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Sonntag, 2. November 2014: Thomas

Eigentlich sollte über diesem Kapitel der Name „Rafaela“ stehen, denn eigentlich ist Rafaela die Hauptperson des gestrigen Abends gewesen. Rafaela hatte schließlich Geburtstag und war vor wenigen Tagen 30 Jahre alt geworden. Heute nun sollte gefeiert werden und zwar im Familien- und Freundeskreis – und wir waren eingeladen. Ich hatte davon schon berichtet.

Das Fest begann zu einem Zeitpunkt, an dem Aurora sich eigentlich schon fast im Reich der Träume befindet: 20.30 Uhr. Aber wir hatten vorgeschlafen und so war es ein gemütlicher und schöner Abend. Als wir kamen, waren erst wenig Gäste da, darunter aber auch Thomas, den wir sofort als Deutschen entlarvten und der sich gerne entlarven ließ. Aber zunächst gratulierten wir Rafaela. Rafaela ist eine junge, attraktive Frau. Ihr Gardemaß wird nicht viel über 1,50 m liegen. Sie ist schlank mit sehr weiblichen Formen, die durch ein sehr schickes, rotes, eng anliegendes Kleid unterstrichen wurden. Ansonsten sehen wir sie eher in Arbeitskleidung durch das Restaurant „Rancho da Ana“ huschen, immer bereit, Leuten Getränke an den Tisch zu bringen und am Ende zu kassieren. Jetzt also hatte sie die Arbeitskleidung gegen dieses Kleid ausgetauscht und machte gleich einen ganz anderen Eindruck. Dasselbe galt übrigens dann auch für Ana, ihre Mutter. Auch die war entgegen dem Erscheinungsbild der mitarbeitenden Chefin, das wir sonst von ihr sahen, richtig schick gemacht. Sie kam nach ihrer Ankunft gleich an unseren Tisch und wir haben uns sehr herzlich in den Arm genommen. Dabei war sie überrascht, dass auch ich sie kräftig drückte. Das ist sie von einem Deutschen – außer natürlich Thomas – nicht gewohnt. Die seien immer so distanziert und bräuchten immer rund einen Meter zwischen sich und den anderen. Man merkt, dass von ihrem schwedischen Erbe, das eigentlich einen noch viel größeren Abstand zwischen den Menschen erfordert, nicht besonders viel übrig ist. Denn sie ist gerne dabei mit den Umarmungen.

Die Gästeschar war für uns recht ungewöhnlich, denn sie bestand zum überwiegenden Teil aus jungen Menschen, oft Familien mit und ohne kleine Kinder. Es gab aber auch ältere Menschen – wie Aurora und mich, und sogar noch ältere, Verwandte von Rafaela. Sie saßen zusammen an einem Tisch, der aber mitten im Geschehen stand. Die meisten Tische im Restaurant waren besetzt, wobei mehr Leute rum liegen als fest auf ihrem Hosenboden zu sitzen. Das war auch nötig, um der vielen Kleinkinder, die zwischen den Erwachsenen spielend durch wuselten, Herr zu werden. Die Kleinkinder hingegen bescherten sich ihr eigenes Fest in gemeinsamem Spiel. Sie tobten umher, eine 2-Jährige hatte sich einen Holzklotz genommen, mit dem sie Handy spielte. Sie telefonierte mit ihrer ganzen Familie, tippte auf dem Holzklotz die Nummer ein, hielt ihn ans Ohr und sprach mit dem Angerufenen. Dabei ging sie natürlich etwas abseits, weil man das mit einem Handy ja so macht. Heimlich schaute ich ihr zu und hatte meinen Spaß.

Gereicht wurde Fingerfood, von Ana selber bereitet: Kroketten, kleine Coxinhas (in einem Teich eingebackenes Hühnerfleisch), kleine Rindfleischstücke, Manjokkroketten, Hackfleischpastetchen und und und … Sehr lecker. Ich habe gleich zu viel davon gegessen, so dass ich sogar noch heute früh satt davon war, obwohl wir ausnahmsweise nicht wie sonst schon um 6 Uhr aufstanden, sondern erst um 9 Uhr.

