Zur Hauptseite Döring

Donnerstag, 16. Oktober 2014, Facebook

Noch immer ist das Wetter ziemlich trüb und regnerisch. Zwar ist es richtig warm, jedoch entsteht dadurch eine Schwüle, die sich vorgestern in einem die ganze Nacht dauernden Gewitter entlud.
Mir gibt dieses Wetter die Gelegenheit, einmal Facebook und meine Erfahrungen damit zu überdenken. Wie die meisten wissen, bin ich in Facebook angemeldet, wobei sich manche meiner Lieben darüber beklagen, dass sie derzeit wenig von mir lesen können.

Facebook – so sei den Ignoranten dieses Mediums erklärt – ist eine Begegnungsplattform im Internet, über die man sich selber mitteilen kann. Sie dient einerseits der Kontaktknüpfung, ja sogar dem Auffinden von verschollenen Freunden aus der dunklen Vergangenheit, andererseits aber auch der Selbstdarstellung. Wer bin ich? Was interessiert mich? Wofür stehe ich? Was möchte ich die anderen von mir wissen lassen? Diese Anderen sind nicht alle anderen, sondern die Facebookfreunde. Facebookfreunde sollte man nicht mit richtigen Freunden verwechseln, denn es sind auch Menschen darunter, die man irgendwann einmal getroffen hat und mit denen man nur sehr weitläufig bekannt ist. Es gibt aber unter ihnen sicher auch Menschen, die einem vertrauter sind, Verwandte und nahe Freunde. Man kann die Nachrichten, die man selber eingibt, lenken, indem man den Empfängerkreis definiert, sie evtl. nur den nahen Freunden zugänglich macht. Aber man kann auch den Empfang von Nachrichten sieben, indem man einstellt, welche Nachrichten man erhalten will und welche nicht. Nicht alle meine Facebookfreunde, denen ich meine Nachrichten zukommen lassen will, bekommen sie automatisch. Immerhin erfahre ich auf jeden Fall, ob jemand eine Nachricht geschrieben hat. Klingt das kompliziert? – Ist es gar nicht, wenn man mal eine Einstellung für den persönlichen Facebook-Account gefunden hat.
Auf eine Nachricht, die aus Mitteilungen, aber auch aus Fotos oder kurzen Filmen besteht, kann man reagieren, indem man sie entweder nur mit einem erhobenen Daumen gut findet, oder auch kommentiert.

Ich habe Facebookfreunde in drei Sprachen: Deutsch, Schwedisch und Portugiesisch. Diese Freunde unterscheiden sich in den Inhalten typischerweise sehr. Die Einträge spiegeln die jeweilige Mentalität nicht nur der Personen, sondern auch des gesamten Kulturkreises wieder.

Die Schweden haben ein Prinzip: Schlechte Nachrichten oder Reaktionen gibt es grundsätzlich nicht. Alles ist immer in Butter. Mal wird das harmonische Familienleben mit Freunden, Verwandten und Kindern dargestellt, wobei sich immer alle lieb haben. Mal ist es die wunderschöne Landschaft, in der man sich aufhält, oder kulturelle Ereignisse, an denen man gewinnbringend teilnahm. Bestimmt sind die Schweden das glücklichste Volk der Erde – na ja, ich habe ja dort gelebt und weiß um die Seiten, die man im Facebook sicher nicht darstellt. Übrigens habe ich mal den Versuch einer schlechten Meldung lanciert: Meine schwedische Rente war zum Jahreswechsel um mehrere Prozent gesunken. Bei mir fällt das nicht ins Gewicht, aber für einen Menschen, der davon abhängig ist, kann das gravierende Folgen haben. Also schrieb ich eine Notiz über die Tatsache und mein Bedauern für die Betroffenen ins Facebook. Die Reaktion war – Schweigen! Es war mir danach fast peinlich, hier einen Tabubruch begangen zu haben.
Bemerkenswert ist auch die Gemeinschaft der Freunde der Schwedischen Kirche im Ausland, einem Forum, in dem sich alle möglichen Funktionsträger schwedischer Auslandsgemeinden melden. Nach dem dort vermittelten Eindruck sind die Aktivitäten dort unglaublich vielfältig, immer gelungen, volle Erfolge und in einem problemfreien Umfeld. Nun, ich kenne die schwedische Gemeinde in Frankfurt und weiß da mehr …

