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Sonntag, 12. Oktober 2014, Oktoberfest

Gestern waren wir, d.h. Carlos, Nicole, Jörg, Aurora und ich auf dem Oktoberfest in Blumenau. Dieses Fest soll angeblich nach dem Münchener Oktoberfest das zweitgrößte Oktoberfest der Welt und das größte Volksfest in Brasilien sein. Nun hat der Mensch – also ich – so seine gepflegten Vorurteile, die ihn daran hindern, sich dieser Erfahrung der Begegnung damit auszusetzen. Diese Vorurteile betreffen den Alkoholpegel der Leute, den dadurch bedingten distanzlosen Umgang miteinander verbunden mit einer Art von Musik, die für meine Ohren ziemlich grenzwertig bezüglich Lautstärke, Inhalte und musikalischem Gehalt ist. Dass ich mich über meine Vorurteile hinweg setzte, ist dem Umstand geschuldet, unseren Gästen etwas zu bieten. Also machten wir uns gestern auf den Weg nach Blumenau.

Es ist eine zweistündige Anfahrt in diese Stadt, die mit 310.000 Einwohnern schon eine Großstadt ist. Der Weg führt zunächst über die BR 101, eine Autobahn, die von Südbrasilien bis nach Nordbrasilien geht, dann über eine Landstraße durch Reisfelder und eine romantische Parklandschaft. Leider war es nicht besonders sonnig, so dass man die Schönheit der Umgebung eher ahnte als sah. Immerhin hat es nicht geregnet und die Fahrt wurde auch zu keiner Hitzetour.

In Blumenau selber war das größte Problem, das Festgelände zu finden und dann das Auto abzustellen. Beides gelang dank Auroras hilfreichen Hinweisen. Was zunächst ins Auge fiel, war, dass die Gegend um das Gelände herum sehr stark geschmückt war und zwar in den Farben Schwarz, Rot und Gold. Dieser Schmuck verstärkte sich innerhalb des Geländes, das in Gänze in diese deutschen Farben gekleidet war, denn selbst die kleinen Geschäfte oder Buden waren so geschmückt. An die Fassaden war die Imitation von Fachwerk geklebt. Die Dekoration der Hallen war üppig in Schwarz-Rot-Gold gehalten. Nie in meinem Leben bin ich derart intensiv mit unseren Nationalfarben konfrontiert worden!

Wir brauchten keinen Eintritt zu bezahlen, weil wir nicht bis zum Abend bleiben wollten. Diese Entscheidung war dem Vorurteil der Alkoholisierung der Festgäste geschuldet. Und ich denke, wir haben gut daran getan, denn vor unseren Augen entwickelte sich ein sehr familienfreundliches, buntes Fest mit vielen Familien, Kindern, auch mal Alten – wie wir – und vor allem mit lediglich nüchternen und dennoch sehr fröhlichen, aufgeräumten Menschen. Es gab ein großes Kinderparadies und auch andere Angebote für Familien mit Kindern. 3 große Hallen stehen als „Bierzelte“ zur Verfügung. In jeder Halle gab es ab 12 Uhr Life-Musik, wobei die Art der Musik den Vorurteilen voll gerecht wurde. Wir wissen nun, dass in München ein Hofbräuhaus steht, dass Marina die Schönste der Welt ist und dass man ein Prosit der Gemütlichkeit ausbringen kann. Blasmusik rundet den Eindruck ab. Bemerkenswert dabei ist, dass sich neben diesem deutschen „Liedgut“ auch ein brasilianisches in deutscher Sprache gebildet hat, bei dem auch die Vorzüge des Blumenauer Oktoberfestes besungen werden, welches aufzusuchen sich angeblich jedes Jahr lohne, weil es dort so schön sei. „Rumm-ta-ta!” – „Hollala-Diarö!” – „Hum-hum-hum-humhumhumhumhum-hum ...”usw. bildeten die unverkennbaren Einschläge der gebotenen „Musik“. Außerhalb der Hallen war eine weitere, eher luftig gehaltene Halle angebaut, so dass man gleichzeitig in 4 Hallen Life-Musik zu sich nehmen konnte. Wir taten das in Halle Nr. 1, weil es dort ein gutes Mittagessen gab und wir nicht direkt von der Bühne beschallt wurden, auf der sich ein mit Lederhose bekleideter, älterer Herr mit Kugelbauch samt zweier weniger markanten Gestalten in einer Art Trachtverschnitt lebhaft und lautstark betätigten.

