wurden, ist die Senatorenwahl. Hier wurde nur 1/3 der Senatoren neu gewählt. Aurora weiß nicht, wie die anderen Senatoren an ihr Mandat kommen. Und wenn Aurora das nicht weiß, weiß ich es schon gar nicht. Vermutlich dauert die Amtszeit eines Senators 12 Jahre, so dass bei jeder Wahl 1/3 neu gewählt wird.

Beim Wahlergebnis fällt die Rivalität zwischen São Paulo und Rio de Janeiro sehr ins Auge. Geographisch sind sie quasi Nachbarstädte, aber ach wie unterschiedlich! In São Paulo lebt man, um zu arbeiten und in Rio arbeitet man, um zu leben. Klingt wie 1 : 0 für Rio, aber das Bruttonationalprodukt Brasiliens wird in São Paulo erarbeitet, nicht in Rio erfeiert. São Paulo wählt eher in Auroras Sinn, denn sie ist im Herzen eine Paulista. Ihr Kandidat hat dort knapp 60% der Stimmen gewonnen. Ebenso sind die anderen Mandatsträger dort eher seriös, ernsthaft, nicht korrupt und professionell. Rio hat total anders gewählt. Natürlich hat man dort im Gegensatz zu São Paulo, wo man Aécio wählte, für Dilma gestimmt, die bekanntlich jedem eine Grundsicherung garantiert. Das kommt dem fröhlichen Feierer sehr entgegen. Während der Senator von São Paulo Serra, ein überaus seriöser Mann, ist, wird der Senator Rios Romario, der ehemalige, bekannte Fußballspieler, der sich eher mit Alkoholmissbrauch und exzessivem Lebenswandel einen Namen gemacht hat. Er bekam in Rio 63,5% der Stimmen. Demnächst sitzen die beiden Ungleichen gleichberechtigt in der gleichen Kammer des Parlamentes. Na, dann Prost Mahlzeit!

Und noch etwas fällt auf: Der Frauenanteil in den Parlamenten liegt meist um 10% herum. Brasilien ist und bleibt eine Machogesellschaft. Hier ist der Mann noch ein Mann, der für seine Familie zu sorgen hat und es auch tut. Ein Mandat ist dabei äußerst hilfreich.

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