Wenn die Schweden im Facebook sehr harmoniebetont sind, sind die deutschen Beiträge sehr anderer Art, eben sehr deutsch. Da gibt es die eine Gruppe von Facebook-Aktivisten, die sich für andere, besonders für Tiere einsetzen. Sie bilden eine Art Nachrichtenstaubsauger für Tiermisshandlungsdarstellungen im Internet. Sie suchen und suchen und stellen das, was sie finden, mit gebührender Empörung ins Facebook und tauschen sich darüber untereinander aus. Manche Geschichten von misshandelten oder verlorenen Hunden, Katzen, Kaninchen oder ähnlichem kreisen in stetiger Empörung über die Bosheit der Menschen, die dieses Leid verursachen, durchs Facebook. Da gibt es manchmal sogar ziemlich grenzwertige Filmchen, die an IS-Methoden im Irak erinnern, nur eben an Tieren vollzogen. Neben diesen Tier-Aktivisten gibt es natürlich auch die, die sich für Menschen einsetzen, nach verlorenen Kindern suchen, aber auch manchmal – weit über das Ziel hinaus schießend – ganze Volksgruppen unter Generalverdacht stellen, wie z.B. die Zigeuner, die angeblich nichts besseres zu tun haben, als auf der Frankfurter B-Ebene armen Müttern ihre Kinder zu rauben. Ob all die Geschichten einen realen Hintergrund haben, ist nicht klar oder gar nachprüfbar. Aber ein Aktivist meint, dass es besser wäre, zu viel zu sagen als zu wenig. Schließlich ist ein Aktivist ein Aktivist und kein „Passivist“.
„Passivisten“ gibt es aber auch, und das sind besonders die Spieler, die offenbar nichts Besseres zu tun haben, als alle möglichen Internetspiele zu spielen. Sobald sie mit einem Spiel anfangen, werden alle Facebookfreunde über dieses wichtige Ereignis informiert und gleichzeitig eingeladen, es ebenso zu tun. Das nervt manchmal sehr, jedoch gibt es eine Einstellung, die diese Art von Mitteilung unterbindet. Dann bekommt man solche Mitteilungen nur noch angedeutet. Unter meinen deutschsprachigen Facebookfreunden gibt es etliche, die lediglich spielen wollen, nie aber eine Nachricht von sich selber lancieren. Ob sie meine Nachrichten lesen, weiß ich nicht.

Aktiver sind die Facebookfreunde, die sehr viel Zeit damit verbringen, YouTube-Videos zu sichten und gegebenenfalls über Facebook anzubieten. Davon, also von den Freunden und den Videos, gibt es eine ganze Menge. Man erfährt von ihnen persönlich wenig, bekommt aber Massen von Hinweisen auf zumeist lustige Videos. Da ich bekanntlich Katzenfreund bin, fühlen sich viele, auch brasilianische Freunde, berufen, mir Katzenvideos zu schicken. Ich kann schon keine Katze mehr auf Videos anschauen! Das ist langweilig, öde und trist, so lustig sich die Viecher auch mitunter gebärden.

Viele meiner Facebookfreunde nutzen das Facebook beruflich, indem sie ihre Arbeit und das, was Kunden oder Interessenten darüber wissen sollten, darstellen. Die Johanniter und das Evangelische Jugendwerk sind da ganz groß. Also was die in Frankfurt alles so drauf haben, ist enorm. Aber nicht nur sie, sondern auch etliche Pfarrer und Kirchengemeinden sind im Facebook vertreten und berichten aus ihren Gemeinden und von ihren zumeist menschlich und beruflich bedingten Gedanken. Oft handelt es sich dabei um Problemfelder wie Asylpolitik, Menschenrechte, Kapitalismuskritik usw.

Private Mitteilungen sind dagegen seltener. Da sind sogar die Schweden offener als die Deutschen. Manchmal kommt es vor, dass jemand aus seinem Urlaub schreibt, manchmal aber auch aus dem Alltag. Zumeist sind es positiv gestimmte Mitteilungen, manchmal auch weniger lustige Sachen. Ich selber zähle mich zu dieser Gruppe von Facebookern, weil ich besonders nach meiner Auswanderung nach Brasilien immer wieder Mitteilungen über mein Ergehen schrieb. So letzten Weihnachten: „Sie brüllen, kreischen, schreien schon wieder, was die Lungen hergeben!“ Wahrscheinlich werden meine Einträge in diesem Jahr ähnlich sein, obwohl Aurora und ich beschlossen haben, unsere Wohnung über Weihnachten/Neujahr mit den Katzen zu verlassen und in die wesentlich leisere Ferienwohnung, die Auroras Schwester gehört, zu ziehen.
Besonders originell finde ich unter diesen Facebooknutzern den Einfall von Nicole, die ihr Plüschtier, ein Erdmännchen namens Carlos, sozusagen als Avatar ins Facebook setzt. Carlos erlebt eine Menge Abenteuer auf seinen Reisen durch die Welt, die er in Begleitung seines Frauchens samt Partner macht. Das sind Mitteilungen, auf die man geradezu wartet.

