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Montag, 27. Oktober 2014, Oh je!

Gestern Abend, als die Ergebnisse der Wahl bekannt wurden, meinte Aurora, dass dieses Jahr wohl nicht IHR Jahr sei, weil sie derzeit so unzufrieden ist und meint, Grund dafür zu haben. Dass das Wahlergebnis nicht nach ihrem Geschmack war, kann man sich leicht vorstellen: Dilma hat 3.459.963 Stimmen mehr als Aécio erhalten. Das klingt viel, ist es aber nicht, denn in Prozent ausgedrückt: Dilma 51,64% und Aécio 48,63%. Bezeichnend ist aber die regionale Verteilung der Stimmen. Der industrialisierte Süden mit einer relativ großen Mittelschicht hat Aécio gewählt, während der Norden, vor allem der Nordwesten, eher Dilma gewählt hat. Das Land wirkt ziemlich zerrissen. Besonders die bei den Fußballevents protestierenden Menschen haben letztlich verloren, denn sie kommen aus dem Süden, sind eher gebildete oder an Bildung interessierte Menschen. Sie wollen nicht überleben, sondern weiter kommen. Für viele Menschen ist das im eher bodenständigen Nordwesten nicht so wichtig wie der tägliche Überlebenskampf, der unter der PT, der sozialistischen Partei, unter Führung von Lula und Dilma einfacher geworden ist. Übrigens scheint mir die PT in Brasilien die einzige Partei im europäischen Sinne zu sein, weil sie ein klares Profil und klare Ziele hat. Aber bei 29 existierenden Parteien ist das Ausbilden eines eigenen Profils ausgesprochen schwierig. Die meisten Parteien ähneln sich stark und man würde sie in Deutschland eher links ansiedeln. Jedoch macht diese Art der Charakterisierung in Brasilien wenig Sinn.
Dilma hat nun gemeint, dass sie versuchen will, eine bessere Präsidentin zu werden. Das wird sie auch müssen, wenn das Land nicht zerreißen will. Stimmen diesbezüglich werden schon laut: Wir im Süden sind eine Industrienation, während der Norden Entwicklungsland ist, das wir aus dem Süden nur durchfüttern müssen. Aber solche Stimmen kennen wir auch aus Italien und anderen europäischen Ländern. Letztlich wird ein Motiv die Nation zusammen halten: der Nationalstolz, ein Brasilianer zu sein in einem riesigen, wunderschönen Land.
Für Aurora und mich ist dieses Ergebnis eigentlich sogar besser. Ich sagte schon vor der Wahl zu Aurora, dass ich vermute, dass der Real an Wert verlieren wird, wenn Dilma gewinnt. Und so kam es auch, denn heute früh verlor der Real gleich zu Handelsbeginn rund 10 Cent gegenüber dem ebenfalls schwachen Euro. Das sind fast 3%. Für uns ist das gut, weil wir für unsere Euros mehr Reais bekommen.

So waren wir heute früh damit beschäftigt, uns mit dem Ergebnis zu befassen, als Priscila kam und kündigte. Sie möchte Ende November bei uns aufhören. Das war nun ein zweiter Schlag in die Magengrube der armen Aurora. Was ist der Grund? Priscila fühlt sich bei uns nicht genügend geachtet. Wieso nicht? – Als Aurora in São Paulo war, hatte sie zuvor Priscila klare Anweisungen für die Zeit ihrer Abwesenheit gegeben. Priscila aber ist nicht diesen Anweisungen gefolgt, sondern hat nach eigenem Gutdünken die Arbeit anders eingeteilt und durchgeführt. Zwar hat sie mir das erklärt, doch konnte und wollte ich sie nicht stoppen, weil ich als Deutscher sowieso viel zu unsensibel mit Brasilianern bin. Dann kam Aurora und hat sich viele Gedanken gemacht, wie sie Priscila erklären kann, dass sie, Aurora, die Hausherrin ist und die Arbeitsanweisungen gibt und es Regeln gibt, wie Priscila damit umzugehen hat. Bei dem Gespräch fing Priscila an zu weinen und fand, dass ihr zu wenig Vertrauen seitens Aurora entgegen gebracht wird. Sie habe schließlich schon große Geldsummen verwaltet und niemand hätte an ihrer Vertrauenswürdigkeit gezweifelt. Und jetzt das, nämlich dass Aurora ihr nicht zutrauen würde, alles wirklich richtig gut zu machen. Ist es also für Priscila eine Frage der Vertrauenswürdigkeit, ist es für Aurora die Frage nach der Souveränität im eigenen Haus. In ihrer Verletzung aber kann Priscila das nicht verstehen und hat darum gekündigt. Jetzt wird sie noch bis Ende November bei uns bleiben – Gott sei Dank, denn sonst könnten wir Mitte November wegen der Katzen nicht nach Brasilia fliegen.
Auf unserem Standspaziergang haben wir beiden dann ausführlich darüber gesprochen. Ich bin geneigt, mit den gewonnenen Erfahrungen einen Neuanfang mit einer neuen Person zu machen. Die Erfahrungen besagen, dass man vor allem die Arbeitszeit nicht zu stark begrenzen darf, wenn man jemanden zu einem Mindestgehalt anstellen möchte. Priscila arbeitet bei uns 12 Stunden. Um wirklich all das zu machen, was sie machen sollte, ist das nicht besonders viel. Die nächste Kraft wird für 20 Stunden angestellt, wobei wir die ganze Wochenarbeitszeit nicht in Anspruch nehmen müssen, sondern sie bei fehlendem Bedarf ohne Lohnabzug heim schicken. Grundsätzlich aber soll sie zur Verfügung stehen und nicht mit uns diskutieren, wie man einen Mehraufwand, der z.B. wegen Säuberung der Gästewohnung entsteht, kompensieren kann. Den Fehler der allzu üppigen Bezahlung müssen wir nicht wiederholen. Zudem können wir gleich am Anfang festlegen, dass Aurora die Vorgesetzte ist und damit ein Weisungsrecht hat. Wenn sie dieses Recht wahrnimmt, tut sie das nicht, um der Angestellten zu vermitteln, dass diese inkompetent und dumm sei, sondern dass es UNSER Heim ist und nicht das der Mitarbeiterin.
Priscila ist eine sehr stolze Frau. Sie präsentiert sich gerne in schönen Kleidern und in fürstlichem Ambiente. Wenn aber jemand eine Prinzessin ist, dann ist diese Person als Hausangestellte nicht besonders gut geeignet, obwohl Priscila hier sehr fleißig und gewissenhaft arbeitet. Aber wie kann sie eine Prinzessin werden? – Ich hatte es schon öfters geschrieben, wie diese brasilianische Art der Zuwendung und der Freundlichkeit auch nach hinten ausschlagen kann und Menschen, die zur Eitelkeit neigen, noch viel eitler werden lassen kann. Ich bin froh, dass ich mich in diese Sache nicht eingemischt habe, denn ich hätte Priscila sicher noch ganz andere Dinge ganz anders gesagt, als Aurora das getan hat. Wahrscheinlich hätte sie uns danach gar nicht mehr angeschaut. Jetzt macht sie wenigstens noch bis Ende November weiter. Nur haben wir nun das Problem, eine Nachfolge für Priscila zu finden, was nicht leicht werden dürfte. Denn Priscila wohnt in der unmittelbaren Nachbarschaft und kann Auto fahren, hat selber einen Mercedes der A-Klasse. Angeblich gibt es viele, die eine solche Arbeit suchen. Es wäre schön, wenn uns demnächst eine über den Weg läuft, die für uns geeignet ist.

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