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Montag, 10. November 2014: Brasilia, Teil 1

Gestern war ja nun ein besonderer Tag mit etlichen Gedenkanlässen, positiven und negativen, die sich allerdings vor allem auf Deutschland und seine Geschichte beziehen. Wir haben den Hipe um den Mauerfall vor 25 Jahren am Fernseher mitbekommen und noch einmal miterlebt, wie das damals war. Gott sei Dank hat man über diesem Ereignis nicht das Gedenken an die Reichspogromnacht vergessen. Beides an einem Tag: ein absoluter Höhepunkt und ein absoluter Tiefpunkt deutscher Geschichte. Das ist schon etwas Besonderes. Jedoch waren die Voraussetzungen für ein gutes Nachempfinden der Ereignisse von damals ziemlich schlecht. Es ist in Deutschland kalt. Ich hatte am 9. November 1989 bei der Kundgebung auf dem Synagogenplatz in Frankfurt-Höchst sehr gefroren. Gestern aber war das Wetter traumhaft schön und hochsommerlich warm. So waren wir wieder am Strand und trafen dort einen Herrn, der schon etliche Male ein Stück mit uns gelaufen ist, um uns teilweise auf Deutsch sehr viel zu erzählen. Er hat uns vorgeschlagen, gemeinsam nach Rio Grande do Sul zu fahren, woher er stammt. Das finde ich sehr nett von ihm, aber ich weiß nicht, ob ich diese Art von fröhlichem, verbalem Durchfall längere Zeit aushalte. Ich glaube, ich würde ihn nach zwei Tagen würgen in der Absicht, seine Vergänglichkeit zu beschleunigen. Mein Bruder Frank nennt das Anicca = Vergänglichkeit, ein schöner Name für einen unschönen Vorgang – wenigstens meistens.

Was mich aber gestern – und wohl auch heute noch – besonders beschäftigt, ist die bevorstehende Reise nach Brasilia. Schließlich wollen wir vorbereitet sein, wenn wir dort landen. Für Aurora sieht das vor allem nach Kofferpacken aus. Sie ist sehr fleißig dabei, sich diesbezüglich ihre und meine Gedanken zu machen. Und ich lasse sie gewähren und befasse mich mit dem touristischen Teil der Vorbereitungen.

Dass Brasilia keine alte Stadt ist, weiß jeder. Sie wurde Ende der 50er Jahre von Oscar Niemeyer entworfen und gebaut. Dennoch ist sie heute bereits als Repräsentantin moderner Städtebaukunst UNESCO-Weltkulturerbe.
Geplant wurde die Innenstadt in einer Kreuzform. Die beiden Kreuzbalken gehen in jeweils eine Himmelsrichtung.
Die Ost-West-Achse ist die, auf der die öffentlichen Gebäude und Parks zu finden sind. Sie ist nicht besonders lang, lässt sich von einem guten Fußgänger sicher auch erwandern. Am östlichen Ende ist das Fußballstadion und der Fernsehturm zu finden, während am westlichen Ende die Zentren der Macht liegen mit Präsidentenpalast, Parlament, Oberstem Gerichtshof usw. Dazwischen ist eine Allee der Ministerien, die dort rechts und links in ihren jeweiligen Hochhäusern aufgereiht sind – übersichtlich und geplant.
Auf dem Nord-Süd Kreuzbalken liegen dann die Wohnstätten, Botschaften und viele andere wichtige Einrichtungen Brasiliens. Dieser Balken ist recht breit. In seiner Mitte verläuft eine Avenida, die in drei durch schmale Parks getrennte Fahrbahnen aufgeteilt ist.

Google Earth: Übersicht über Brasilia
Google Earth: Übersicht über die Innenstadt. Unser Hotel wird durch den roten Tropfen markiert.