Als wir also kamen, fanden wir sehr schnell den, für den wir eingeladen worden waren: Thomas. Thomas wohnt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern schon seit 12 Jahren in Bombinhas. Ursprünglich kommt er aus der Pfalz, Zweibrücken. Zweibrücken sei auch noch sein „Dahoom!“ wie er im Pfälzer Dialekt sagte. Aber zu Hause sei er nun hier in Bombinhas mit seiner Frau Andrea und den beiden kleinen Töchtern, die das junge Paar schon in Bombinhas wohnend, bekamen. In Deutschland sei der seit 4 Jahren nicht mehr gewesen. Aber er vermisse es nicht, lediglich „pälzer Kartoffelklees“, seine Lieblingsspeise.

Was er denn hier mache, wollte ich wissen. Er ist freiberuflich tätig in einem ganz besonderen, ausgefallenen Beruf: Er unterrichtet vor allem Feuerwehrleute, die für die Lebensrettung bei Flussrettungen zuständig sind. Dazu erhält er Aufträge von überall her, fährt dann dorthin und leitet anspruchsvolle Kurse, die die „Bombeiros“ (Feuerwehrleute) in die Lage versetzen, sich fachgerecht bei der Lebensrettung von Menschen, die durch reißendes Wasser bedroht sind, zu verhalten. In seinem Fachwissen ist er bekannt und er kann davon anscheinend ganz gut leben.

Wie kann es nun kommen, dass ausgerechnet ein Pfälzer aus Zweibrücken in einem solchen Beruf landet? Er erzählte, dass er nach seinem Abitur in Zweibrücken zunächst für 3 Jahre nach Ludwigshafen gegangen sei, um dort eine Ausbildung zu machen. Was danach geschah, ist der Damenwelt zu verdanken, denn er hatte wohl eine Vorliebe für Mädchen aus fremden Ländern. Als erste war da eine Österreicherin, die ihn veranlasste, nach Österreich zu ziehen. Als das dann vorbei war, tauchte eine Puerto-Ricanerin auf und gewann sein Herz. Das war schon exotischer und weiter weg. Aber so jemanden wie Thomas schrickt das nicht und er siedelte über nach Puerto-Rico, was für ihn viele Jahre lang eine südamerikanische Basis wurde. Von hier aus lebte er mal eine Zeit lang in Chile, dann wieder in Puerto-Rico, dann in Nicaragua, dann aber auch mal in Norwegen usw. Schließlich lernte er in Chile seine jetzige Frau kennen, Andrea, die er dann auch heiratete. Stabilität aber kehrte dadurch noch immer nicht in sein Leben ein, denn die beiden boten Rafting-Touren für Touristen zuerst in Kalifornien, dann in Mexiko an. Dann aber setzte sich bei ihnen die Heimat Andreas durch. Sie war in Santos geboren und hatte ihr Leben in São Paulo verbracht, bis sie bei einem Chileurlaub Thomas kennen lernte und mit ihm jenes exotische, etwas abenteuerliche Leben teilte. São Paulo aber war für Thoma nix! Das kann ich gut verstehen. So suchten sie eine ihnen angemessene Stadt und fanden Bombinhas, wo sie nun schon seit 12 Jahren leben und die Stabilität entwickelten, die man zur Familiengründung braucht. Das Ergebnis sind die beiden 8 und 3 jährigen Töchter.

Wir unterhielten uns den ganzen Abend, bis die Gratulationskur für Rafaela begann: Alle versammelten sich in einem Raum. Vor Rafaela waren ihre Geschenke, auch unseres (deutsche Schokolade und deutsche Fußcreme – bei dem täglichen Laufpensum von Rafaela bestimmt willkommen!), aufgebaut. Dazu eine sehr künstlich aussehende Torte. Alle sangen das brasilianische Geburtstagslied, auf die Melodie „Happy birthday to You!“ mit portugiesischem Text (parabens pra você) versehen, gratulierten, stießen an und bekamen dafür ein Stückchen der Geburtstagstorte auf einem kleinen Teller serviert. Es herrschte ausgelassene Stimmung, in der wir uns dann verabschiedeten, denn – wie gesagt – der Zeitpunkt unserer Nachtruhe war schon bei weitem überschritten. Außerdem mussten wir Thomas und Andrea eine Chance geben, sich auch mit anderen zu unterhalten. Denn das merkte man bei den Begrüßungen, dass Thomas sehr gut in den Kreis der Eingeladenen integriert war, der aus uns völlig unbekannten, jungen Menschen bestand.

Ich hoffe, wir werden uns demnächst mal hier bei uns treffen und Tipps von ihm erhalten, wie man was hier regelt, was man gesehen haben sollte – Thomas ist hier weit herum gekommen! – und was wir sonst noch machen könnten, wie etwa eine Rafting-Tour.

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