Insgesamt waren wir dennoch sehr positiv überrascht, denn es herrschte trotz des zunehmenden Andrangs von Menschen eine gelöste, sehr kinderfreundliche Atmosphäre. Viele Gäste hatten sich irgendwie in trachtenähnliche Kleidung gehüllt. Sogar Babies sahen teilweise aus wie ihre Mütter und man sah, wie viel Mühe sich die Schneider mit den Trachten für Mutter und Kind gegeben hatten. Der Unterschied zwischen deutschen und Blumenauer Trachten besteht darin, dass man bei deutschen Trachten eher ein offenes Dekolleté trägt, während man in Blumenau die Offenherzigkeit eher nach unten verlegt, das Dekolleté bedeckt, aber dafür die Röcke sehr kurz hält. Die meisten Frauen und Mädchen von 0 – 99 Jahren tragen ein „Krönchen“ aus bunten, künstlichen Blumen im Haar. Das scheint man sehr schön und sehr deutsch zu finden. Die Männer hingegen tragen oft eine Art Schlüsselband in deutschen Farben um den Hals, auf dem geschrieben stand „Oktoberfest 2014 – Blumenau“. Statt eines Schlüssels aber hängt an ihm ein Bierkrug, den ständig zu füllen eher die Aufgabe des späteren Abends ist als gerade zur Mittagszeit, wenn alle Kinder da sind.

In den kleinen Geschäften auf dem Gelände wird alles verkauft, was man normalerweise eher nicht braucht, jedoch für das Fest an sich unbedingt nötig zu sein scheint: Bierkrüge, Bänder, Flaggen, T-Shirts, Kuckucksuhren, Anstecker in deutschen Farben, Tinnef und Kram. Es gab sogar T-Shirts, die wie Fußballshirts aussagen. Sie hatten bereits den 4. Stern und das Emblem des Deutschen Fußballbundes. Nur stand da nicht „Deutscher Fußballbund“, sondern „Oktoberfest Blumenau“. Manche T-Shirts aber waren für deutsche Augen eher grenzwertig, wenn sich der gotische Schriftzug „Deutschland“ über einen ausladenden Adler erstreckt. Aurora und ich kauften uns je ein T-Shirt mit eher fröhlichem Aussehen.

Zwischen den Läden fuhr dann der „Schweinewagen“ herum, eine Fernsehreporterin in abenteuerlicher Tracht berichtete life und eine Trachtengruppe tanzte für Deutsch gehaltenen Ringelpiz mit Anfassen auf dem kleinen „Marktplatz“.

Wir waren alle sehr beeindruckt von dem bunten, schwarz-rot-goldenen Spektakel und sahen unsere Vorurteile nur zum Teil (bezüglich der Musik!) bestätigt. Ansonsten aber war es ein richtig typisch brasilianisches Fest mit vielen bunten Ideen, Dekorationen und fröhlichen Menschen jeglichen Alters. Hierher kann man also auch seine Gäste, die uns im Oktober besuchen, bringen, denn es ist in höchstem Grade originell und keineswegs abstoßend. Also Carlos hat es gefallen, zumal er einen ganzen Becher mit Eisenbahnbier trank. Nicol und Jörg gefiel es ebenso und Aurora und mir sowieso. Bilder von diesem Fest gibt es im Fotoalbum.

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