Nun hat es die Landschaft, in die diese Stadt gebaut wurde, mit sich gebracht, dass der Nord-Süd-Balken, also der Bereich, in dem die Menschen wohnen, gekrümmt ist, so dass er im Verhältnis zur Ost-West-Achse wie ein Flügel aussieht. Und so werden diese Teile dann auch bezeichnet. Es gibt den „asa norte“ (Nordflügel) und den „asa sul“ (Südflügel). Und noch eine Besonderheit gibt es, denn alle Teile dieser geplanten Stadt werden an ihren Rändern mit großen Marginalen markiert. Schaut man sich dieses Muster von oben an, so erscheint die Stadt wie ein großes Flugzeug. Die Schnauze ist im Osten, also in der Machtzentrale. Man könnte meinen, das Cockpit sei der Präsidentenpalast und das Parlament, die Businessklasse die Ministerien. Am anderen Ende der Ost-West-Achse liegt der Fernsehturm und das Fußballstadion. Vom Fernsehturm aus soll man einen wunderbaren Überblick über Brasilia bekommen. Wir werden es sehen.
An dem schmalen Flugzeugkörper sind dann die beiden breiten, gebogenen Flügel befestigt, der Nordflügel und der Südflügel.  An der Spitze des Südflügels (auf dem obigen Plan ganz unten) liegt der Flughafen. Das ganze Gebilde ist die Innenstadt und wird „Plano Piloto“ = Pilotplan genannt. Sie umfasst all das, was die Grundplanung der Stadt vorsah und was sie so besonders sein lässt. Weil aber das Ergebnis an ein Flugzeug erinnert, bringen viele den Namen mit dieser Form und der ein solches Fahrzeug chauffierenden Menschen in Verbindung. Das sind jene armen Zeitgenossen, die sich in Deutschland ständig um ihre Pensionierung sorgen und gerne dafür streiken, weil sie im Gegensatz zum übrigen Gesocks Verantwortung tragen, die eigentlich gar nicht bezahlt werden kann, weil sie so groß ist! Da Plano Piloto lediglich rund 250.000 Bewohner hat und sehr großzügig gebaut wurde, hat die Stadt sehr viele Grünflächen, Parks und Alleen. Da ähnelt sie Berlin und auch Frankfurt. São Paulo sieht da sehr anders aus.
Unser gebuchtes Hotel heißt „Brasil 21“ und liegt in der Nähe vom Fernsehturm, nicht weit entfernt von der Kreuzung der beiden Balken. Es ist ein riesiges Hotel mit etlichen Stockwerken und mehreren Blöcken. Wir werden in Block B wohnen, der ganz am Rande des Ost-West-Balkens auf dem Südflügel liegt. Hier wohnen wir recht zentral.
Meine weitere Erkundungstour galt dem öffentlichen Personennahverkehr. Es war nicht einfach, das heraus zu finden, jedoch gelang es mir, eine Buslinie zu entdecken, die uns für 8 Reais pro Person vom Flughafen direkt zum Hotel bringt. Klasse. Und wenn wir uns dann innerhalb der Stadt bewegen wollen, können wir zahlreiche Buslinien nehmen, deren Nutzung lediglich 2 Reais kostet. Es gibt zwar auch eine Metro, jedoch verbindet die lediglich die weit entfernt liegenden Vororte mit den beiden „Flügeln“ der Stadt. Irgendwie muss schließlich die arbeitende Bevölkerung an die Arbeitsstätten gebracht werden.

Morgen früh müssen wir schon gegen 4.30 Uhr aufstehen und um 5.30 Uhr nach Navegantes fahren. Dort können wir gegen ein relativ geringes Entgelt unser Auto bis zu unserer Rückkehr parken. Um 8 Uhr geht es dann los nach São Paulo und dann weiter nach Brasilia. Der Weg dorthin beträgt rund 1.400 km und wir sind gegen 12 Uhr vor Ort. Ich werde mich dann mit vielen Bildern und Berichten melden.

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