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Donnerstag, 30. Oktober 2014,
Camboriú, Pickups, Dona Ana

Geplant hatten wir diesen Ausflug schon länger, doch kam immer etwas dazwischen: schlechtes Wetter, andere Termine, plötzliche Erledigungen oder ähnliches. Aber heute sollte es endlich mal so weit sein, dass wir uns in das nahe gelegene Balneário Camboiú aufmachen sollten. Das Wetter ist optimal: Sonne, warm, aber nicht zu heiß. Außerdem ein normaler Wochentag ohne besonderen Verkehr, denn Camboriú ist eine Art Großstadt. Es leben dort 110.000 Menschen, jedoch auf einer relativ begrenzten Fläche in riesigen Wohnhochhäusern. Im Westen wird das Stadtgebiet vom Meer begrenzt. Camboriú hat einen langen Stadt-Sandstrand mit viel Leben. Im Osten grenzt die Stadt an die BR 101, die Autobahn. Jenseits der Autobahn liegt Balneário, eine eher bodenständige, mit kleinen Häuschen versehene, traditionelle und relativ unansehnliche typische brasilianische Kleinstadt, die sich sehr stark von dem Stadtteil Camboriú abhebt. Im Norden und im Süden wird die Stadt von einem Bergrücken begrenzt. Im Süden schließt sich Itapema an und im Norden liegt dann als nächste Stadt Itajai. Camboriú ist eine sehr langgestreckte Stadt. Zwischen der BR 101 und dem Strand liegen aber nur ein paar hundert Meter. So muss die Stadt in die Höhe wachsen, um all die Menschen aufzunehmen, die dort leben möchten.
Camboriú ist einfach zu durchschauen, denn es gibt zwei Avenidas, die sich von Norden nach Süden erstrecken. Die eine Avenida führt direkt am Strand entlang. Auf ihr geht aller Verkehr, der von Süd nach Nord will. In der Häuserschlucht nur 2 Häuserblocks entfernt, geht die andere Avenida von Nord nach Süd. Sie ist die Hauptgeschäftsstraße mit enorm viel Verkehr und Geschäften. Mit einem Endhalteplatz im äußersten Süden gibt es eine Art Bus, bondinho, der die eine Avenida runter fährt und auf der anderen wieder hoch. Er braucht ungefähr eine Stunde für diese Strecke und ist für nur 4 Reais ein Ersatz für jeden Sightseeing-Bus. Wer mitfahren will, macht dem Fahrer ein Zeichen. Bushaltestellen gibt es deswegen unterwegs keine. Man spricht mit dem Schaffner ab, wo man aussteigen will.
Das haben wir nun heraus gefunden. Und wir haben auch heraus gefunden, dass Camboriú dank seiner relativ begrenzten Größe eigentlich ganz hübsch ist, wenn man große Städte mag. Aurora fühlte sich an die Stadt ihrer Kindheit, Santos, der Hafenstadt von São Paulo, erinnert und könnte sich gut vorstellen, hier zu leben. Mir würden die vielen Menschen eher auf den Wecker gehen.
Nachdem wir diese Rundfahrt mit dem Bus gemacht hatten, fuhren wir mit dem Gondellift auf einen Berg, auf dem sich eine kleine Freizeitparkanlage befindet. Die Gondelfahrt war schon etwas Besonderes, aber der Park oben war noch viel schöner, denn hier hatte man nicht nur wunderbare Fernsichten, sondern auch einen Park, der einem die Mata Atlantica, den heimischen Wald, nahe brachte. Außerdem gibt es zwei Fahrgeschäfte, eine Art Achterbahn und eine Seilbahn, an der man sich quasi abseilen kann.
Aber was schreib ich viel: Man muss sich alles möglichst anschauen. Dazu ist das Fotoalbum da, das ich von dem heutigen Tag angelegt habe. Siehe also unter „Fotoalbum“.