So komme ich zuletzt auch auf meine brasilianischen Facebookfreunde zu sprechen. Die unterscheiden sich wiederum in der Mehrzahl – es gibt auch hier viele Spieler und Videovermittler – von den Schweden und den Deutschen. Hier fällt vor allem auf, dass das Facebook wirklich ein Medium der Selbstdarstellung ist. Da posieren Männlein und Weiblein vor der Facebookkamera, schrauben sich, zwängen sich in schönste Kleider, machen Selfies (fotografieren sich also selber), putzen ihre Kinder heraus, um sie ins Facebook zu bringen, dekorieren ihre Wohnungen, in denen sie sich ablichten lassen zusammen mit Geburtstagstorten, Blumenmeere, fröhlichen Menschen, die ebenfalls herausgeputzt sind und schreiben dann Kommentare dazu, die einen Deutschen zum Fremdschämen anhalten. Ein junger Mann setzt fast täglich ein neues, selbstverliebtes Selfie ins Facebook. Und jedes Mal kommen die Kommentare ausschließlich von Frauen (Mutter, Freundinnen usw): „Wie wunderschön!“ – „Ist er nicht ein schöner Mann?“ – „Ich liebe ihn!“ usw. und dazu kleine Bilder mit Herzchen, gespitzten Lippen und breit lachenden Mondgesichtern. Bei dieser Art von permanenter Befeuerung mit positivsten Rückmeldungen auf das Aussehen ist es kein Wunder, dass der Charakter mit der Zeit Schaden nimmt. Allein schon das Bedürfnis, die Welt fast täglich mit Bildern von sich zu erfreuen, scheint mir ein Hinweis in dieser Richtung zu sein. Ich würde gerne schreiben: „Auch du bist nur ein Mensch!“, aber damit würde ich mir hier nur Feinde machen.

Dieses Darstellungsbedürfnis betrifft aber nicht nur Erwachsene, sondern auch Kleinkinder, die von ihren Eltern herausgeputzt und fotografiert werden. Vor allem Jungens werden von ihren Müttern wie kleine Männer angezogen und nach vorne geschoben. Und wieder die gleichen Kommentare wie bei jenen jungen Männern. Die Frauenwelt überschlägt sich in Komplimenten und Avancen. Kein Wunder, dass wir hier in einer Macho-Welt leben. Die Frauen wollen das so und tun alles dafür, dass es so wird und bleibt. Manchmal denke ich, dass es gar nichts schadet, wenn diese Frauen, Mütter und/oder Ehefrauen, von ihren ach so wunderschönen, göttlichen Söhnen und Ehemännern mal gründlich verdroschen werden. Ich glaube, sie würden sich dafür noch bedanken und ins Facebook setzen, dass ihr MANN ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit hat zukommen lassen, was ja in gewisser Weise auch stimmt.

Diese Gruppe der Selbstdarsteller ist unter meinen brasilianischen Facebookfreunden die mit Abstand größte. Schweden und Deutsche würden so etwas niemals machen. In beiden Ländern wäre das eher peinlich. Gemeinsam mit den Schweden aber haben die Brasilianer, dass sie nur das Positive darstellen und alles immer happy together ist. Nun ja, ich glaube, das gehört zum nationalen Wesen der Brasilianer: positive Selbstdarstellung bis zur Peinlichkeit verbunden mit dem Bedürfnis nach Auffälligkeit. Sei es der unsägliche Lärm, den man gar zu gerne um sich verbreitet, über das Bedürfnis, einen hohen Status nach außen zu zeigen (Putzfrau im Mercedes und Abendkleid!), bis hin zur Darstellung im Facebook. Alles ist aus einem Guss. Das Leben ist eine große Party. Wenn man das mal akzeptiert, kann man damit auch gut leben, selbst wenn man es nicht mitmacht. Denn selbst die selbstverliebten Gockel sind in der unverbindlichen Begegnung freundlich und nicht aufdringlich, sich in den Vordergrund schiebend. Da haben eher die Deutschen die unangenehme Nase vorne mit ihrer oft schwäbischen, untertreibenden Selbstdarstellung. Gilt in Brasilien „Mehr Schein als Sein“, gilt in Deutschland „Mehr Sein als Schein“, was ebenfalls recht negative Auswirkungen im Miteinander haben kann. Denn wenn ich die anderen das spüren lasse, was sie nicht sehen sollen, nämlich dass ich ihnen überlegen bin, macht das nicht besonders sympathisch.

Zum Seitenanfang