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Samstag, 25. Oktober 2014, Wahlkampf

Spannung herrscht in Brasilien. Die Emotionen gehen hoch, viele beginnen sich zu outen. Dilma gegen Aécio, die Bösen gegen die Guten, die Fortschrittlichen gegen die Rückständigen, die Unbestechlichen gegen die Korrupten. Wen wirst DU wählen: 13 oder 45, Dilma oder Aécio. Klar, Dilma hat den Amtsinhaberbonus und hat auch bei den ersten Wahlen deutlich besser abgeschnitten als Aécio. Aber es gibt eine Chance auch für ihn, denn Marina, bis zu vorigen Wahl seine Konkurrentin, hat sich für ihn ausgesprochen. Die Stimmen von beiden zusammen müssten doch reichen …

Das Facebook quillt über. Meine Facebookfreunde sind fast alle für Aécio. Aurora und ihre Schwester Inha sind für ihn, haben ihn wohl auch schon bei der ersten Wahl gewählt. Marlete ist für ihn wie auch ihr Sohn Cadu und Dona Gisela von der Imobiliaria Gisela und überhaupt jeder vernünftige Mensch mit Wahlrecht in diesem Lande. Ich frage mich, ob überhaupt jemand noch Dilma wählt. Aber da klärt mich Aurora auf: Doch! Dilma wird wegen ihres Sozialprogramms (bolsa família) gewählt, weil sie durchgesetzt hat, dass jeder Brasilianer mindestens eine kleine Summe zum Leben hat. In der Tat kann sie damit bei der armen Bevölkerung punkten, denn das bringt sie bei jeder Gelegenheit gefragt oder ungefragt an. Nun will Aécio dieses Programm nicht etwa abschaffen, sondern es nur ein wenig verändern und ausbauen, denn es ist eigentlich nicht auf Lulas oder Dilmas Mist gewachsen, sondern war schon vom vorherigen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso, einem Parteifreund von Aécio, entworfen und verwirklicht worden. Das sagt Aécio zwar, jedoch schürt Dilma weiter die Furcht der Armen vor einer Streichung des Programmes. Sie und die PT stehen allein für die Interessen der armen Bevölkerung, sagt sie. Und das bringt ihr viele Stimmen.

Nun hat es aber bei der unter staatlicher Aufsicht stehenden Petrobras, der größten, brasilianischen Mineralölfirma, einen Korruptionsskandal gegeben. Dort herrscht nämlich seit Jahren die Praxis, bis zu 3% aller Bauverträge, die die Petrobras mit Baufirmen abschließt, an die PT und weitere 3% an die PMDB und andere ihnen nahe stehenden Parteien abzudrücken. Das macht die mächtigen Parteien reich, bringt jedoch Petrobras in finanzielle Probleme. Petrobras geht es also schlecht, obwohl sie dick im Geschäft ist. Da diese Praxis schon vor einigen Monaten aufflog und einem früheren Direktor von Petrobras angelastet wurde, ist dieser verhaftet worden und sitzt im Knast. Und um sein hartes Schicksal zu erleichtern, hat er einer Kronzeugenregelung zugestimmt, nach der er Strafminderung erhält gegen eine komplette Enthüllung aller illegalen Geldgeschäfte mit den Parteien. Dass die PT darin verwickelt ist, weiß man also bereits. Deren „Großkopferten“ Lula und Dilma haben aber immer bestritten, dass sie davon gewusst haben. Mit dieser Aussage nun haben sie Wahlkampf gemacht bis heute. Und nun ist eine Indiskretion passiert, denn entgegen den Abmachungen mit dem Exchef der Petrobras, nach der die Enthüllungen erst am Ende beim Prozess komplett veröffentlicht werden sollen, ist durchgesickert, dass Lula und Dilma sehr wohl und zwar nachweislich in diesen Handel involviert waren. Gestern wurde diese Meldung in Auroras Lieblingszeitschrift Veja und in anderen Zeitungen publiziert, was natürlich Dilma zu einer riesigen Presseschelte veranlasste. Man gefährde damit die Kronzeugenvereinbarung, ist der offizielle Grund, aber der wahre Grund ist natürlich, dass jetzt Dilmas Chancen auf Wiederwahl gesunken sind. Heute kamen erstmals Umfrageergebnisse, die Aécio vorne sahen. Bisher war es immer Dilma, die einen wenn auch nicht hohen, so doch klaren Vorsprung hatte.

Morgen ist also die Präsidentenwahl und alle Brasilianer gehen hin – müssen hingehen. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. Schafft es Aécio?

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