Über noch zwei Dinge möchte ich philosophieren: Denn auf der Fahrt fiel wieder das besondere Verkehrsverhalten auf. Besonders die Fahrer von kleinen Lieferfahrzeugen, Pickups und Sprinter scheinen psychisch nicht in der Lage zu sein, ein Auto vor sich zu dulden. Das ist besonders in diesem doch recht dicht besiedelten Gebiet auf einer viel befahrenen Autobahn nicht immer leicht. Erlaubt sind meist 100 km/h. Ich fahre gemächliche 120 km/h. Und dann kommt von hinten ein Pickup angeschossen und fährt mir dicht auf, was so viel heißt: „Fahr gefälligst wo anders!“, auch wenn das nicht geht, weil die andere Fahrbahn durch langsamere Fahrzeuge blockiert ist.
Was aber passiert, wenn zwei Pickups aufeinander treffen? Den Fall hatten wir neulich auf der Fahrt nach Blumenau: zweispurige, dicht befahrene Straße, nur wenig und risikoreiche Überholmöglichkeit, vor mir ein Pickup – für den war ich kein Problem – und davor eine langer Stau.. Der Pickup war in deutlichen Nöten, denn er scherte immer wieder links aus, um zu sehen, wie er vorbei kommt. Da merke ich, wie das Auto hinter mir von einem anderen Pickup überholt wird, der sich nunmehr direkt hinter mir befand. Der war deutlich risikofreudig und als er glaubte, gerade mal eine Pause im Gegenverkehr zu haben, überholte er auch mich. Nun wurde es spannend: zwei Pickups hintereinander in einem langen Stau, dessen vorderes Ende kaum absehbar war. Die Motoren heulten, immer wieder Ausbruchversuche, dann einlenken. Schließlich gab der jetzt direkt vor mir, deutlich risikofreudigere Pickup Gas und hat den anderen überholt. Der hat sich deutlich geärgert und geschimpft. Nun ja, genutzt hat es beiden nichts, denn die Schlange ging bis Blumenau, wo sie sich von alleine auflöste. Ich kam genau zwei Pickup-Längen später in Blumenau an.
Nun habe ich schon die Entschuldigung gehört, dass diese Menschen sicherlich Termine einzuhalten haben. Jedoch deucht mir, als sei das ein typisch deutsches Argument, denn hier würde niemand sein Verhalten ändern, um Termine einzuhalten. Termine sind Richtlinien für eine eventuelle Begegnung zwischen Menschen, jedoch keine verbindliche Vorgaben. Ein Termin bedeutet: so könnte es werden, muss aber nicht. Übrigens gilt das auch für Verkehrsschilder: Derzeit ist an einer Stelle die Leopoldo Zarling, unsere Hauptstraße von Porto Bela nach Bombinhas, teilweise Einbahnstraße und als solche ausgeschildert. Mindestens die Hälfte aller Autos umfährt das Einbahnstraßenschild und wird zum Geisterfahrer. Verkehrsschilder sind eben auch nur Empfehlungen ohne besondere Verbindlichkeit. Man kann sich nach ihnen richten oder nicht.

Noch eine Überraschung haben wir nach unserer Heimkehr aus Camboriú erlebt. Wir gingen, da wir spät kamen, zu Dona Ana. Ich hätte schwören können, dass sie italienischer Abstammung ist. Warum? Ich weiß nicht, war aber fest davon überzeugt. Heute nun kam Dona Ana zu uns und wir hatten ein längeres Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass sie einen schwedischen Vater, der aus Helsingborg stammt, hat und eine braunhäutige Mutter aus Belo Horizonte. Sie selber ist eher blond mit blau-grauen Augen, aber ihre Geschwister seien alle braun. Ihre Tochter Rafaela, die immer an der Kasse sitzt, wurde vor wenigen Tagen 30 Jahre alt und am Samstag wird es ein Fest geben, zu dem wir jetzt auch eingeladen sind. Schwedisch kann Dona Ana leider nicht. Aber sie heißt Olsson mit Nachnamen und wenn ich sie mir jetzt anschaue, wundere ich mich, dass ich das nicht schon eher entdeckt hatte. Da kann man mal sehen, wie falsch gewickelt man mit seinen Vorurteilen liegen kann.

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