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Samstag, 18. Oktober 2014, Hirngespinste

Es hat sich bekanntlich herum gesprochen, dass es vor allem mir in Bombinhas hervorragend gut geht und ich bekenne, dass ich hier das glücklichste Jahr meines Lebens verbracht habe. Ebenso bekannt dürfte es sein, dass dieses Glück von Aurora, dem Großstadtkind, nicht vorbehaltlos geteilt wird. Ihr ist es hier zu still und zu ruhig und mit zu wenig Infrastruktur für ein älteres Ehepaar wie wir es nun mal sind. Das mit der Stille und der Ruhe finde ich so eigentlich nicht, denn richtig still ist es hier nie. Immer fährt ein Lautsprecherauto mit Werbung für Geschäfte oder „Pizza Super-Biggi“ durch die Straßen, oder es genießt ein junger Mann, der sein Auto zu einem riesigen, wummernden Lautsprecher umgebaut hat, die ihm gezollte Aufmerksamkeit, wobei ihm sowohl wir mit unserem Unmut, als auch unsere Katzen, die unters Bett flüchten, egal sind. Stille und Ruhe ist hier also eigentlich nicht zu finden. Man kann lediglich darüber diskutieren, ob man nun diese Art von Geräusch um sich haben möchte. Und da gebe auch ich Aurora Recht, dass wir es uns so eigentlich nicht vorgestellt hatten. Wenn dann noch die Überlegung hinzu kommt, dass einer von uns mal einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet, der einen zügigen Aufenthalt in einem Krankenhaus nötig werden lässt, dann muss auch ich Aurora in Bezug auf mangelnde Infrastruktur Recht geben. Allein der Gedanke, sich von hier über 20 Federbrecher (vor jedem Federbrecher abbremsen auf knappe Schrittgeschwindigkeit, langsam drüber hopsen, Gas geben bis zum nächsten Federbrecher) durch Porto Belo bis nach Camboriú oder gar noch weiter bringen zu lassen, lässt auch mich schaudern. So gesund ist man dann eben doch nicht, um solch eine Fahrt zu überleben. Kurz: Wir könnten uns vorstellen, auch woanders zu leben, nicht unbedingt in Bombinhas. Woanders wäre eine Stadt irgendwo in Brasilien, jedoch eine Stadt am Strand mit allen Vorteilen des Strandlebens und einer guten Infrastruktur auch für uns.

Nun werden diesbezügliche Pläne nicht sofort umzusetzen sein, denn aus steuerlichen Gründen müssen wir erst einmal mindestens 5 Jahre lang in unserer Wohnung gelebt haben, bevor wir sie zu Gunsten einer anderen Wohnung irgendwo in Brasilien verkaufen können. Davon gelebt haben wir eigentlich nur ein Jahr, jedoch war uns die Wohnung schon ein Jahr zuvor übertragen worden, so dass wir offiziell schon 2 Jahre hier sind. Wir können also frühestens in 3 Jahren umziehen – wohin auch immer. Immerhin kann auch ich mir jetzt vorstellen, von Bombinhas weg zu ziehen unter Zurücklassung aller unserer deutschen Steckdosen in der Wohnung und all dem, was wir hier aufgebaut und investiert haben. Bekanntlich soll man ja sein Herz nicht allzu sehr an Dinge hängen. Hmmm!

Spannend wird nun die Frage, wohin es uns treiben könnte.
Unsere erste Idee war Vitória, die Hauptstadt von Espírito Santo, einem etwas nördlich von Rio de Janeiro gelegenen Bundesland. Vitória ist eine der ältesten Städte Brasiliens, überschaubar, auf einer Insel gelegen. Sie soll angeblich die viertbeste Lebensqualität aller Städte Brasiliens haben. Google Earth und Internetrecherchen ergaben, dass das keine schlechte Wahl wäre. Hmmm!

Da kam Aurora die Idee, wieder zurück zu ihren Wurzeln zu gehen, also nach Santos, wo sie die meiste Zeit ihrer Kindheit verbracht hat. Santos ist die Hafenstadt von São Paulo. Abgesehen davon, dass es sich um eine Millionenstadt handelt, also auch eine gute Infrastruktur hat, kommt man von hier aus leicht und zügig nach São Paulo, wo bekanntlich die Schwester und die Mutter von Aurora wohnen. Hinzu kommt, dass der internationale Flughafen von São Paulo relativ gut zu erreichen wäre. Santos ist eine schöne Stadt. Wir waren schon einmal dort. Wie in Vitória gibt es auch hier hohe Wohntürme, in denen es sicherlich auch in luftiger Höhe eine Wohnung für uns gäbe. Hmmm!

Nun müssen wir überlegen, welche Mittel uns denn zur Verfügung stünden, wenn wir uns verändern. Sicherlich bekommen wir für unsere beiden Wohnungen hier in Bombinhas auch eine Stange Geld, jedoch ist die Frage, ob wir dafür in Santos, wo die Immobilienpreise inzwischen auch enorme Höhen erreicht haben, eine adäquate Bleibe kaufen könnten. Da wäre Vitória günstiger. Also mal hinfahren und nachschauen, ob es uns dort gefallen würde. Hmmm!

Gestern nun flog Aurora nach São Paulo und hat dort ihren Cousin, der in Recife lebt, getroffen. Der hatte zwei ganz andere Vorschläge. Zu unserer Vorauswahl meinte er – er hat selber schon in Santos gelebt, dass er beide Städte nicht empfehlen würde, weil sie alt sind und die Bebauung zu dicht angelegt wäre. Da gäbe es Wohntürme am Strand, die wie eine Mauer allen wohltuenden Wind abfangen, so dass bereits in der zweiten Reihe eine stetige Gluthitze herrsche. Man bedenke, dass es nördlich von Rio keine Jahreszeiten mehr gibt, also immerwährenden Sommer. Santos liegt zwar südlich von Rio, jedoch ist es dort auch nicht besser. Stattdessen, so meinte er, sollten wir uns überlegen, in eine der kleinen Hauptstädte der nördlichen Bundesländer zu ziehen, etwa nach Maceió, der Hauptstadt von Alagoas (Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie was von Alagoas und Maceió gehört!), oder nach João Pessoa, der Hauptstadt von Paraibá. Maceió hat rund 1 Million Einwohner, João Pessoa ist etwas kleiner. Maceió liegt südlich von Recife, João Pessoa nördlich. Beide sind von Recife, das einen internationalen, mit Europa verbundenen Flugplatz hat, nicht sehr weit entfernt. Beide Städte haben den Vorteil, dass der Strand nicht mit Hochhäusern zugepflastert ist, so dass es einen steten Luftaustausch gibt. In beiden Städten sind die Immobilienpreise noch im bezahlbaren Bereich, so dass wir eine Chance hätten, eine adäquate Bleibe zu finden. Ein weiterer Vorteil wäre, dass man Portugal von dort aus mit dem Flugzeug in rund 6 Stunden erreichen kann, also in der Hälfte der Zeit eines Fluges von São Paulo aus. Hmmm!

Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren viel durch brasilianische Lande ziehen mit dem Hirngespinst im Kopf, eine andere Bleibe zu finden. Noch sind das alles aber lediglich Hirngespinste und nette Ideen, die mir über den stetig zunehmenden Lärm einer urlaubenden, hemmungslosen Bevölkerung hinweg hilft. Und in drei Jahren haben wir uns vielleicht auch schon an das alles hier gewöhnt und machen vielleicht gar selber ebenso viel Lärm. Hmmm!

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